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Gesundheit
Oberösterreich
30.11.2022

„Es wird Mut brauchen, neue Wege zu gehen!“

Zur Landtagswahl in Oberösterreich stellt die Onine-Plattform INGO aktuelle gesundheitspolitische Fragen gleichlautend an alle im Landtag vertretenen Parteien. Hier die Antworten von Landtagsabgeordneter Ulrike Schwarz (Die Grünen).

Die Spitalsreform II wurde in den vergangenen Jahren in Oberösterreich umgesetzt. Sind aus Ihrer Sicht weitere Reformen im Krankenhausbereich notwendig?

Ulrike Schwarz: Es braucht immer eine Weiterentwicklung des Spitalsbereiches, um die medizinischen und technischen Entwicklungen – Stichwort Digitalisierung – gut zu bewältigen. Auch, um weitere Entlastungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schaffen und die Kostensteigerungen zu dämpfen. Dies darf aber nicht auf Kosten der Behandlungs- und Arbeitsplatzqualität gehen. Für weniger und kürzere Spitalsaufenthalte muss die Versorgung außerhalb der Krankenhäuser forciert werden. Es geht auch um den Erhalt der regionalen Krankenhäuser, diese sind eine wesentliche Stütze der Gesundheitsversorgung in Oberösterreich. Um diese dauerhaft zu gewährleisten, müssen Kooperationen und Schwerpunktsetzungen weiter forciert werden.

Wie steht Ihre Partei zur Trägervielfalt im oberösterreichischen Spitalswesen?

Wir Grüne stehen zur Trägervielfalt im Spitalsbereich, zur gewachsenen und bewährten Struktur. Jeder Träger, jedes Haus hat seine Schwerpunktsetzungen und Expertisen, und diese sind gut abgestimmt im Regionalen Strukturplan Gesundheit. Wie die Pandemie gezeigt hat, funktioniert die Zusammenarbeit und Kooperation sehr gut. So war und ist die zentrale Koordination der Intensivbetten Vorbild für ganz Österreich. Diese Vielfalt gilt es zu erhalten, die Kooperation und den Austausch weiter zu festigen. Auch der gestartete Aufbau der stationären Hospize ist ein sehr gutes Beispiel zur Zusammenarbeit. Die gebündelte Kompetenz der Ordenskliniken mit dem Roten Kreuz und dem Land OÖ sorgen hier für eine wichtige Einrichtung für die Menschen in Oberösterreich.

Sollen intra- und extramurale Bereiche stärker vernetzt werden, mit welchen Maßnahmen?

Ja, für eine gute Gesundheitsversorgung ist das ganz entscheidend. Hier gilt es das Nahtstellenmanagement weiterzuentwickeln und die digitalen Möglichkeiten stärker zu nutzen. Kooperationsprojekte zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten müssen ausgebaut und auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt werden. Es braucht auch neue Gesundheitsdienstleistungen wie zum Beispiel mehr selbstständig tätige Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten – „Community Nurses“ – um die Versorgung gerade in den ländlichen Regionen zu gewährleisten. Da werden auch Gesetzesänderungen notwendig sein. Und es wird Mut brauchen, gewohnte Pfade zu verlassen und neue Wege auch in multiprofessionellen Teams zu gehen. 

In manchen Regionen wird es immer schwieriger, die hausärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten. Welche Lösungsvorschläge vertreten Sie?

Hier muss an mehreren Schrauben gedreht werden. In der Ausbildung muss das stärker im Fokus sein, die Lehrpraxen müssen ausgebaut und finanziell abgesichert, neue Formen von Anstellung und freiberuflicher Tätigkeit gefunden werden. Ein „Niederlassungs-Paket“ soll junge Medizinerinnen und Mediziner bei Verwaltung und wirtschaftlichen Angelegenheiten unterstützen. Auch der HÄND (Hausärztlicher Notdienst) ist eine wichtige Entlastung, damit auch bei freiberuflich Tätigen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich ist. Der Ausbau von PVE in unterschiedlichen Größen und Formen ist ein wichtiger Baustein einer gut abgestimmten Versorgung. Moderne und attraktive Kassenverträge müssen dafür sorgen, Ärztinnen und Ärzte auch in peripheren Regionen zu halten.  

Wie soll der wachsende Bedarf an Pflegekräften – in Krankenhäusern, in Alten- und Pflegeheimen und bei mobilen Diensten – gedeckt werden?

Wir müssen hier neue Wege gehen, nicht ein „Weiter wie bisher“. Es braucht eine Entwicklung in Richtung bedürfnis- und sozialraumorientierter Pflege: lebensweltorientierte Hausgemeinschaften oder flexiblere, mobile Unterstützungsangebote. Dazu passt das gerade von Minister Mückstein vorgelegte Projekt zum flächendeckenden Ausbau der „Community Nurses“. Eine gute – auch akademisierte – Ausbildung, Weiterbildungsmöglichkeiten und Durchlässigkeit zu anderen Gesundheits- und Sozialberufen sind entscheidend, um gute Kräfte zu bekommen. Flexible Arbeitszeitmodelle, regelmäßige Supervisionen und mehr Zeit für ganzheitliches arbeiten in multiprofessionellen Teams steigern nachweislich die Arbeitszufriedenheit. Auch hier sind mehrere Gesetzesänderungen notwendig und der Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen.

Welche Schlüsse für die Gesundheitsversorgung in OÖ ziehen Sie aus der Corona-Pandemie?

Gerade in der Pandemie hat sich die gute Kooperation zwischen den Krankenhausträgern und dem Land OÖ sehr bewährt. Die Pandemie hat aber auch die Schwachstellen aufgezeigt. So wurde schnell klar, dass viel zu wenig Schutzbekleidung vorrätig ist, und die gesplitteten Zuständigkeiten haben oft die Entscheidungsprozesse unnötig verlangsamt. Am sichtbarsten wurden aber die fehlenden Sozialangebote, um die psychischen Herausforderungen besser abzufangen. So müssen Projekte wie GES.UND (Gesundheitsförderung und Prävention in der Primärversorgung) flächendeckend ausgebaut und abgesichert werden. Ausreichend stationäre und mobile Angebote für long- covid, gerade auch bei Kindern und Jugendlichen, müssen sofort aufgebaut werden. 

Soll für die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen eine Covid-19-Impfpflicht gelten?

Wir appellieren an die Eigenverantwortung und Solidarität mit den stark gefährdeten Menschen und auch den Kindern, die sich (noch) nicht impfen lassen können. Wir wollen weiter durch gezielte Information überzeugen. Gerade auch die jetzigen Zahlen zeigen: Wir alle haben eine große Verantwortung. Steigen die Inzidenzen und auch die Patientinnen und Patienten auf den Normal- und Intensivstationen, dann wird auch wieder die Arbeitsbelastung aller dort Tätigen steigen, auch da ist Solidarität gefragt. 

Umfrage: Josef Haslinger

Ulrike Schwarz,

Mitglied des Landesvorstandes der Grünen

Schwarz (63), ausgebildete Bilanzbuchhalterin und Arztassistentin, ist Mitglied des Landesvorstandes der Grünen OÖ. Die Mühlviertlerin ist seit 2003 Abgeordnete zum oberösterreichischen Landtag, das Thema Gesundheit ist einer ihrer Schwerpunkte.

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