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Gesundheit
Oberösterreich
10.02.2020

Vertrauensfrage: Humane Organspende

Als unzulässige Einmischung abgetan, hält Deutschland trotz Tiefstand bei Organspenden an der Zustimmungslösung fest. Wie die Bereitschaft, mit Transplantationsorganen Leben zu retten, gefördert werden kann, zeigt die in Österreich praktizierte Regulierung. Reinhold Függer, Präsident von Austrotransplant und Chef der Chirurgie des Ordensklinikum Linz, spricht im Interview über die Kultur der Organspende, ethische Werte und die nötige Transparenz.

Nach der österreichischen Rechtslage ist man automatisch Organspender, solange man zu Lebzeiten keinen Widerspruch angemeldet hat. Wissen die Menschen in Österreich überhaupt, dass sie die Möglichkeit zum Widerspruch haben, oder kommt es öfter vor, dass Angehörige überrascht sind, wenn eine Entscheidung ansteht?

Reinhold Függer: Prinzipiell haben wir bisher gute Erfahrungen mit der Widerspruchslösung gemacht, die ja inzwischen von zwei Drittel der Länder der EU angewandt wird. Es muss natürlich bei jedem hirntoten Patienten geprüft werden, ob ein Widerspruch vorliegt. Im nächsten Schritt werden die Angehörigen informiert und auch gefragt, ob sie mit einer Organentnahme einverstanden sind. In den meisten Fällen sind sie das. Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass einige Angehörige ihre Zustimmung für die Organentnahme nicht geben. Das respektieren wir, auch wenn wir von der Rechtslage her auf die Organe nicht verzichten müssten.

Wie sieht es eigentlich bei Personen aus, die nicht in Österreich ansässig sind, aber hier ums Leben kommen?

Das Gesetz gilt für alle, die sich auf österreichischem Boden befinden. Wer hier ums Leben kommt, für den gilt eben auch die Widerspruchslösung. Besteht kein Eintrag im österreichischen Widerspruchsregister, ist der Ablauf gleich wie bei einer hier ansässigen Person.

Nun hat der Bundestag in Deutschland Anfang des Jahres entschieden, dass eine Organspende eine bewusste, freiwillige Entscheidung bleibt, obwohl die Spenderzahlen dort stark zurückgegangen sind. Wie sehen Sie das?

Seitens der Transplantmedizin ist es unstrittig, dass die Widerspruchslösung, wie sie in Österreich praktiziert wird, für lebensbedrohlich Kranke die bessere Vorgehensweise ist, da sie Leben rettet. Wie statistisch ersichtlich ist, haben Länder mit dieser Variante auch höhere Spenderzahlen. Die stetig sinkende Zahl der Organspender ist aber nicht nur in Deutschland ein Problem. Generell kämpfen all jene Länder damit, die sich für eine Zustimmungslösung entschieden haben. Dahinter vermuten nicht nur Transplantmediziner, sondern auch Ethiker, Biologen und Philosophen eine kulturelle Prägung. So lässt sich durchaus beobachten, dass Länder mit starker katholischer Prägung wie hier in Österreich, eher zur Widerspruchslösung tendieren. Organe zu spenden ist sozusagen eine Tat christlicher Nächstenliebe. Staaten, die protestantisch oder anglikanisch dominiert sind, neigen eher zur Zuspruchslösung. Wie gesagt, kann dies durchaus mit den unterschiedlichen Philosophien in diesen Gesellschaften zu tun haben. In Deutschland gibt es darüberhinaus aber noch einen weiteren Grund, warum die Menschen weiterhin freiwillig über eine Organspende entscheiden möchten: Vor einigen Jahren kam es zu einem schwerwiegenden Transplantationsskandal. Das hat dem Image der Transplantmedizin extrem geschadet. Die Verpflanzung von Organen steht für High-Tech-Medizin von höchster Qualität. Defekte Organe erneuern zu können, ist ein Wunschtraum des Menschen, der zunehmend realisierbar ist. Gerät dies nun durch eine intransparente Zuteilung von Organen in Verruf, stürzt das Vertrauen natürlich sofort ab.

„Die Verpflanzung von Organen steht für High-Tech-Medizin von höchster Qualität.“

Einen in kleinerem Maße ähnlichen Fall gab es ja auch vergangenes Jahr in Österreich im AKH.

Eine zugegeben heikle Angelegenheit. Noch ist der Fall aber nicht ganz geklärt. Dennoch werfen natürlich solche Schlagzeilen erst einmal ein negatives Licht auf die österreichische Transplantmedizin. Als Präsident von Austrotransplant erwarte ich natürlich eine nüchterne und seriöse Analyse des Falls, dessen Untersuchung noch in vollem Gange ist.

