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Gesundheit
Oberösterreich
26.04.2022

"Suizid ist längst nicht so privat, wie es scheinen mag!"

Der Moraltheologe Michael Rosenberger sieht den Entwurf für ein neues Sterbeverfügungsgesetz ambivalent: als ein Experiment mit ungewissem Ausgang – und als Quantensprung für die Hospiz- und Palliativversorgung.

Die Bundesregierung hat den Entwurf für ein Sterbeverfügungsgesetz vorgelegt, mit dem Sterbehilfe in Österreich neu geregelt wird. Anlass dafür war die Aufhebung des Verbots von assistiertem Suizid durch den Verfassungsgerichtshof. Wer Beihilfe zum Suizid in Anspruch nehmen will, wird ab 2022 unter bestimmten Auflagen eine Sterbeverfügung errichten können, um damit in einer Apotheke ein tödliches Präparat zu beziehen. Wie beurteilen Sie dieses Gesetz?

Michael Rosenberger: Die Ausgangslage für den Gesetzgeber ist denkbar schwierig. Der Verfassungsgerichtshof hat einerseits festgestellt, dass es eine Möglichkeit zu assistiertem Suizid geben muss. Er hat gleichsam zwischen den Zeilen aber auch zum Ausdruck gebracht, dass diese Möglichkeit nicht beliebig weit gefasst sein sollte. Zu Recht, denn würde dies zum Regelfall, wäre es nicht ohne gravierende Verluste an Humanität möglich.

Gelingt dieser Spagat mit dem neuen Gesetz? 

Es gibt noch kein Land auf der Welt, das diese Herausforderung gut geregelt hat. Dabei rede ich gar nicht von Ländern, die Tötung auf Verlangen erlauben, etwa die Benelux-Staaten, sondern von assistiertem Suizid. Das betrifft im Wesentlichen einige US-Bundesstaaten und vor allem die Schweiz. Statistiken zeigen, dass es überall dort mit niedrigen Fallzahlen begonnen hat, die anfangs nur wenig angestiegen sind. Dann aber haben sie zu galoppieren begonnen, und ein Ende ist nicht absehbar. Diese Statistik ähnelt sozusagen den Corona-Kurven im Herbst, ohne dass es bisher Maske und Abstandregeln gibt, um die Entwicklung zu bremsen. In der Schweiz verzeichnet man nun bereits mehr assistierte Suizide als andere Selbsttötungen. Das kann nicht wünschenswert sein und ist ein Indiz dafür, dass die Hürden zu niedrig sind.

"In der Schweiz verzeichnet man nun bereits mehr assistierte Suizide als andere Selbsttötungen."

War die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs, die bestehende Regelung in Österreich aufzuheben, aus Ihrer Sicht sinnvoll und nötig? 

Aus der Distanz und als Nicht-Jurist würde ich sagen, dass der VfGH dabei sehr stark auf eher abstrakte Aspekte der Menschenrechte fokussiert hat, speziell die Privatsphäre. Die Menschenrechte stehen auch für mich völlig außer Frage, aber es gilt zu berücksichtigen, ob es um Dinge wie eine Telefonüberwachung geht – oder um Leben und Tod. Entwicklungen wie jene in der Schweiz hatten die Verfassungsrichter dabei womöglich zu wenig im Blick, im Sinne der Folgenabschätzung, des „respice finem“. Außerdem betrifft jeder Suizid nicht nur den Suizidanten, sondern alle, die diesen Menschen kennen. Suizid ist längst nicht so privat, wie es scheinen mag. 

Sind die Hürden, die das neue Gesetz errichten soll, ausreichend hoch? 

Es enthält Hürden, die es anderswo nicht gibt. Dazu zähle ich besonders die Verpflichtung, dass eine schriftliche Sterbeverfügung bei einem Notar oder Patientenanwalt errichtet werden muss. Das ist ein Schritt, der die Tragweite dieser Entscheidung dokumentiert. Er macht auch deutlich, dass man jenen, die Beihilfe leisten sollen, einiges zumutet. Ob das eine wirkungsvolle Hürde ist, wird man erst sehen. Es ist ein Experiment.

