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Gesundheit
Oberösterreich
05.02.2024

„Hier gibt es noch viel Luft nach oben“

Anzügliche Worte, diskriminierende Blicke, beleidigende Gesten oder sexuelle Belästigung in Form von ungewollten Berührungen - Sexismus am Arbeitsplatz ist deshalb so problematisch, weil er oft unterschätzt und auch überhört wird. Nach der Öffentlichmachung einiger Jungärztinnen von Vorfällen in Wiener Spitälern geht der Wiener Gesundheitsverbund nun verstärkt dagegen vor. INGO sprach mit der Gender- und Diversitätsbeauftragten Dr.in  Zeynep Arslan über Möglichkeiten des Umgangs, der Bewältigung und der Vermeidung von Sexismus im Gesundheitswesen.

Warum sind im Gesundheitswesen die Schlüssel- und Führungspositionen noch immer männlich dominiert?

Zeynep Arslan: Die Gesundheitsberufe sind traditionell und dem historischen Gesellschaftsbild geschuldet ganz besonders geschlechterstereotyp geprägt. Wir befinden uns jedoch inmitten eines Generationenwandels, der sich durch eine erhöhte Sensibilisierung für Themen der Gleichbehandlung auszeichnet und mit reziprok kritischen Diskursbildungen einhergeht. Mit rund 30.000 Beschäftigten ist der Wiener Gesundheitsverbund nicht nur der größte Gesundheitsdienstleister, sondern auch der größte Ausbildner für die Gesundheitsberufe in Europa. Wir möchten in diesem steil hierarchisch funktionierenden Apparat daher verstärkt zu einem Kulturwandel innerhalb der Unternehmung beitragen, der die Gleichbehandlung und Chancengerechtigkeit nicht nur nebenbei, sondern bewusst und kritisch lebt. 

Gerade junge Frauen haben im Gesundheitswesen meist weniger Aufstiegschancen, weil sie, statt in ihrem Wunsch nach Karriere und Familie unterstützt zu werden, vielmehr von vorneherein von männlichen Kollegen entmutigt werden und oft frühzeitig das Handtuch werfen. Welche Maßnahmen setzen Sie dagegen ein?

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein wichtiger Bereich, der Frauen den Aufstieg in der Karriereleiter ermöglicht und ja, hier gibt es noch viel Luft nach oben, zumal wir gegenwärtig tatsächlich mehr Frauen in der medizinischen Ausbildung und in den medizinischen Berufssparten haben als Männer. Die gesundheitsberufsspezifischen Arbeitsbedingungen wie beispielsweise Nacht-, Wochenend- oder Feiertagsdienste sind nun mal nicht besonders familienfreundlich. Hier sind es wieder die traditionellen Rollenmuster in der Gesellschaft, die die Betreuung und Pflege von Kindern und Angehörigen in die Pflicht und Verantwortung der Frauen zwängt. Knapp 90 Prozent unserer Teilzeitbeschäftigten sind nach wie vor Frauen. Im Rahmen der Zielerreichung des Wiener Gleichstellungsprogramms sind wir besonders bemüht, in diesen Fragen zielgruppenspezifisch zu schulen und zu sensibilisieren. 

"Gerade in einer Unternehmung, dessen Belegschaft zu über 70 Prozent von Frauen getragen wird, ist die Frauenförderung sowie Vereinbarung von Beruf und Familie das Gebot der Stunde."

Wie gehen Sie dabei vor?

Unser Ziel ist es, mit Bewusstseinsbildungsprozessen und Informationsvermittlungen über die gesetzlichen Möglichkeiten der Vereinbarung von Beruf und Familie, unsere Mitarbeiter*innen zu motivieren und sie bei der gleichberechtigten Aufteilung von Care Work mit ihren Partner*innen zu unterstützen. Aus Gender- und Diversitätssicht und im Sinne der Work-Life-Balance braucht es überhaupt andere Arbeitszeitmodelle, die mehr Spielraum für die Aufteilung der Care Arbeit bieten, doch diese Fragen liegen nicht in der unmittelbaren Zuständigkeit des Wiener Gesundheitsverbunds. Hier gilt es, die Rahmenbedingungen richtig zu erkennen, um entsprechende Maßnahmen innerhalb der gegebenen Möglichkeiten zu setzen. Leider schränkt der allgegenwärtige Personalmangel den Spielraum für die Ausschöpfung aller möglichen Optionen ein, dennoch sind wir uns der Pflichten der Gleichbehandlung bewusst und arbeiten unter anderem mit dem Frauenreferat der Wiener Ärztekammer zusammen, um gemeinsame Lösungswege für die Förderung der Chancengerechtigkeit unserer Mitarbeiterinnen zu entwickeln. Gerade in einer Unternehmung, dessen Belegschaft zu über 70 Prozent von Frauen getragen wird, ist die Frauenförderung sowie Vereinbarung von Beruf und Familie das Gebot der Stunde.  

Wie lassen sich Stereotype und Vorurteile im Gesundheitswesen ändern?

