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Gesundheit
Oberösterreich
14.10.2020

Engpass mit Nebenwirkungen

Leere Schubladen mit Platzhaltern - das ist in Österreichs Apotheken mittlerweile Alltag. Immer häufiger stehen Apotheker vor dem Problem, Kranke mit den nötigen Medikamenten zu versorgen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Was dies für den Patienten bedeutet, erklärt Wolfgang Ziegler, Hausärztevertreter der Ärztekammer für Oberösterreich.

Bluthochdruck, Diabetes, Gicht, Adipositas, Depression - der Bedarf an Arzneimitteln nimmt weltweit zu. Der Handel mit Medikamenten ist Big Business. Doch im globalen Gesundheitswesen herrscht Kostendruck. Viele Pharmakonzerne lassen daher Wirkstoffe in Fernost herstellen - etwa in China und Indien. Kommt es wegen Verunreinigungen zu Arznei-Rückrufen oder steht die Produktion zeitweilig still, gerät die Lieferkette ins Stocken.

Globales Problem

Dies ist nur einer der vielen Gründe, warum es immer häufiger zu Engpässen kommt. In den vergangenen Jahren hat sich das globale Problem deutlich verschärft. Auch Österreich ist zunehmend davon betroffen. „Es sind in der Tat schon so viele Medikamente nicht mehr lieferbar, dass wir es täglich merken“, sagt Wolfgang Ziegler. Generell müsse man jedoch unterscheiden zwischen Lieferengpässen bei bestimmten Arzneimitteln, die nicht mehr lieferbar sind, und jenen Medikamenten, für die Alternativen zur Verfügung stünden. „Es gibt ja Präparate, die von ihrer Wirksubstanz her auch von anderen Herstellern produziert werden und im Wesentlichen wirkungsgleich sind.“ Dadurch kommt es zwar zu keinem Versorgungsengpass, doch viele Patienten sind durch die wechselnden Verordnungen völlig verunsichert.

„Für viele ältere Menschen, die bereits im Alltag stark gefordert sind, geht dadurch die Medikationssicherheit verloren“, erläutert Allgemeinmediziner Wolfgang Ziegler.

Viele hätten ein Problem damit, wenn ihre Tabletten plötzlich anders aussehen. So kommt es immer wieder vor, dass Patienten Tabletten verwechseln, doppelt oder gar nicht einnehmen. Zudem bedeutet der Lieferengpass für den Patienten oft einen erheblichen Mehraufwand. „Gerade am Land ist es für die Betroffenen ein aufwendiger Prozess: Sie müssen sich erneut ein Rezept ausstellen lassen und sich wieder zu der oft kilometerweit entfernten Apotheke begeben, um sich das Alternativmedikament zu holen. Hier wäre die umstrittene Hausapotheke durchaus eine gute Lösung!“ Bei Medikamenten, für die es kein wirkungsgleiches Präparat gibt, sondern nur Alternativen mit wirkungsähnlichen Wirkstoffen, ist das Problem noch gravierender. Gerade Patienten, die auf eine Therapie gut eingestellt sind und aufgrund des Lieferengpasses auf eine andere Medikation umsteigen müssten, sind verängstigt und verärgert. „Ich verschreibe ja ein bestimmtes Präparat nicht ohne medizinischen Grund“, so Ziegler. Ist es nicht lieferbar, machen sich gerade im städtischen Bereich viele Patienten die Mühe, eine Apotheke nach der anderen abzuklappern, um ihr gewohntes Medikament zu erhalten. „Es ist insgesamt eine unbequeme Situation“, so Ziegler.

Mäßig lukrativer Markt

Lieferengpässe - ein Thema, das Patienten, Ärzte, Apotheker und auch die Politik wohl auch zukünftig weiter beschäftigen wird. Neben der Problematik der Konzentration auf nur wenige Wirkstoff-Hersteller, liegt laut Ärztekammer der Grund für die hiesigen Lieferengpässe auch an dem zu niedrigen Preisniveau in Österreich. Einer Studie des staatlichen Forschungs- und Planungsinstituts „Gesundheit Österreich GmbH“ (GÖG) zufolge bieten Pharmaunternehmen zur Gewinnoptimierung ihre neuen Medikamente zuerst in Ländern mit den höchsten Preisen an. „Für global agierende Pharmafirmen ist der Markt in Österreich einfach nicht lukrativ“, konstatiert Ziegler. „Meine persönliche Maßnahme gegen das Problem der Arzneimittel-Engpässe ist, dass ich versuche, von Firmen, die mir diesbezüglich besonders auffällig werden, keine Arznei zu verordnen.“ Zu den wichtigsten Stoffen gäbe es schließlich ja mehrere Generika.

Text: Rosi Dorudi; Bild: www.depositphotos.com

Wolfgang Ziegler, Dr.

Hausärztevertreter der Ärztekammer für Oberösterreich

Ziegler ist Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte. Er studierte Medizin in Wien und promovierte 1983 zum Doktor der gesamten Heilkunde. Er ist Referent für Altersmedizin, Referent für Hauskrankenpflege, Co-Referent für hausärztlichen Notdienst (außerhalb von Linz) sowie Referent für Primärversorgung. Als Allgemeinarzt betreibt Ziegler seine Ordination in Kremsmünster, wo er auch als Gemeindearzt tätig ist.