INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
25.09.2023

„Warum hat die Akademisierung der Pflege so lange gedauert?“

In Österreich werden immer mehr Pflegebedürftige von immer weniger Pflegekräften betreut. Nach langen Diskussionen rund um Lösungsmaßnahmen dieses Notstands, bringt eine Gesetzesnovelle nun Bewegung in die Pflegeausbildung. INGO sprach mit Professor Markus Golla, dem Institutsleiter Pflegewissenschaft am IMC Krems, über die Notwendigkeit der Akademisierung der Gesundheits- und Krankenpflege und den neuen Zulassungskriterien zum Studium.

Mit der Novellierung des Gesundheits- und Krankenpflege-Gesetzes können diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger*innen nach nur einjährigem Studium den Bachelor-Abschluss erlangen. Warum erfordert der Gesundheits- und Pflegebereich eine Akademisierung?

Markus Golla: Die Frage sollte eher lauten: Warum hat dies in Österreich so lange gedauert? Mit Blick auf andere Länder ist nämlich schnell zu erkennen, dass dieser Schritt längst überfällig war. Die Professionalisierung der Pflege gibt es in Amerika bereits seit 1900, in England wurde sie 1916 eingeführt, in China 1932, in Australien 1940, in Norwegen 1972 - um nur einige Beispiele zu nennen. Wir bilden mit dem deutschsprachigen Raum das Schlusslicht. Es geht hier jedoch nicht nur um den internationalen Vergleich, sondern auch um eine Weiterentwicklung der Ausbildung. Ich finde es interessant, dass wir dies in der Pflege noch immer diskutieren, während andere Berufe im Gesundheitswesen schon lange dort angekommen sind. 

Wie ist denn der aktuelle Stand der Ausbildungsplätze in der Gesundheits- und Krankenpflege?


Wir haben in den meisten österreichischen Bundesländern derzeit mehr Ausbildungsplätze als junge Menschen. Das hat nicht nur mit der Attraktivierung des Berufes zu tun, es ist eine einfache Rechnung. Ich nehme hier exemplarisch Niederösterreich. Wenn ich alle Schulabsolvent*innen aus diesem Jahr durch die möglichen Berufe dividiere und hierbei nur 50 Prozent der Berufsmöglichkeiten nehme, kommen auf jedem Ausbildungsplatz in der Pflege 0,5 Personen. Hinzu kommt die rasante Weiterentwicklung der Ausbildung. Hier müssen die neuen Gesetzgebungen zeitnah berücksichtigt und integriert werden. Das ist nicht immer leicht, macht es aber für uns sehr spannend. 

"Aufgrund des Pflegestipendiums von monatlich 650,- Euro ist dies der einzige Studiengang auf Universitäten, der sozusagen vom Bund bezahlt wird."

Wer ist für das Studium zugelassen?


All jene, die durch das Aufnahmeprozedere kommen. Wir überprüfen hier auch empathische Grundzüge, Merkfähigkeit, aber auch die Begeisterung für die Arbeit mit Menschen. 

Können Interessierte auch ohne Matura einsteigen und was sind die Voraussetzungen dafür?


Matura und Berufsreifeprüfung sind natürlich der übliche Einstieg in jegliches Studium in Österreich. Sind diese nicht vorhanden, können Interessierte bei uns mit einer Studiumsberechtigungsprüfung einsteigen. Haben sie bereits eine Ausbildung in der Pflege wie Pflegeassistenz, Pflegefachassistenz oder DGKP, können sie mit einer Studiumszulassungsprüfung das Studium beginnen - dies sogar mit einer verkürzten Studiumszeit. Je mehr also im Vorfeld geleistet wurde, desto weniger ist beim Einstieg zu absolvieren. 

Wie ist das Studium aufgebaut?


Die eine Hälfte besteht natürlich aus theoretischem Input. Die andere Hälfte des Studiums ist Praktikum - wir üben am IMC Krems rund 500 Stunden etwaige praktische Handgriffe. Es geht hier schließlich um eine Berufsberechtigung und nicht um ein theoretisches Studium. Die Studierenden wechseln in diesen drei Jahren immer zwischen Praxis und Universität. So festigt sich das Erlernte, kann noch einmal hinterfragt werden und findet am Ende seinen Abschluss in der Bachelorprüfung. Übrigens ist „Gesundheits- und Krankenpflege“ einer der wenigen Studiengänge, die bis zu einem Doktorat fortgeführt werden können. 

