INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
04.12.2023

„Ein zentraler Punkt ist die Attraktivierung der Arbeit im Gesundheitswesen …“

Seit Sommer 2023 ist Oliver Brosch neuer Generalsekretär des gemeinnützigen Vereins PRAEVENIRE, einer Plattform von Expert*innen, die sich für eine Verbesserung der Qualität des Gesundheitswesens einsetzt und konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik erarbeitet. INGO sprach mit dem Generalsekretär über die Schwierigkeiten des österreichischen Gesundheitssystems und seine Ziele für die kommende Zeit.

Herr Brosch, Sie engagieren sich seit vielen Jahren im Bereich des österreichischen Gesundheitswesens. Zuerst auf politischer Ebene und seit April 2023 beim gemeinnützigen Verein PRAEVENIRE. Was hat Sie an der Position des Generalsekretärs gereizt?

Oliver Brosch: Wir arbeiten mit Inputs der besten Köpfe aus allen Bereichen des Gesundheitswesens und denken die anstehenden Thematiken aus allen Blickwinkeln bis zum Ende durch. Mein Ziel ist, den Verein PRAEVENIRE weiterzuentwickeln und noch stärker zu positionieren, indem wir für die Menschen im Land politisch netzwerken und noch mehr gesundheitspolitisch aktiv werden als bisher.

Welches Ziel verfolgt PRAEVENIRE?

Wir sind ein unabhängiger, überparteilicher und gemeinnütziger Verein, der sich die Verbesserung der solidarischen Gesundheitsversorgung zum Ziel gesetzt hat. Wir arbeiten mit über 500 Expert*innen aus dem gesamten Gesundheitswesen zusammen und erarbeiten konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik. 

"Die Zukunft liegt in der Prävention. Diagnose, Therapie und Rehabilitation müssen ebenfalls viel früher und effizienter erfolgen."

Galt das hiesige Gesundheitssystem als eines der weltweit besten, scheint der Ruf gerade zu bröckeln: Es gibt zu wenig Kassenärzte und dementsprechend lange Wartezeiten für Arzttermine. Wer es sich leisten kann, geht zum Wahlarzt. 

Wir haben trotz aller Kritik ein sehr gutes Gesundheitssystem, doch es gibt Handlungsbedarf. Die Wahlärzte müssen verstärkt ins Boot geholt werden. Manche Leistungen der Krankenkassen könnten zum Beispiel per „kleinem“ Kassenvertrag mit Wahlärztinnen und -ärzten geregelt werden, um die Versorgung zu verbessern. Beispiele wären die Vorsorgeuntersuchungen oder der Eltern-Kind-Pass.

Wo ist das österreichische Gesundheitssystem besonders reformbedürftig?

Wir müssen die Spitalsambulanzen entlasten, was ein besseres Angebot auf der Primärversorgungsebene voraussetzt. Der zweite Punkt, an dem wir einen großen Aufholbedarf haben, ist die Digitalisierung. Unter dem Datenchaos leiden Patient*innen und das gesamte System. Die Vernetzung von niedergelassenen Ärzten mit dem Spitalsbereich und die Nutzung von ELGA müssen radikal verbessert werden.

Eine große Problematik stellt derzeit der akute Personalmangel dar. Sind die Akademisierung der Pflegeberufe und die Facharztausbildung für Allgemeinmedizin ausreichende Maßnahmen, um hier für eine nachhaltige Lösung zu sorgen?

Wir brauchen wesentlich mehr als die derzeit 1.800 Studienplätze in Humanmedizin. Es kann nicht sein, dass wir jedes Jahr Abertausende junge Menschen einfach wegschicken. Hinzu kommt noch die Abwanderung ins benachbarte Ausland, wo Ausbildungsplätze und Bezahlung oftmals besser sind als bei uns. Auch wird es nötig sein, bestimmte ärztliche Fachrichtungen gezielt zu bewerben. 

Zurzeit liegt viel Hoffnung in den Primärversorgungszentren. Können PVEs beim Problem des Ärztemangels Abhilfe schaffen?

Hier besteht ein großes Potenzial in der Ergänzung zu den Einzelordinationen, da PVEs sowohl den Bedürfnissen der Bevölkerung als auch der Ärzt*innen entgegenkommen und auch für Gemeinden attraktiv sind. Das liegt unter anderem an den längeren Öffnungszeiten und den deutlich breiteren, kassenvergüteten Betreuungsangeboten im medizinischen und nichtmedizinischen Bereich. 

"Alle Entscheidungsträger müssen sich gemeinsam an einen Tisch setzen, endlich zusammenarbeiten und überlegen, wo und von wem die Menschen am besten versorgt werden."

In Österreich nehmen Krebs, Diabetes, Demenz, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen rapide zu, was nicht zuletzt auf die steigende Lebenserwartung zurückzuführen ist. Für wie zukunftsfit halten Sie das österreichische Gesundheitssystem?

Wenn man rein die medizinischen Möglichkeiten betrachtet, nimmt das heimische Gesundheitssystem sicherlich eine Spitzenrolle in Europa ein, da innovative Therapien sehr rasch in die Regelversorgung übernommen werden. Die Zukunft liegt aber in der Prävention. Auch Diagnose, Therapie und Rehabilitation müssen viel früher und effizienter erfolgen. 

Wie sollte denn die Gesundheitsvorsorge der Zukunft aussehen?

Durch den Aufbau von Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung sollten wir den Wechsel von der Reparaturmedizin zur Prävention schaffen. Auch müssen wir die Patient*innen besser durch das System begleiten, wobei hier sicher dem niedergelassenen Bereich in Zusammenarbeit mit den diversen Gesundheitsberufen mehr Bedeutung zukommen muss. 

Welche Weichenstellung müsste es dafür seitens der Politik geben?

Alle Entscheidungsträger müssen sich gemeinsam an einen Tisch setzen, endlich zusammenarbeiten und überlegen, wo und von wem die Menschen am besten versorgt werden. Entsprechende Handlungsempfehlungen haben wir in den letzten drei PRAEVENIRE Weißbüchern der Politik zukommen lassen. Ein zentraler Punkt ist die Attraktivierung der Arbeit im Gesundheitswesen – dafür muss man Geld in die Hand nehmen.

Interview: Rosi Dorudi

Oliver Brosch,

Generalsekretär des Vereins Praevenire

Brosch begann seine Karriere im parlamentarischen Club im Wiener Landtag, wo er bei Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec für Gesundheitspolitik in Wien zuständig war. Er wechselte zum NÖ Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS), wo er u.a. für Kommunikation und Marketing verantwortlich war. Danach war er beim Österreichischen Seniorenbund als stellvertretender Generalsekretär tätig, um dort Gesundheits- und Sozialpolitik voranzutreiben. Eine weitere Station seines Werdegangs war seine Tätigkeit als Büroleiter von Landesrat Martin Eichtinger in Niederösterreich, der u.a. wieder den NÖGUS als Vorsitzender führte. Auch „Tut gut!“ – ein wichtiges Vorzeigeprojekt bei der Vorsorge – war Teil des Ressorts. Seit Juni 2023 ist er Generalsekretär des Vereins Praevenire.

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