INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
20.04.2021

"Wir haben den Menschen Wesentliches anzubieten!"

Peter Ausweger, Sprecher der Ordensspitäler in Oberösterreich, sieht konfessionelle Krankenhäuser auch in Zukunft als Leuchttürme und Innovatoren im Gesundheitssystem. 

Sind Ordensspitäler heute noch zeitgemäß, werden sie noch gebraucht?

Peter Ausweger: Selbstverständlich, gerade in Oberösterreich sind Ordensspitäler eine tragende Säule der Gesundheitsversorgung. Mehr als die Hälfte aller stationären und fast die Hälfte aller ambulanten Patientinnen und Patienten in unserem Bundesland werden in Ordensspitälern behandelt. Auch die Hälfte aller COVID-19-Patienten wurde in den vergangenen Monaten in einem Ordensspital betreut. Wir sind fest in das System der Gesundheitsversorgung eingebunden. Schließlich sind die sieben Ordensspitäler mit zusammen fast 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mehr als 3.500 Betten der größte Gesundheitsversorger in Oberösterreich.

Sehen Sie für Ordensspitäler eine besondere Rolle im Gesundheitswesen?

Ich sehe sie als Leuchttürme, als Innovatoren und Wegbereiter, die die Weiterentwicklung wesentlich antreiben. Das betrifft besonders Themenfelder, die in der öffentlichen Wahrnehmung weniger präsent sind oder sich neu stellen. Die Palliativmedizin und das Hospizwesen sind eindeutig von Ordensspitälern ausgegangen. Ambulanzen für Inklusive Medizin, die Menschen mit Beeinträchtigungen den Zugang zu medizinischen Leistungen erleichtern, oder die sogenannten Armenambulanzen sind weitere aktuelle Beispiele. Durch ihre Eigentümerstruktur können Ordensspitäler schnell und innovativ agieren und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich für solche Themen engagieren, leichter Freiräume schaffen.

Sind Ordensspitäler die besseren Krankenhäuser?

Ordensspitäler sind nicht per se besser als die Spitäler der öffentlichen Hand. Alle Krankenhäuser in Oberösterreich arbeiten auf hohem Niveau, was zu einem gewissen Teil auch eine Folge der Wettbewerbssituation ist. Die Patienten können sich aussuchen, in welches Spital sie gehen. Dass unser Bundesland führend bei der Patientenorientierung und der Angebotsqualität ist, hat sicherlich mit diesem Qualitätswettbewerb zu tun. Wenn durch Entwicklungen und Maßnahmen in den Ordensspitälern eine positive Spirale ausgelöst und das System insgesamt weiter verbessert wird, freut uns das natürlich.

Nur noch wenige Ordensangehörige sind aktiv in Spitälern tätig. Was unterscheidet dann solche Krankenhäuser heute von anderen?

Früher wurden viele Ordensspitäler von starken Ordenspersönlichkeiten geprägt, heute sind die Strukturen und die handelnden Personen größtenteils weltlich. Wir haben viele neue, engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daher ist es enorm wichtig, sie mit den tradierten Werten eines Ordensspitals vertraut zu machen. Da geht jedes Haus seinen eigenen Weg, der auch die Heterogenität der Spitalsorden widerspiegelt: Die Palette reicht ja von lokalen Gemeinschaften mit hoher stabilitas loci bis zu internationalen, konzernähnlichen Strukturen. Allen gemeinsam ist aber die Herangehensweise, über ein erstklassiges medizinisches Angebot hinaus auch Spiritualität und ein positives, christliches Menschenbild zu vermitteln. Unser Grundverständnis ist es, im kranken, leidenden Menschen das Ebenbild Gottes zu sehen. Die Wertschätzung und das Wahrnehmen jedes einzelnen Patienten, jeder einzelnen Patientin macht Ordensspitäler aus, das muss uns erhalten bleiben.

"Die Wertschätzung und das Wahrnehmen jedes einzelnen Patienten, jeder einzelnen Patientin macht Ordensspitäler aus, das muss uns erhalten bleiben."

Haben Ordensspitäler neben ihren Stärken auch spezifische Schwächen?