Wie hoch sind die Kosten?


Sie liegen bei 364,- Euro plus 18,- Euro ÖH-Beitrag im Semester. Wobei man in Österreich derzeit 600,- Euro im Monat Pflegestipendium bekommt. Es ist der einzige Studiengang auf Universitäten, der sozusagen vom Bund bezahlt wird. Meiner Meinung nach ist dies ein attraktives Angebot.

Verbuchen Sie viele Einschreibungen?


Wir schaffen es immer wieder alle Plätze weitgehend zu füllen. Wo wir aber dieses Jahr einen massiven Ansturm haben, ist die Weiterbildung der Pflegeassistenzen, Pflegefachassistenzen und Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger*innen, die im Studium einsteigen. Hier hatten wir dieses Jahr hunderte Anfragen.

"Studienabschlüsse haben schon immer in der Bevölkerung ein höheres Ansehen gehabt. Bis dies in der Pflege auch in der Gesellschaft angekommen ist, wird es aber noch ein wenig dauern."

Berufsrechtlich sind diplomierte Pflegekräfte den Absolventinnen und Absolventen der Bachelorstudiengänge für Gesunden- und Krankenpflege gleichgestellt. Worin unterscheiden sich denn die beiden Ausbildungen?


Die Ausbildung hat sich mittlerweile sehr verändert. Das ist auch gut so. Wie bereits erwähnt, gibt es hier viele neue Komponenten. Darüber hinaus gibt es noch den generalistischen Ansatz, es sind also Kinderinhalte und psychiatrische Inhalte abgebildet. Hier braucht es aber noch einen Feinschliff auf der einen oder anderen Universität. Der Master wird - wie in anderen Ländern auch - zu mehr Möglichkeiten führen. Das wird früher oder später auch die Gleichstellung mit den diplomierten Pflegekräften beenden. 

Ist der Einstieg in den Pflegebereich nach Ihrer Ansicht mit dem Bachelor-Studium attraktiver geworden?


Studienabschlüsse haben schon immer in der Bevölkerung ein höheres Ansehen gehabt. Bis dies in der Pflege auch in der Gesellschaft angekommen ist, wird es aber noch ein wenig dauern. Blicken wir auf die Bewerber*innenzahlen der anderen Berufsgruppen, können wir sehen, dass wir viele Studierende an die Bereiche Therapie oder Medizin „verlieren“. Wir müssen uns also nicht die Frage stellen, ob das Bachelor-Studium den Pflegebereich attraktiver macht, sondern die Frage aufwerfen, was andere Berufsfelder im Gesundheitswesen attraktiver macht und was wir daraus lernen können. 

Und was wäre dies?

Viele dieser Berufe vermitteln das Bild, mit dem erlernten Handwerk gleich in die Selbstständigkeit starten zu können. Das funktioniert aber gerade bei Therapieberufen nur selten, denn die meisten können sich nach Abschluss der Ausbildung noch keine eigene Praxis leisten. Zudem setzen gerade junge Menschen in ihrer Wunschvorstellung das Arbeiten als Physiotherapeut*in gleich mit Sporttherapie und denken nicht daran, dass sie es größtenteils mit alten Menschen zu tun haben werden. Wie wir in der Pflege die Begeisterung für den Beruf mit all seinen Facetten hinbekommen, kann ich derzeit nicht sagen.

Interview: Rosi Dorudi, Foto: www.de.depositphotos.com

Markus Golla, Prof. (FH), BScN, MScN

Institutsleiter Institut Pflegewissenschaft & Studiengangsleitung „Gesundheits- und Krankenpflege“ Krems/Mistelbach/Horn

Golla ist seit 2021 Institutsleiter des Instituts für Pflegewissenschaft und seit 2019 Studiengangsleiter für Gesundheits- & Krankenpflege an der IMC FH Krems. Er hat 2012 die Krankenpflegeschule Rudolfsstiftung absolviert und 2014 sein Studium der Pflegewissenschaft und -pädagogik mit dem Master of Sience an der Privatuniversität Hall in Tirol für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik abgeschlossen. Seit Februar 2022 ist Golla Obmann vom „We Care – Team Austria“, einer privaten Hilfsorganisation, die sich für Katastrophen- und humanitäre Hilfe einsetzt.

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