INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
02. November 2018

Organtransplantation: High-End-Medizin für immer mehr Menschen

Organe, die aus dem 3D-Drucker kommen oder gänzlich durch Maschinen ersetzt werden – ist das die Zukunft? Transplantations-Experte Prim. Doz. Dr. Daniel Cejka skizziert Herausforderungen und neue Ansätze einer High-End-Medizin, die einen alten Menschheitstraum verwirklicht und bei aller Komplexität vielfach bereits zu einer Standardbehandlung geworden ist.

Wie viele schwerkranke Menschen warten in Österreich derzeit auf ein neues Organ?

Prim. Cejka: Rund 1.000, wobei Österreich bei der Verfügbarkeit von Spenderorganen weltweit zu den besten Ländern zählt. Dennoch werden manche dieser Menschen sterben, weil nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan zur Verfügung steht. Jede Transplantation ist eine hoch komplexe Behandlung, die an den vier österreichischen Zentren in Wien, Innsbruck, Linz und Graz jedoch Standard ist. Die Frage lautet eher: Sind wir schnell genug, um helfen zu können? Ein zentrales Ziel der Transplantationsmedizin ist es daher, die Verfügbarkeit von Organen weiter zu verbessern.

Bei Nieren sind ja auch Lebendspenden möglich. Wird diese Möglichkeit ausreichend genützt?

Die Wartezeit auf eine Niere beträgt in Österreich rund drei Jahre, sie kann durch eine Lebendspende entscheidend verkürzt werden. Dabei gibt es sicherlich noch Potenzial, wobei Oberösterreich schon jetzt – prozentuell gesehen – führend ist, weil wir dieses Thema sehr forciert haben. So konnten wir den Spenderpool erheblich vergrößern. Aber noch immer kommt es selbst bei Nierenpatienten während der Wartezeit zu Todesfällen. Dabei ist die Nierentransplantation an sich ein Erfolgsmodell mit einer hohen Fünf-Jahres-Funktionsrate von 80 Prozent bei Lebendspenden.

Können künstliche Organe dieses Problem lösen – die Niere aus dem 3D-Drucker?

Darin steckt zweifellos viel Potenzial, es gibt aber auch andere erfolgversprechende Alternativen, um Organe im Labor herzustellen. Beim Tissue Engineering wird nur das „Grundgerüst“ eines Organs vom Spender genommen und mit körpereigenen Zellen des Patienten besiedelt. Das hat den immensen Vorteil, dass das so entstehende Organ vom Immunsystem nicht als fremd erkannt und daher nicht attackiert wird. Der Patient bräuchte also keine Immunsuppressiva. Bei komplexen Organen mit mehreren unterschiedlichen Zelltypen hat dieses Verfahren noch Probleme, doch bei einfacheren Strukturen wie etwa Herzklappen gibt es bereits vielversprechende Ergebnisse.

Wird die Verwendung tierischer Organe in Zukunft ein gangbarer Weg sein?

Bei der Xenotransplantation geht es aktuell darum, tierische Organe – meist vom Schwein – gentechnisch so zu verändern, dass sie vom menschlichen Immunsystem nicht angegriffen werden. Doch da gibt es noch viele Hürden. So besteht z. B. die Gefahr, dass endogene Retroviren (sogenannte PERVs) im tierischen Erbgut dadurch reaktiviert werden können. Dadurch könnte eine Virusinfektion vom Tier auf den Menschen übertragen werden, eventuell so ähnlich wie HIV. Vor drei Jahren konnte hier allerdings ein entscheidender Durchbruch erzielt werden: Mittels der kürzlich entdeckten CRISPR-Cas9-Technologie (auch bekannt als „Gen-Schere“) ist es gelungen, sämtliche PERVs aus einem Schweinegenom zu entfernen. Ein zweiter Weg könnte es sein, Stammzellen des jeweiligen Patienten durch spezielle Wachstumsfaktoren so zu „programmieren“, dass aus ihnen das gewünschte menschliche Organ heranwächst, wenn man diese Zelle in ein Tier einpflanzt. Das Organ wäre dann mit dem Patienten genetisch ident und würde von dessen Immunsystem nicht abgestoßen. Xenotransplantationen bergen allerdings das Risiko von unkalkulierbaren Spätfolgen, und es tun sich auch bedeutende ethische Fragen auf. Wie viel „Mensch“ steckt dann in solch einem Tier?

Gibt es Möglichkeiten, Spenderorgane zu „optimieren“ und damit besser verfügbar zu machen?

Tatsächlich lassen sich heute auch Organe transplantieren, die noch vor wenigen Jahren dafür nicht mehr geeignet gewesen wären. So kann bei Herz, Lunge, Leber und Niere durch Maschinenperfusion die Zeit von der Entnahme bis zur Einpflanzung wesentlich verlängert werden. Bei diesem Verfahren wird das Spenderorgan vorübergehend an einen künstlichen Blutkreislauf angeschlossen und mit warmem, sauerstoffreichem Blut des Spenders versorgt. Das verlängert nicht nur die Transportzeit, sondern erlaubt auch eine vertiefte Beurteilung der Funktionsqualität gerade bei sogenannten marginalen Spenderorganen, z. B. von älteren Spendern.

Maschine statt Organ – ist auch das in Zukunft eine Möglichkeit?

Diese Möglichkeit gibt es schon heute z. B. für Typ-1-Diabetiker, also Menschen, deren Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert. Anstatt das Organ durch eine Transplantation zu ersetzen, übernimmt eine Insulinpumpe die Aufgabe, den Körper mit diesem Hormon zu versorgen. Dazu misst das kleine, unauffällige System selbsttätig und regelmäßig den Blutzucker, errechnet die richtige Dosis und gibt die benötigte Menge Insulin ab – präziser, als dies manuell je möglich wäre. So wird Diabetes zwar nicht geheilt, aber die Folgeschäden und Komplikationen der Krankheit werden verhindert bzw. verzögert, und die Lebensqualität der Betroffenen wird stark verbessert. In diesem Fall ist die „Maschine“ eine überzeugende Alternative zur Transplantation von Pankreas bzw. von einzelnen Inselzellen, die Insulin produzieren. Gerade Letzteres ist ein sehr fragiles Verfahren, das sich nur für wenige Betroffene eignet.

Welche Durchbrüche sind in der Transplantationsmedizin als nächste zu erwarten?

Transplantationsmedizin ist ein Innovationsmotor, doch die Entwicklung auf diesem Gebiet verläuft nicht linear, sondern oft in Sprüngen, das macht Voraussagen schwierig. Die Ergebnisse werden immer besser, zugleich werden die Erwartungen immer höher. Machbar ist heute vieles, die Technologien sind da, doch nicht immer für alle. Vorrangiges Ziel sind daher realistische Strategien, um mehr Organe transplantieren zu können.

Prim. Doz. Dr. Daniel Cejka ist Leiter der Abteilung für Nephrologie und Transplantationsmedizin am Ordensklinikum Linz Elisabethinen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Robert Langer war er Kongresspräsident bei Austrotransplant 2018, der 32. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Transplantation, Transfusion und Genetik, die im Oktober in Linz stattfand.

Kommentare
Um Kommentare zu posten ist es erforderlich, dass Sie sich anmelden.
Sollten Sie noch keinen Account haben, können Sie sich hier registrieren.
Zu diesem Artikel gibt es noch keine Kommentare