Wie funktioniert denn die Zuteilung der Spenderorgane genau?

Die Stiftung Eurotransplant mit Sitz in der holländischen Stadt Leiden ist für die Organisation zuständig. Jede Organspende wird in der Zentrale gemeldet und in einer zentralen Datenbank vermerkt. Die Allokationskriterien, also Zuteilungskriterien, hängen dann von verschiedenen Parametern ab, darunter die Dringlichkeit, die Wartezeit sowie die nationale Organaustauschbilanz. Letzteres bedeutet, dass jedes der acht Mitgliedsländer - darunter auch Österreich und Deutschland - in etwa so viele Organe zugeteilt bekommt wie jeweils auch gespendet wurde. Während man also in Österreich durchschnittlich dreieinhalb Jahre auf eine Niere von einem Totspender wartet, beträgt die Wartezeit in Deutschland - weil die Spenderzahlen dort so niedrig sind - gut sieben bis zehn Jahre.

2018 wurden in Österreich 795 Organtransplantationen durchgeführt, 718 davon mit Organen Verstorbener, 77 stammten von Lebendspendern. Das waren hauptsächlich Nieren.

Bei der Niere, die in mein Spezialgebiet fällt, ist die Dringlichkeit einer Transplantation einerseits nicht so maßgebend, da wir mithilfe der Dialyse eine sehr gute Ersatztherapie haben. Andererseits ist die frühe Transplantation durch eine Lebendnierenspende der Idealfall, da so die Dialyse ganz vermieden werden kann. Wir haben im vergangenen Jahr am Ordensklinikum neunzehn solcher Transplantationen durchgeführt. Die meisten Spender kommen aus der eigenen Familie - also Verwandte ersten oder zweiten Grades, verheiratete Partner, Verlobte oder Personen, die dem Spender in anderer Weise persönlich nahe stehen. Auffallend und interessant ist dabei, dass gut 70 Prozent der Nierenspender Frauen sind.

„Auffallend und interessant ist, dass gut 70 Prozent der Nierenspender Frauen sind.“

Warum ist die Niere denn das am häufigsten für eine Transplantation benötigte Organ?

Das hat mit unserem Lebensstil zu tun. Es gibt nun einmal mehr Niereninsuffiziente als Herz-, Lungen- oder Leberkranke. Risikofaktoren sind erhöhter Blutdruck, Stoffwechselstörungen mit erhöhten Blutfetten, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und Diabetes mellitus. Vor allem bei älteren Menschen hat die Zuckerkrankheit in unseren Breitengraden stark zugenommen, was wiederum Hauptrisikofaktor einer Niereninsuffizienz ist.

Mittlerweile werden ja auch „grenzwertige Organe“ transplantiert. Was versteht man darunter und können diese bedenkenlos implantiert werden?

War früher das Alter des Spenders für eine Organtransplantation relevant, ist heute viel mehr der biologische Zustand des Spenderorgans für eine Verpflanzung ausschlaggebend. Bei der Nierentransplantation beispielsweise gibt es seitens Eurotransplant keine Altersobergrenze für Spenderorgane. Diese sogenannten „grenzwertigen Organe“, die aber durchaus funktionstüchtig sind, werden dann bevorzugt an Patienten, die älter als 65 Jahre sind, vermittelt. Diese Vorgehensweise wird auch als „Old for Old“-Programm oder Eurotranplant Seniorprogram bezeichnet.

Können Organe eines Hirntoten durch lebenserhaltende Maßnahmen zu Schaden kommen?

Normalerweise nicht. Man hat aber festgestellt, dass Lebendnierentransplantate eine längere Funktionsphase von etwa 10 Prozent haben als jene von toten Spendern. Totspenderorgane haben auf Grund des Transports normalerweise eine längere Zeit des Herunterkühlens hinter sich. Man vermutet, dass mit dem Hirntod wichtige Steuermechanismen für die Organe ausfallen - genau geklärt ist das Phänomen aber noch nicht.

Ist es schon einmal vorgekommen, dass ein Organ, das bereits entnommen wurde, nicht transplantiert wird, weil die Organisation versagt?

Nein, noch nie.

Text: Rosi Dorudi

Reinhold Függer, Prof. Dr.

Leiter Chirurgische Abteilungen Ordensklinikum Linz, Präsident Austrotransplant

Függer studierte Medizin in Wien und habilitierte sich 1993. 1997 wurde er zum a.o. Professor an der Medizinische Universität Wien ernannt. Seit 2000 leitet er die Chirurgische Abteilung am Krankenhaus der Elisabethinen Linz. Nach der Gründung des Ordensklinikums in 2017 übernahm Függer zudem die Leitung der Chirurgischen Abteilungen. Er ist außerdem Präsident von Austrotransplant.