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Gesundheit
Oberösterreich
22.11.2019

„Das entscheidende Zukunftsthema ist die Explosion des Wissens!“

Für die größte Herausforderung im Gesundheitswesen hält Strategie-Experte Christoph Zulehner weder Kosteneffizienz noch Digitalisierung, sondern den exponentiellen Erkenntniszuwachs: Das Fachwissen in der Gesundheitsbranche verdoppelt sich aktuell jedes Jahr – Tendenz weiter steigend.

Sie beraten Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen dabei, sich strategisch zu positionieren. Müssen Sie Ihren potenziellen Kunden erst erklären, was sie davon haben?

Christoph Zulehner: Tatsächlich beschäftigen sich noch erstaunlich wenige Gesundheitseinrichtungen mit diesem Thema. Doch strategische Positionierung braucht jedes Unternehmen, sobald es im Wettbewerb steht. Das ist im Gesundheitswesen seit 1997 der Fall, als die Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung eingeführt wurde. Inzwischen hat sich der Wettbewerb ausgeweitet: Es herrscht Wettbewerb um Patienten, um Personal, um Investitionen, auch um Spendengelder. Daher sind auch Gesundheitsunternehmen gut beraten, klar zu sagen, wofür sie stehen. Sie müssen eine Marke entwickeln, damit die Menschen wissen, was sie dort erwartet – schließlich fällt die Entscheidung für oder gegen ein Haus schon vor der Tür. Eine Marke muss Orientierung schaffen für Patienten und Mitarbeiter. Auch wenn es immer noch Kliniken gibt, die den Wettbewerb negieren, setzt sich diese Erkenntnis mehr und mehr durch, und ich befasse mich schwerpunktmäßig damit. Gerade die Vinzenz Gruppe ist auf diesem Weg bereits ausgezeichnet unterwegs.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen der Zukunft?

Da werden immer Kosteneffizienz und Digitalisierung genannt, aber beides wird uns nicht primär beschäftigen. Die größte Herausforderung ist das exponentielle Wachstum des Wissens. Das Wissen explodiert geradezu: Es verdoppelt sich in diesem Bereich mittlerweile in nicht einmal 365 Tagen, mit nach wie vor wachsender Dynamik. Da muss sich jeder Player im System fragen: Wie gehe ich damit um, wie organisiere ich das?

Nämlich wie?

Mit Spezialisierung und Subspezialisierung. Als ich vor bald 40 Jahren meine ersten Schritte im Gesundheitswesen gemacht habe, gab es zum Beispiel noch die medizinische Fachdisziplin Neurologie und Psychiatrie. In den 1980er Jahren wurden zwei eigenständige Fächer daraus. Heute unterteilt sich alleine die Neurologie in zahlreiche unterschiedliche Fachbereiche von neuromuskulär bis neurovaskulär, ebenso gibt es in der Psychiatrie vielfältige Untergliederungen.

"Allrounder stehen heute auf dünnem Eis."

Die Spezialgebiete werden immer kleiner und komplexer. Schon jetzt gibt es etwa in Großbritannien Kliniken, die ausschließlich auf Erkrankungen von Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse spezialisiert sind. Die Digitalisierung wird diese Spezialisierung unterstützen. Pointiert gesagt: Wenn es Süßwasserzierfischaquarianern gelingt, sich über soziale Medien weltweit zu vernetzen, sollte das im Gesundheitswesen auch möglich sein. Allrounder stehen heute auf dünnem Eis.

Was heißt das für ein typisches peripheres Krankenhaus in Oberösterreich?

Ein Krankenhaus für die Basisversorgung hat drei Aufgaben für die Patienten zu erfüllen: Erstens: Wir finden heraus, woran Sie leiden. Zweitens: Wir behandeln Ihre Erkrankung, sofern wir das häufig machen. Drittens: Wenn es sich um eine andere Erkrankung handelt, sorgen wir dafür, dass Sie in unserem Netzwerk optimal behandelt werden. Für Patienten heißt das, dass es nicht mehr alles überall geben wird und dass das für sie kein Nachteil, sondern ein Vorteil ist.

Diese Botschaft wird aber nicht überall gerne gehört werden.

