INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
30.07.2020

"Prävention muss unser Markenkern werden!"

Andrea Kdolsky, neue Leiterin des Departments Gesundheit an der Fachhochschule St. Pölten, sieht verstärkte Krankheitsvorbeugung und die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen auf Augenhöhe als zentrale Zukunftsthemen im Gesundheitswesen.

Was führt eine ehemalige Gesundheitsministerin und international tätige Gesundheitsmanagerin an eine FH in Niederösterreich?

Andrea Kdolsky: Für mich ist das in gewisser Weise ein „Zurück zum Ursprung“. Ab 2005 war ich in diesem Bundesland als Geschäftsführerin der NÖ. Landeskliniken-Holding für die Zusammenführung und die strategische Ausrichtung von 27 zuvor einzelverantwortlichen Spitälern verantwortlich. Da habe ich sehr viel gelernt und Themen kennengelernt, die damals neu waren, zum Beispiel Public-Private-Partnerships. Zugleich waren mir akademische Lehre und Forschung immer ein großes Anliegen. Ich unterrichte auch wahnsinnig gern selbst, etwa an der FH Wien, an der Paracelsus Privatuniversität in Salzburg und bis heute an der IMC Fachhochschule Krems. Den Kontakt zu jungen Leuten schätze ich ungemein.

Mehr als die Politik?

Die Zeit als Bundesministerin war sicher der „stärkste Tobak“ meiner Berufslaufbahn. Das Problem in diesem Amt ist ein allgemeines: Es gibt kaum Kompetenzen. Die Spitäler sind in der Obhut der Länder, für den niedergelassenen Bereich sind die Sozialversicherungen in Selbstverwaltung zuständig. Bundesweite Rahmengesetze und Vorgaben werden durch den Föderalismus verwässert und ausgehebelt – man denke nur an den Österreichischen Strukturplan Gesundheit. Es gibt eine Vielzahl von Stakeholdern, von der Ärztekammer bis zur Pharmaindustrie. Das macht wirkliche Reformen, wie ich sie wollte, sehr schwierig. Noch dazu bin ich eine Change Managerin, keine Diplomatin. Daher stand für mich bald fest, dass meine Zukunft nicht in der Politik liegen würde.

"Ich bin eine Change Managerin, keine Diplomatin!"

Was sind aktuell die Schwerpunkte der FH St. Pölten im Gesundheitsbereich?

Unser Department bildet derzeit knapp 600 Studierende für ein modernes Gesundheitswesen aus, in den Bachelorstudien Diätologie, Physiotherapie und Gesundheits- und Krankenpflege sowie im interdisziplinären Masterstudium Digital Healthcare. Dazu kommen Weiterbildungslehrgänge, zum Beispiel für Angewandte Ernährungstherapie sowie ab heuer auch für Ganganalyse und -rehabilitation. Die Studiengänge werden durch Forschungsarbeit am Institut für Gesundheitswissenschaften und am Center for Digital Health Innovation begleitet und unterstützt.

Wird dieses Portfolio so bleiben?

Im Wesentlichen ja, allerdings ergänzt durch einen Studiengang Public Health, der aktuell in Planung ist und wo ich mich selbst in die Lehre einbringen werde. Darüber hinaus wollen wir die Kooperation mit der Bertha von Suttner Privatuniversität verstärken, mit der wir ja über die Holdingstruktur der Stadt St. Pölten verbunden sind. Dafür kommen beispielsweise Aspekte aus dem Bereich Mental Health in Frage. Insgesamt wird – neben Health-IT – vor allem aber Prävention unser wesentliches Thema bleiben. Mein Ziel ist es, die Expertise zu diesem Thema weiter zu stärken. Prävention muss der Markenkern unseres Departments werden. Lange gesund zu bleiben, mit allen psychologischen Aspekten, die dazu gehören – das ist in einer Gesellschaft, wo die Menschen immer älter werden, das Zukunftsthema schlechthin. Da spielen auch viele anderen Fragen unserer Zeit hinein, die die Menschen bewegen: Reizüberflutung, Überforderung, Ängste, Ruhelosigkeit, Sprachlosigkeit, Verlust von Vertrauen.

