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Gesundheit
Österreich
26.12.2023

Digitale Pflegeanwendungen

Knappe Budgets, Personalmangel und eine immer älter werdende Gesellschaft: Um dem Pflegesektor aus der Krise zu helfen, braucht es moderne Technologien und eine Gesundheitspolitik mit Weitblick.

Matratzen, die nachts kontinuierlich Parameter wie Atemfrequenz, Puls und Bewegungsintensität messen und Alarm schlagen, wenn Grenzwerte erreicht werden, virtuelle Bettbalken, die Aufstehversuche melden und dadurch Stürze verhindern oder KI-basierte 3D-Bewegungsanalysen für Gesundheits-, Pflege- und Fitnessanwendungen: Der digitale Wandel verändert den Pflegealltag grundlegend und wird zukünftig immer wichtiger. Denn der steigende Alterungsprozess unserer Gesellschaft wird eine immer höhere Zunahme der Pflegebedürftigkeit mit sich bringen und den Pflegemangel noch verstärken. „Der Ruf nach Veränderung und Innovationen im Pflege- und Betreuungssystem ist daher zunehmend lauter“, sagt Dr. Wolfgang Kratky, Prokurist des Grazer telemedizinischen Unternehmens Notube und Digital Health Manager der geriatrischen Gesundheitszentren (GGZ) der Stadt Graz. Ob mobile medizinische Apps und Fitness-Tracker, Smart Home-Softwarelösungen oder Kommunikationsplattformen zur telemedizinischen Betreuung: Es gibt sie längst, doch die Nutzung im Alltag hielte sich bei uns noch in Grenzen, so Kratky.

Probleme schneller lösen

Anders in England, wo das Gesundheitssystem seit Jahren kurz vor dem Kollaps steht. Dort wurde im November 2023 erstmals ein Programm gestartet, das mithilfe digitaler Technologie den stark überforderten Pflegebereich entlasten soll. Als erste Region Englands setzt Cornwall auf einen transformativen digitalen Pflegedienst. Die Technologie mit dem Namen „Andi“ verbindet verschiedene Gesundheitsgeräte in der Wohnung. Über ein Netzwerk können sowohl Menschen, die Unterstützung benötigen, als auch ihre Familien und Betreuer darauf zugreifen. „Andi“ kann besorgniserregende Trends im Gesundheitszustand oder in der Umgebung einer Person verfolgen und darauf reagieren. Das ermöglicht einerseits Betroffenen, die Probleme schneller zu lösen, bevor sie sich verschlimmern oder einen Krankenhausaufenthalt erfordern und verringert andererseits den Druck auf den staatlichen Gesundheitsdienst und die Sozialfürsorge. „Bei uns scheitern sogenannte Digitale Pflegeanwendungen (DiPA) und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) bisher noch an den rechtlichen Voraussetzungen“, konstatiert Kratky. „Hier ist auch Deutschland bereits einen Schritt weiter und hat mit dem digitalen Versorgungs- und Pflege Modernisierungs-Gesetz (DVPMG) und der Verordnung zur Erstattungsfähigkeit digitaler Pflegeanwendungen eine gesetzliche Grundlage geschaffen.“ In Österreich werde über den Einsatz von DiGA und DiPA noch immer diskutiert. Dabei gehe es vor allem um die Kostenübernahme durch die öffentliche Hand, wofür ein Nachweis zur Wirksamkeit gefordert werde. „Ein kleiner Anfang gelang dennoch mit dem bundesweit bereits erfolgreich zum Einsatz gekommenen Telemonitoring-Programm HerzMobil“, so Kratky. Dieses umfassende Versorgungsprogramm erspare Patient*innen mit Herzinsuffizienz Wege und Wartezeiten durch den Einsatz von Telemedizin. „Die Patient*innen tragen ihre Parameter täglich in das ihnen zur Verfügung gestellte Telemonitoring-System ein und erhalten regelmäßig Feedback zu ihren medizinischen Werten“, erläutert er. „Dies soll das Selbstpflegeverhalten verbessern, die Krankheit stabilisieren und schließlich die Lebensqualität der Patient*innen erhöhen.“ 

"Zweifelsohne birgt die Integration digitaler Technologien dabei ein enormes pflegerisches Potenzial", meint Wolfgang Kratky, Digital Health Manager der geriatrischen Gesundheitszentren (GGZ) der Stadt Graz.

Eine Frage der Zeit

Für Kratky ist die Modernisierung der österreichischen Gesundheitsversorgung und Pflege nur mehr eine Frage der Zeit. „Neben eHealth Strategien der einzelnen Bundesländer wird aktuell auch an einer eHealth Strategie Österreich gearbeitet, bei der digitale Pflegeanwendungen eine große Rolle spielen werden“, sagt er. Es liege schließlich in der gesundheitspolitischen Zielsetzung, der älteren Bevölkerung ein möglichst qualitativ hochwertiges, selbstbestimmtes und eigenständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. „Zweifelsohne birgt die Integration digitaler Technologien dabei ein enormes pflegerisches Potenzial“, untermauert Kratky. Dennoch müsste sie komplementär zur klassischen Versorgung betrachtet werden. „Digitale Pflegeanwendungen können nicht alle Probleme des Pflegepersonalmangels lösen“, so der Experte. „Grundsätzlich können sie Pflegebedürftige und Pflegende unterstützen, um den Verbleib in den eigenen vier Wänden zu fördern und die Kosten für Pflegedienste zu senken. Pflegende ersetzen können sie aber nicht.“ Das sei ein wichtiger Aspekt, schließlich gehe es bei der Digitalisierung nicht ausschließlich darum, der hohen Arbeitsbelastung der Pflegekräfte entgegenzuwirken. „Wie das Programm HerzMobil zeigt, können digitale Innovationen auch die Lebensqualität der Pflegebedürftigen erhöhen und durch eine Reduktion von Krankenhauseinweisungen der öffentlichen Hand bares Geld sparen.“ Es gelte daher, die rechtliche Regulierung sowie die Finanzierung von digitalen Pflegeanwendungen durch die Krankenkassen voranzutreiben und die Prozesse zur Abrechnung und Kostenerstattung für Senior*innen unbürokratisch zu lösen. „Die Akzeptanz ist mittlerweile enorm gestiegen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg“, ist Kratky zuversichtlich. 

Interview: Rosi Dorudi; Fotos: Furgler/GGZ, www.de. depositphotos.com

Wolfgang Kratky, Dr. sc., MBA

Digital Health Manager von Notube

Kratky ist Prokurist des Grazer telemedizinischen Unternehmens Notube und arbeitet zudem im Bereich Telemedizin/Telecare in den geriatrischen Gesundheitszentren (GGZ) der Stadt Graz. Mit seinem akademischen Hintergrund (MSc in molekulare Mikrobiologie, PhD in Immunologie, MBA in Gesundheits- und Krankenhausmanagement) und Arbeitserfahrung in biomedizinischer Forschung, pharmazeutischer Industrie, Telemedizin, sowie Gesundheitsmanagement verfügt er über einen 360 Grad Blick innerhalb des Gesundheitswesens.

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