Unser Auftrag ist klar: Es braucht laufend bewusstseinsbildende Maßnahmen, um immer weiter zu sensibilisieren und die Zivilcourage zu stärken. Wir möchten eine Unternehmenskultur entwickeln, in der ein offener, sensibilisierter und kritischer Zugang und die Auseinandersetzung mit Situationen gewährleistet ist. Wir verfügen über die Mechanismen und Prozesse, die präventiv, aber auch bei Vorfällen im Prozess wirksam sind, geschlechterstereotypen Rollenmuster und Sexismen zu überwinden. Mit unterschiedlichen Kommunikationsstrategien und zielgruppenspezifischen Schulungsmaßnahmen informieren wir unsere Mitarbeiter*innen ausgiebig über ihre Pflichten und Rechte, Rollen und Zuständigkeiten beziehungsweise wo sie bei Vorfällen Unterstützung und Begleitung finden können. Sexismen passieren jedoch nicht nur innerhalb der Belegschaft, sie können auch von Patient*innen, Bewohner*innen und den Angehörigen ausgehen. Auch hier gilt es, die Betroffenen zu schützen und im rechtlichen Rahmen für alle Beteiligten die Vorfälle adäquat abzuhandeln.

"Die gesteigerte Sensibilisierung in der Gesellschaft ist hilfreich und erhöht den Druck in Richtung der Entwicklung von Zivilcourage und Empowerment."

Welche Rolle kann die Öffentlichkeit spielen, um Bewusstsein für Sexismus im Gesundheitswesen zu schaffen und Veränderungen herbeizuführen?

Die gesteigerte Sensibilisierung in der Gesellschaft ist hilfreich und erhöht den Druck in Richtung der Entwicklung von Zivilcourage und Empowerment. Die Mitarbeiter*innen des Wiener Gesundheitsverbunds sind Mitglieder unserer Gesellschaft. Wir alle zusammen machen das Gesundheitswesen aus und im Zusammenwirken können wir ein funktionierendes Gemeinsames und Ganzes bewirken. Gerade Gesundheitseinrichtungen sollen Zonen der Sicherheit, also safe spaces für Mitarbeiter*innen, Patient*innen, Bewohner*innen und Angehörige bieten. Nicht ohne Grund sind unsere Kliniken die ersten Anlaufstellen von Betroffenen von Gewalt, wo auch multiprofessionelle Hilfe geboten wird. Wir haben knapp fünf Millionen Ambulanz-Frequenzen und über 200.000 stationäre Patient*innen im Jahr. Unsere Ombudsstellen sind Anlaufstellen, in denen Missstände gemeldet werden können. So sehr womöglich eine abweichende Wahrnehmung in der Öffentlichkeit dominiert, werden die Meldungen sehr wohl wahrgenommen und schlagen sich in den strategischen Maßnahmenentwicklungen nieder. Sie dienen als Anleitung und wichtige Hinweise darauf, wo es weitere vertiefende Maßnahmen braucht. Als eine Gesundheitsorganisation sollten wir als ein lebendes Organ und Teil der Gesamtgesellschaft denken, in dem Prozesse permanent in Bewegung und Entwicklung sind.  

Die EU-Kommission will Frauen besser vor Gewalt schützen und die unterschiedliche Rechtslage innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten mit einer neuen einheitlichen Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt beseitigen. Es wären die ersten EU-weiten Mindeststandards beim Gewaltschutz für Frauen. Was halten Sie davon?

Die Gründungsideale der Europäischen Union beruhen auf Frieden und Zusammenarbeit und dies nicht nur in den wirtschaftlichen Belangen, sondern insbesondere und vor allem auch in den sozialen Belangen. Die Demokratisierung und solidarische Zusammenarbeit umfassen dabei ebenso Fragen der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und der häuslichen Gewalt. Es ist begrüßenswert, wenn von dieser Ebene heraus institutionelle Rahmenbedingungen und Richtlinien vorgegeben werden können, die eine stärkere Gewichtung und Sichtbarkeit für dieses sehr wichtige Thema bewirken sollen. Gewalt geht uns schließlich alle an!

Interview: Rosi Dorudi; Fotos: privat; www.de.depositphotos.com

Zeynep Arslan, Mag.a Mag.a Dr.in M.A.

Gender- und Diversitätsexpertin für den Wiener Gesundheitsverbund

Arslan absolvierte Studien aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie ist Autorin, Herausgeberin und Projekt- und Veranstaltungsmanagerin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei Gender-, Diversity and Minority Rights and Policy sowie Demokratieetablierungsprozesse und Macht- und Herrschaftsverhältnisse in identitätspolitischen und intersektional umkämpften Diskursen.  Seit 2021 ist sie Gender- und Diversitätsexpertin für den Wiener Gesundheitsverbund, dem größten Gesundheitsdienstleister und Ausbildner für Gesundheitsberufe in Europa mit rund 30.000 Mitarbeiter*innen.

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