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Gesundheit
Oberösterreich
26.04.2022

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass die MFG in der Ärztekammer eine wesentliche Rolle spielen wird"

Dass die Liste Fiala der coronaskeptischen Kleinpartei MFG bei der rezenten Ärztekammerwahl in Wien auf Anhieb sechs Mandate errang, überraschte Beobachter wahrscheinlich mehr als Thomas Szekeres. Der Humangenetiker ist seit 2012  Präsident der Wiener Ärztekammer, muss diese Position nun aber an seinen bisherigen Vize Johannes Steinhart abtreten.

Am 19. März hat die MFG mit sechs Mandaten den Einzug in die Wiener Ärztekammer geschafft. Waren Sie überrascht? 

Thomas Szekeres: Natürlich wundert es mich ein wenig und ich finde es auch durchaus enttäuschend, wenn Impfgegnerschaft und eine unwissenschaftliche Position unter Medizinern reüssieren, aber die Mehrheit unseres Berufsstandes steht ja nach wie vor für evidenzbasierte Medizin. Man muss es also auch so sehen: Von insgesamt fast 14.000 wahlberechtigten Ärztinnen und Ärzten haben 400 der MFG ihre Stimme gegeben, konkret hat sie nun in Wien sechs von 90 Mandaten. Das ist sicherlich mehr, als mir lieb ist, aber es ist auch nicht so wahnsinnig viel.

Die Corona-Pandemie wirft jetzt natürlich das Schlaglicht auf Medizinerinnen und Mediziner, die der Coronaleugner- und Impfgegnerszene zuzuordnen sind. Aber hat man in der Ärztekammer nicht schon früher gewusst, welcher Prozentsatz an Ärztinnen und Ärzten nicht evidenzbasierte Methoden propagiert? Musste man nicht damit rechnen, dass diese Gruppe in der aufgewühlten Pandemiedebatte in dieses Horn blasen wird? 

Als Arzt verstehe ich absolut nicht, dass Kolleginnen und Kollegen die Malignität des Corona-Virus und den Sinn der Impfung anzweifeln können. Aber es gibt nun einmal auch unter Ärztinnen und Ärzten einen kleinen Prozentsatz, der das tut. Das muss man zur Kenntnis nehmen. 

Ist es der Ärztekammer ein Anliegen, sich davon abzugrenzen? Gab es nicht auch vor der Pandemie Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen über die Wissenschaftlichkeit von Methoden und die Validität von Studien, nur eben weniger beachtet von der Öffentlichkeit? Etwa zum Thema Impfen.

Was das Impfen betrifft, so ist die Position der Ärztekammer von jeher eine ganz eindeutige: Wir befürworten es mit großer Mehrheit und haben es auch vor der Corona-Pandemie als notwendig erachtet. Früher drehte sich die Impfdebatte um Masern oder andere Infektionskrankheiten, jetzt ist es eben Corona. Es ist gut belegt, dass die Corona-Impfung das Risiko auf schwere Covid-19-Verläufe und Long Covid signifikant senkt. Das ist für einige Bevölkerungsgruppen, vor allem die ältere, ungemein wichtig. Aber wie auch immer: Unsere Haltung zum Impfen ist unmissverständlich und spiegelt sich auch in etlichen Beschlüssen der Österreichischen Ärztekammer wider. Natürlich dürfen Ärztinnen und Ärzte abweichende Meinungen verkünden, das fällt dann eben unter freie Meinungsäußerung. Die Grenze ist dort zu ziehen, wo es disziplinarrechtlich relevant wird, sprich wo ärztliches Handeln Menschen nachgewiesenermaßen schädigt. Etwa durch unwissenschaftliche Therapien oder das Unterlassen von Behandlungen. Aufgrund des Ärztegesetzes sind Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, ihre Patientinnen und Patienten auf Basis der wissenschaftlichen Evidenz zu behandeln. 

"Früher drehte sich die Impfdebatte um Masern oder andere Infektionskrankheiten, jetzt ist es eben Corona."

Wie erklären Sie sich dann, dass Ärztinnen und Ärzte die MFG unterstützen? Wenn man das Wahlergebnis aufsplittet, stieß die MFG in Wien immerhin bei sieben Prozent der angestellten Ärzte, sechs Prozent der Fachärzte und sogar 13 Prozent der niedergelassenen Allgemeinmediziner auf Zuspruch.