Ich stelle immer wieder fest, dass die Patienten das verstehen, wenn man es ihnen ausreichend erklärt. Wenn eine spezialisierte Behandlung in 80 Kilometer Entfernung erfolgt, so ist das heute zumutbar. Auch in der Gesundheitspolitik wird das zwar nicht von allen, aber doch von immer mehr Beteiligten eingesehen. Die Anbieterseite hat da noch eher Probleme. Aber man sollte den Mut haben, den Menschen zu sagen, dass es in diese Richtung geht. Mehr noch: Es wird Angebote geben, die werden nicht mehr nationalstaatlich, sondern in europäischem Maßstab zu denken sein. Wenn wir heute nicht proaktiv den Mut dazu haben, kommt übermorgen die Notwendigkeit.

„Tatsache ist aber, dass wir in Österreich mit weniger Krankenhäusern auskommen können.“

Die Zukunft im Gesundheitswesen heißt demnach Zentralisierung?

Nein. Es geht darum, Leistungen zu konzentrieren, nicht zu zentralisieren. Diese Begriffe darf man nicht verwechseln. Tatsache ist aber, dass wir in Österreich mit weniger Krankenhäusern auskommen können. Dänemark zum Beispiel hat knapp sechs Millionen Einwohner und etwa 20 Krankenhäuser, auch wenn das topografisch mit Österreich nicht 1:1 vergleichbar ist. Meine Vision des österreichischen Gesundheitssystems in, sagen wir, 10 bis 20 Jahren umfasst jedenfalls weniger Krankenhausstandorte als heute, die aber hochqualitativ sind und ihre Leistungen bündeln. Dazu gehört allerdings auch ein massiver Ausbau des niedergelassenen Bereichs, sowohl ärztlich als auch pflegerisch.

Stichwort Pflege: Sie kommen ja selbst ursprünglich aus diesem Fachbereich. Wie brisant ist der sogenannte Pflegenotstand?

Sehr unterschiedlich. Gerade im extramuralen Bereich und in der Langzeitpflege sind sicher deutlich mehr Pflegekräfte notwendig. Teilweise sind auch schon Krankenhäuser betroffen, an der Peripherie mehr als im urbanen Raum. Dabei ist das Gesundheitswesen eigentlich eine der interessantesten Dienstleistungsbranchen überhaupt. Zum Mangel an Pflegekräften tragen viele Ursachen bei, auch die Entwicklung unserer saturierten Gesellschaft und nicht zuletzt die Pflege selbst: Wenn man von früh bis spät davon spricht, wie furchtbar der Job ist, braucht man sich nicht zu wundern.

Welche Rolle wird künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen der Zukunft spielen?

Künstliche Intelligenz übertrifft uns Menschen in mancher Hinsicht schon heute, etwa bei der strukturierten Aufarbeitung großer Datenmengen. Bestimmte Hauttumore können auf diese Weise bereits sicherer diagnostiziert werden als vom Dermatologen. Wir sollten nicht naiv sein, was diese Entwicklungen betrifft, aber dennoch die positiven Seiten hervorheben.

„Ich würde mir wünschen, dass die Menschen selbst mehr Verantwortung übernehmen.“

Wenn Sie einen Wunsch für das Gesundheitssystem frei hätten, wie würde der lauten?

Ich würde mir wünschen, dass die Menschen selbst mehr Verantwortung übernehmen und sich fragen, wie sie ihrer Verantwortung als Mitglied einer Solidargemeinschaft gerecht werden. Etwa, indem sie sich informieren und nicht das System dadurch paralysieren, dass sie bei kleinen Wehwehchen hochspezialisierte Einrichtungen in Anspruch nehmen. Wenn wir das schaffen, wäre es ziemlich elegant und wirkungsvoll.

Interview: Josef Haslinger

Christoph Zulehner, Dr.

Unternehmensberater und Management-Coach

Zulehner hat eine Ausbildung zum Diplomgesundheits- und krankenpfleger sowie Studien der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Gesundheitsmanagement und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften abgeschlossen. Nach verschiedenen Fach- und Managementpositionen im Spitalsbereich ist er seit bald 20 Jahren als selbständiger Unternehmensberater und Management-Coach tätig. Der Oberösterreicher ist Autor mehrerer Fachbücher zu den Themen Strategie, Management und Personal sowie Gastprofessor für Strategie und Ko-Kompetenz an mehreren Hochschulen in Österreich und Deutschland. Der 56-Jährige ist auch gefragter Keynote-Speaker und hat zuletzt mit „Make the Fake“ und „Art of Fake“ zwei weitere vielbeachtete Bücher veröffentlicht. www.christophzulehner.com