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Gesundheit
Oberösterreich
02.12.2020

China führt digitale Revolution an

Die Coronavirus-Pandemie hat die Entwicklung der Telemedizin weltweit gepusht. Ein Blick nach China zeigt, wie die medizinische Betreuung der Zukunft aussehen kann. Online-Dienste und Künstliche Intelligenz haben hier den Gesundheitsmarkt bereits erobert.

Als Li Yuexi, ein 35-jähriger Finanzexperte aus Shanghai, im Juli diesen Jahres mit starken Rückenschmerzen ins nahegelegene Ruijin Hospital eingeliefert wurde, erhielt er die Diagnose „Nierenstein“. Für weitere Untersuchungen und die verordnete Stoßwellentherapie folgten zwei Besuche im Krankenhaus. Die restlichen vier Konsultationen zu Testergebnissen und medizinischer Beratung fanden auf WeDoctor statt, einem im Jahr 2010 gegründeten Digital Health Provider, der über Chinas größte Social-Media-App WeChat läuft. 

„Es hat sich als sehr praktisch erwiesen“, sagte Li gegenüber dem Wallstreet Journal. Im Endeffekt konnte er die Hälfte der Zeit einsparen, die er sonst für Termine und Wartezeiten gebraucht hätte. Die Online-Dienstleister im chinesischen Gesundheitssektor haben sich zwischen Ende 2019 und Mitte dieses Jahres vervierfacht, wie staatliche Medien berichteten. Dieses explosive Wachstum war eine Folge der Coronavirus-Pandemie und des darauffolgenden Lockdowns.

Pandemie beschleunigt digitale Revolution

Millionen von Menschen haben seit Anfang des Jahres eine Fernverabredung mit dem Arzt ihres Vertrauens wahrgenommen und so Chinas Gesundheitssystem – früher als gedacht – ins digitale Zeitalter katapultiert. Analysten sehen darin bereits ein Modell für das weltweite Wachstum von Digital Health Care.

Ping An Good Doctor, der größte digitale Anbieter in diesem Bereich, konnte seinen Umsatz aus Online-Gesundheitsdienstleistungen im ersten Halbjahr mehr als verdoppeln. Zwei Tage vor dem in der chinesischen Stadt Wuhan verhängten Lockdown, startete das börsennotierte Unternehmen eine Plattform für Corona-spezifische Beratungsdienste und verzeichnete innerhalb von drei Wochen mehr als eine Milliarde Zugriffe. Seit April ist die Plattform auch für englischsprachige Nutzer weltweit zugänglich.

Digitaler Anbieter auf internationalem Expansionskurs

Das Unternehmen setzt bei seinen medizinischen Beratungsdiensten nicht auf Chatbots, sondern vermittelt Patienten Termine mit Ärzten und anderen medizinischen Fachkräften aus den unterschiedlichsten Bereichen. Dabei kann die Plattform auf einen Pool von 1.800 Vollzeit- und 10.000 Teilzeitkräften zurückgreifen. Je nach Berufserfahrung und Qualifikation reichen die Konsultationskosten der Ärzte von umgerechnet €1,30 bis €64. Genau wie auf anderen Verkaufsplattformen auch, achten Kunden besonders auf das qualitative Rating, das die Zufriedenheit anderer mit dem Arzt in Sternen angibt.

Das größte Geschäft macht das Unternehmen zwar mit dem Verkauf von Medikamenten, Nahrungsergänzungs- und Lebensmitteln, doch das soll sich in Zukunft ändern. „Für Telemedizin-Provider bietet die Pandemie eine enorme Chance, die es so noch nie gegeben hat“, sagt Fang Weihao, Geschäftsführer des Unternehmens Ping An Healthcare & Technology Company, das die digitale Ärzteplattform betreibt. 

Chancen und Risiken

Das Unternehmen trat 2018 den Börsengang an und ist seither auch international auf Expansionskurs. Das erklärte Ziel des Unternehmens ist es, Patienten weltweit ein All-inclusive-Paket anzubieten – von der Gesundheitsversicherung und dem rund um die Uhr digital verfügbaren Hausarzt bis hin zur Terminvereinbarung für die anstehende Operation.

Dass dieser Service in nicht allzu langer Zeit auch für Patienten in Österreich verfügbar sein wird, hält Public Health-Expertin Claudia Wild für sehr wahrscheinlich. „Triage-Telefonservices haben wir ja jetzt in der Coronakrise auch schon. Das ist eine gute Erfindung, weil so mancher Mensch gar keinen Besuch beim Arzt braucht. Das ist eine Art Hilfe zur Selbsthilfe.“

Das Problem eines börsennotierten, internationalen Anbieters sieht Wild eher im Umgang mit den Patientendaten und in der Gewinnorientierung eines Sektors, der dem Gemeinwohl dienen sollte. „Ich hoffe, dass die europäischen Regulatoren endlich aufwachen und internationale Konzerne in ihre Schranken weisen“, so die Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment. „Wir haben in Europa zum Glück ein solidarisches Gesundheitswesen mit weniger Barrieren im Zugang als anderswo. In anderen Systemen wie in den USA könnte so ein Service allerdings einen verbesserten Zugang zum Gesundheitssystem – auch für Nicht-Versicherte – bedeuten.“

Fachärzte von Künstlicher Intelligenz abgehängt

Neben einem global ausgerichteten Hausarztservice für die gehobene Mittelschicht greift das Unternehmen auch Fachärzten für Kardiologie mittels Künstlicher Intelligenz unter die Arme. Der algorithmusgestützte Dienst AskBob Doctor soll Herzspezialisten bei Diagnose, therapeutischen Maßnahmen sowie bei der Verwaltung ihrer Patientendaten unterstützen. 

In einem Wettbewerb zwischen der KI-Sorftware und einer Reihe an Fachärzten soll die Künstliche Intelligenz das Rennen um ein paar Prozentpunkte gewonnen haben, wie das Unternehmen in einer Aussendung bekanntgab. Organisiert und bewertet wurde der Bewerb von einem Kardiologie-Kongress der gemeinnützigen Chinese American Heart Association. Während die Kardiologen zehn bis fünfzehn Minuten pro Fallanalyse brauchten, spuckte der Roboter innerhalb von fünf Sekunden ein Ergebnis aus.

Text: Gertraud Gerst; Foto: pixabay