Es ist mir ein Rätsel, warum das so ist. 

Was meinen Sie, wie wird sich die Präsenz der MFG auf die Stimmung in der Wiener Ärztekammer auswirken? Es gab ja schon im Vorfeld der Wahlen harte Worte vonseiten der MFG-Liste und Sie selbst haben eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen. 

Die Zusammenarbeit schließe ich weiterhin aus, dazu ist die inhaltliche Kluft einfach zu groß. Bei der MFG handelt es sich um eine Gruppe, die offensichtlich die Meinung vertritt, dass Impfungen Schaden anrichten. Das entspricht nicht der wissenschaftlichen Evidenz.

Fürchten Sie, dass es in den Länder-Ärztekammern oder der ÖÄK ähnliche Ergebnisse geben wird?

In Tirol haben die MFG-Listen bereits ein paar Mandate bekommen. Und dort, wo sie in naher Zukunft antreten werden, gehe ich davon aus, dass es eine Minderheit geben wird, die sie wählt. Aber ich glaube nicht, dass das einen Einfluss auf die Linie der Ärztekammer hat. 

Halten Sie die MFG-Beteiligung in den Ärztekammern für ein vorübergehendes Phänomen, das mit der Pandemie zusammenhängt und irgendwann mit ihr verschwinden wird?

Die Pandemie und die Debatte um die Impfpflicht haben sicherlich einiges zum Erstarken solcher Kräfte beigetragen, das sieht man ja auch in der Gesamtbevölkerung. Die Einführung und anschließende Nichtumsetzung der Impfpflicht hat dann noch einmal kräftig umgerührt und die Emotionen hochgehen lassen. Ich denke schon, dass sich das in dem Maße, in dem man die Pandemie in den Griff bekommt, beruhigen wird. Beziehungsweise dann, wenn die Bevölkerung irgendwann einmal genügend Immunität aufgebaut hat, sodass die Inzidenz und vielleicht sogar die Schwere der Erkrankung sinken. Dann könnten wir die Pandemie hinter uns lassen.

Welche Lehren zieht man in der Wiener Ärztekammer aus dem Wahlergebnis? 

Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie man Ergebnisse wie dieses verhindern kann. Wir sind 48.000 Ärztinnen und Ärzte in Österreich, da gibt es eben einige wenige, die abweichende Meinungen haben. Aber dass die MFG in den Ärztekammern eine wesentliche Rolle spielen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Ich hoffe nur, dass ihre gegenwärtige Präsenz keinen negativen Einfluss hat auf das Verhalten der Menschen, was Therapien und präventive Maßnahmen betrifft. 

Ist Letzteres vielleicht auch eine Motivation für die Ärztekammer, ihre bestehende Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Corona zu verstärken? 

Ja, ich betone auch immer wieder, dass die so genannte Corona- oder Impfskepsis eine Minderheitenposition ist. Und ich denke auch, dass das Gros der Österreicherinnen und Österreicher das verstanden hat, denn sonst hätten sich wohl kaum drei Viertel der Bevölkerung gegen Corona impfen lassen. Aber bekanntlich braucht es für eine durchschlagende Pandemiebekämpfung eine noch höhere Durchimpfungsrate. Die große Mehrheit von uns Ärztinnen und Ärzten will dazu beitragen.

Interview: Uschi Sorz; Foto: Ärztekammer für Wien/ Foto Wilke 

Thomas Szekeres, Prof. Dr.

Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Szekeres ist Humangenetiker und Facharzt für klinische Chemie und Labordiagnostik. Er ist Oberarzt am Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der MedUni Wien. Seit 2001 ist er Vorstandsmitglied der Ärztekammer für Wien und seit 2012 deren Präsident. Außerdem ist er seit 2017 Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Nach der Wahl der Wiener Ärztekammer am 19. März wurde eine neue Koalition gebildet und Szekeres wird von seinem bisherigen Vize Johannes Steinhart abgelöst. Da die Position des Präsidenten der Bundesärztekammer nur von einem Landespräsidenten ausgeübt werden kann, muss Szekeres auch hier abdanken.

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