Ist die Fachhochschule dafür gut aufgestellt?

Als FH sind wir zweifellos weniger tief in der Grundlagenforschung unterwegs als Universitäten. Unsere Stärke ist vielmehr die angewandte Forschung im Zusammenwirken mit der Wirtschaft – Health Care wird schließlich für immer mehr Branchen ein Thema. Und wir sind flexibel: Wir können Veränderungen und Umbrüchen, wie sie gerade auch das Gesundheitswesen prägen, rascher folgen. Wir können also schnell jene Angebote entwickeln, die gebraucht werden. In diesem Sinne wollen wir künftig auch Start-Ups fördern, indem wir ihnen Platz bieten. Darüber hinaus richten wir schon jetzt unser Lehrgangsangebot dahingehend aus, dass Absolventinnen und Absolventen gut auf die Selbständigkeit, besonders als Ein-Personen-Unternehmen, vorbereitet werden.

"Alle Berufsgruppen müssen die Begegnung auf Augenhöhe lernen."

Wird es auch neue Berufsfelder im Gesundheitswesen geben?

Es gibt viele qualifizierte Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Die Herausforderung ist es, zu definieren: Wer macht was, wer darf was? Alle werden lernen müssen, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Gerade Ärztinnen und Ärzte sollten erkennen, dass auch sie davon profitieren. Natürlich müssen Haftungsfragen ganz klar geregelt sein, schließlich geht es da um die Gesundheit von Menschen und nicht ums Jeansverkaufen. Doch wenn wir auch in Zukunft wohnortnahe ambulante Versorgungsstrukturen wollen, werden wir neue, innovative Wege gehen müssen, bis hin zur Einbindung von sozialen Berufen, etwa bei pflegenden Angehörigen. Ein anderes Beispiel ist das Pilotprojekt „Acute Community Nurse“, das vor wenigen Wochen in einer Region in Niederösterreich gestartet wurde: Hier sind Pflegepersonen mit besonderer präklinischer Expertise in der Notfallversorgung tätig, weil längst nicht jeder Rettungseinsatz primär einen Spitalsaufenthalt oder Ambulanzbesuch erfordert. Mit dem Studium „Gesundheits- und Krankenpflege Plus“ bilden wir an der FH St. Pölten die entsprechenden Expertinnen und Experten aus.

Nochmals zurück zur Prävention: Kommt dieses Thema an? Sind heute mehr Menschen bereit, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen?

Das ist sicherlich ein Umdenkprozess über eine ganze Generation. Da reicht es nicht, ein paar Plakate aufzuhängen. Diese Prozesse müssen in der Familie und im Kindergarten beginnen. Aber ein Umdenken findet statt – auch im Gesundheitswesen.

Interview: Josef Haslinger

Andrea Kdolsky, Dr.

Leiterin des Departments Gesundheit an der FH St. Pölten

Kdolsky ist ausgebildete Fachärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie und einer breiten Öffentlichkeit aus ihrer zweijährigen Amtszeit als Bundesministerin für Gesundheit, Familie und Jugend (2007/2008) bekannt. Zuvor war die Absolventin eines Gesundheitsmanagement-Lehrgangs der Wirtschaftsuniversität Wien Geschäftsführerin der NÖ. Landeskliniken-Holding. Nach ihrem Abschied aus der Politik wechselte die Wienerin als geschäftsführende Direktorin für den Bereich Life Sciences, Healthcare Services & Pharmaceuticals zu PwC Österreich. Zuletzt war die 57-Jährige, die ein Consulting-Unternehmen für Gesundheitswirtschaft betreibt, unter anderem in Slowenien, Südtirol und im Auftrag der Weltbank im Kosovo tätig. Seit November 2019 leitet Andrea Kdolsky das Department Gesundheit an der FH St. Pölten.