Vielleicht die Tatsache, dass sie in Summe ein bedeutender Faktor im österreichischen Gesundheitswesen sind, aber aufgrund ihrer Verteilung und Aufsplitterung in den einzelnen Bundesländern nicht immer jenes Gehör finden, das ihnen zustünde. Sie sind nicht so nahe an der Politik wie Krankenhäuser der öffentlichen Hand, was in mancher Hinsicht ein Nachteil sein kann. Daher ist die Bündelung der vielen gemeinsamen Interessen besonders wichtig, wie dies in Oberösterreich durch die OÖ. Ordensspitäler Koordinations GmbH effizient und ressourcenschonend erfolgt.

Ist der Stellenwert der Ordensspitäler in Oberösterreich den politisch Verantwortlichen bewusst?

Das Land Oberösterreich sieht und schätzt den Beitrag zur Gesundheitsversorgung, den die Ordensspitäler erbringen. Auch für qualifizierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze in den Regionen haben die Krankenhäuser eine enorme Bedeutung. Das Bekenntnis zur Trägervielfalt freut uns und ist ein wichtiges Signal für jedes Ordensspital und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. 

Wie beurteilen Sie das Image der Ordensspitäler in der Öffentlichkeit?

Oberösterreichs Ordensspitäler werden von den Menschen sehr positiv bewertet. Sie genießen großes Vertrauen. Wir müssen besonders sorgsam damit umgehen, um dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, denn dann wäre die Enttäuschung umso größer. Jedes Ordensspital ist auch ein Ort, wo christliche Überzeugung unmittelbar spürbar wird. Damit sind Ordenskrankenhäuser gelebter Ausdruck der Kirche und christlicher Nächstenliebe.

"Damit sind Ordenskrankenhäuser gelebter Ausdruck der Kirche und christlicher Nächstenliebe."

Welche aktuellen Herausforderungen treffen Ordensspitäler besonders?

Neben der schon erwähnten Weitergabe der tradierten christlichen Werte sind es jene Herausforderungen, vor denen das Gesundheitssystem allgemein steht und die daher gemeinsam zu lösen sind. Medizinisch wird immer mehr möglich – die Abwägung, was davon auch ethisch gerechtfertigt und letztlich sinnvoll ist, muss die Gesellschaft insgesamt treffen, auch vor dem Hintergrund, dass die Ressourcen nicht unendlich sind. Umso mehr wird es auf eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Krankenhaus ankommen, wo sich jeder Einzelne sicher sein kann, alles an Behandlung und Betreuung zu erhalten, was notwendig ist. Nicht das Maximum an Medizin sollte das Ziel sein, sondern das richtige Maß.

Haben Ordensspitäler Zukunft?

Ordensspitäler gibt es nicht zuletzt deshalb schon lange, weil sie es immer verstanden haben, beweglich zu bleiben und auf Entwicklungen adäquat zu reagieren. Heute heißt das zum Beispiel, neue Technologien nicht als Feind, sondern als Chance zu sehen. Wir wollen technologisch ganz vorne dabei sein, aber gleichzeitig nicht jede Mode mitmachen. Persönliche Zuwendung wird immer bedeutsam sein. Wir haben unzählige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mehr tun als nur das, was von ihnen verlangt wird. Wir sind bestrebt, Organisationsstrukturen zu bieten, die diese Begeisterung unterstützen, nicht abwürgen. Durch die Breite und Vielgestaltigkeit unseres Leistungsangebots, in jedem Fachgebiet, in jeder Größenordnung und in vielen Kooperationen haben Ordensspitäler hohe Problemlösungskompetenz. Wenn wir diese Qualitäten einbringen können, ist das zum Wohl des gesamten Gesundheitssystems. Wir haben Wesentliches anzubieten, und wir bringen uns auch in Zukunft gerne ein.

Interview: Josef Haslinger; Bilder: 

Peter Ausweger, Mag.

Geschäftsführer der OÖ. Ordensspitäler Koordinations GmbH

Ausweger ist Gesamtleiter der Einrichtungen des Konvents der Barmherzigen Brüder in Linz, zu denen neben dem Konventhospital auch ein Altenheim, die „Lebenswelten“ sowie Wirtschaftsbetriebe gehören. Als Geschäftsführer der OÖ. Ordensspitäler Koordinations GmbH – einer gemeinsamen Tochtergesellschaft der oberösterreichischen Spitalsorden – engagiert er sich für Kooperationen und gemeinsames Auftreten der Ordenskrankenhäuser nach außen.