Das neue Gesetz sieht auch eine verpflichtende Aufklärung durch zwei Ärzte vor, wobei einer davon palliativmedizinisch qualifiziert sein muss – ist das aus Ihrer Sicht in Ordnung? 

Diese Ärzte haben eine beratende Funktion, um dem Suizidwilligen ein verlässliches Bild, ein Entscheidungsfundament zu bieten. Es ist wichtig, dass ein Palliativmediziner dabei ist, der deutlich machen kann: Deine Schmerzen in der letzten Lebensphase können wir dir nehmen, falls das der Grund für den Suizidwunsch sein sollte. Wünschenswert wäre aber, auch schon in der Beratung psychiatrische Kompetenz einzubringen. Derzeit ist vorgesehen, dass nur dann ein Psychiater beigezogen werden muss, wenn Hinweise auf eine krankheitswertige psychische Störung vorliegen. Da geht es um Beurteilung, nicht um Beratung, das ist eine völlig andere Rolle. 

Das Gesetz betont, dass niemand verpflichtet ist, Sterbehilfe zu leisten. Soll assistierter Suizid in Ordenskrankenhäusern möglich sein? 

Das Gesetz bezieht sich auf Personen. Es ist eine knifflige Frage, ob auch Institutionen die Freiheit haben, Nein zu sagen. Ich meine schon, dass eine Institution kirchlichen Profils die Mitwirkung am assistierten Suizid verweigern und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu dieser Linie verpflichten kann. Da geht es um bestimmte Werthaltungen, das ist zumutbar. Eine andere Frage ist, ob ein Angehöriger oder zum Beispiel der Hausarzt einem Patienten in einem Ordensspital Beihilfe zum Suizid entsprechend dem Gesetz leisten darf. Das wäre wohl aus Respekt vor dem Suizidwilligen zu akzeptieren und zu dulden, und die Kirche wäre gut beraten, diesen Weg nicht zu verbauen.

Sehen Sie im Sterbeverfügungsgesetz auch positive Ansätze? 

Ich bin froh, dass die neuen Regelungen eingebettet sind in einen massiven und beschleunigten Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung. Die dafür vorgesehenen Mittel bedeuten einen Quantensprung, das ist sehr zu begrüßen. Schließlich sollte man nichts unversucht lassen, um Wege zu öffnen, damit Suizidbeihilfe nicht in Anspruch genommen wird. Oft lautet die Botschaft hinter einem Suizidwunsch ja nicht „Ich möchte nicht mehr weiterleben“, sondern „Ich möchte so nicht mehr weiterleben“. Darum ist es auch wichtig, dass alle, die mit einem solchen Wunsch konfrontiert sind, genau hinhören und hinschauen und sich fragen: Worum geht es diesem Menschen wirklich? Es wäre buchstäblich fatal, einen Prozess in Gang zu setzen, der vom Betroffenen womöglich gar nicht so gedacht war. Der Suizidwunsch ist ein Hilfeschrei, wie Erwin Ringel erkannt hat, ein Wunsch nach Trost und Aufmerksamkeit. Es kommt darauf an, die Not zu erkennen und ernst zu nehmen.

Interview: Josef Haslinger; Fotos: Suzy Stoeckl, depositphotos.com

Michael Rosenberger, Univ.-Prof. Dr. theol.

Moraltheologe

Rosenberger ist Professor für Moraltheologie und Institutsvorstand an der Katholischen Privatuniversität Linz. Der gebürtige Franke wurde 1987 zum Priester geweiht, war als Kaplan und Religionslehrer tätig und nach seiner Promotion wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg. Seit 2002 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der KU Linz, wo er zwischenzeitig auch Rektor bzw. Prorektor war. Der 59-Jährige ist u a. Mitglied der Gentechnik-Kommission im Gesundheitsministerium, Umweltsprecher der Diözese Linz und Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Vereinigungen.

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