INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
23.10.2019

„Pflegekräfte sind Experten – das muss viel mehr betont werden!“

Das Bild der Pflege muss auch in der Öffentlichkeit neu gezeichnet werden: Davon ist Georgine Gattermayr, neue Pflegedirektorin im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, überzeugt.

Frau Gattermayr, was beschäftigt Sie in Ihrem neuen Job derzeit am meisten?

Georgine Gattermayr: Derzeit nimmt, neben vielen anderen Dingen, die Personalressource einen hohen Stellenwert ein. Ebenso die Implementierung der neuen Berufsgruppe Pflegefachassistenten, wo wir noch relativ am Anfang stehen, da von dieser Berufsgruppe noch nicht ausreichend Personen vorhanden sind. Dazu kommen aktuell noch zahlreiche Themen, die sich aus der Zusammenführung der beiden Krankenhäuser – Barmherzige Schwestern und Elisabethinen – zum Ordensklinikum Linz ergeben. Hier gilt es Synergien zu erkennen und zu fördern sowie Veränderungen zu begleiten. Strukturen und Prozesse werden adaptiert und teilweise geändert, da sind wir derzeit mittendrin. Manches wurde und wird in diesem dynamischen Prozess bereits erfolgreich umgesetzt, vieles ist noch in der Konzeptionsphase. Es ist wichtig, sich für die fachlichen Themen, die Prozessabläufe und die „häuserkulturellen“ Fragen ausreichend Zeit zu nehmen, gerade auch im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Sie kommen aus der praktischen Pflege und sind nun schon länger im Pflegemanagement tätig. Fehlt Ihnen der Kontakt zu Patientinnen und Patienten?

Am Patientenbett bin ich nicht mehr, aber Kontakt zu Menschen habe ich ja nach wie vor. Nach mehr als zehn Jahren auf einer Kinder-Intensivstation bin ich allerdings auch froh darüber, dass ich mit manchen besonders belastenden emotionalen Situationen heute nicht mehr so nah konfrontiert bin.

Sie sind seit über 25 Jahren im Pflegebereich tätig. Wie hat sich das Pflegeverständnis in dieser Zeit verändert?

Der Grundgedanke, Menschen zu helfen, hat sich nicht geändert. Die Ausbildung und die Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pflegeberufen jedoch mittlerweile zu Professionalisten und Experten in ihrem Beruf gemacht. Wir sind tätig in unseren Kompetenzbereichen. Wir pflegen weiterhin und wir begleiten, betreuen, beraten und unterstützen unsere Patientinnen und Patienten und deren Angehörige beziehungsweise Bezugspersonen. Die Pflege ist heute ein gleichwertiger Partner im multiprofessionellen Team im Krankenhaus. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinterfragen, was sie tun. Sie sehen sich nicht mehr nur als „Erfüller“ ihrer Aufgaben, sie gestalten mit und wollen miteinbezogen werden. Wobei das, glaube ich, nicht nur spezifisch für Pflegeberufe ist, sondern ein Thema der heutigen Vorstellung von Arbeit generell.

„Die Pflege ist heute ein gleichwertiger Partner im multiprofessionellen Team im Krankenhaus.“

Zugleich nimmt aber die Attraktivität der Pflegeberufe ab.

Das stimmt, man merkt es an allen Ausbildungszahlen. Der Pflegenachwuchs ist eine Riesenherausforderung, genauso wie Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung, für den Wiedereinstieg und für berufliche Umsteiger, die in die Pflege wechseln möchten. Zweifellos wird man Rahmenbedingungen verbessern und die Bezahlung an die hohe Verantwortung anpassen müssen. Entscheidend wird aber sein, der Öffentlichkeit ein klares Bild zu vermitteln, was Pflege wirklich ist und wie viel dahintersteckt. Pflege bedeutet Professionalität, Wissen und Expertise. Leider wird Pflege in der öffentlichen Wahrnehmung zu oft ausschließlich auf reine Altenpflege reduziert. Altenpflege ist nur ein Teil des vielseitigen Pflegeberufes.

Derzeit gibt es allerdings Vorschläge, die eher in die gegenteilige Richtung zielen, wie die Pflegelehre. Was halten Sie davon?

Die hohe Qualität in der Ausbildung muss unbedingt erhalten bleiben, auf den verschiedenen Levels von der Pflegeassistenz über die Pflegefachassistenz bis zum Bachelorstudium. Mit einer Pflegelehre für 15-Jährige würden wir interessierte junge Menschen zu früh ans Krankenbett stellen. Wir würden den Nachwuchs durch Situationen, die sie noch nicht verdauen können, eher abschrecken als begeistern.

Was müsste man in den Vordergrund rücken, um Pflegeberufe attraktiver zu machen?

Pflege ist viel mehr als bloß die Grundpflege. Pflegekräfte sind Experten in ihrem Bereich. Im Krankenhaus setzt sich diese Erkenntnis immer mehr durch, da schätzen auch viele Mediziner das Fachwissen der Pflege. „Draußen“ in der Bevölkerung ist das aber noch nicht wirklich angekommen. Dabei gibt es viele Bereiche, wo die Pflege wertvolle Dienste leisten kann, von Prävention und Beratung über Patientenbegleitung, Nachsorge und bestimmte Therapien bis hin zu einer Art Lebensmanagement. Die Gemeindeschwester oder die Schulschwester, wie es sie etwa in Nordeuropa gibt, könnte auch bei uns ein Zukunftsmodell sein. Auch die Karrieremöglichkeiten in der Pflege sind zu wenig bekannt. So gibt es heute Masterstudien in verschiedenen Bereichen, ob pflegefachliche Expertise, Spezialausbildungen für Sonderbereiche, Lehrtätigkeit oder Führung. Vor allem müssen wir zeigen, dass die Pflege nicht nur eine Berufung, sondern einfach ein toller Beruf ist mit vielen individuellen Möglichkeiten.

„Die Gemeindeschwester oder die Schulschwester, wie es sie etwa in Nordeuropa gibt, könnte auch bei uns ein Zukunftsmodell sein.“

Stichwort Führung: Wie hat sich das Management in der Pflege entwickelt?

Früher bedeutete eine Führungsaufgabe in der Pflege im Wesentlichen, Dienstpläne zu schreiben, Medikamente und Pflegebedarf nachzubestellen und Visiten zu begleiten und auszuarbeiten. Heute sind Führungskräfte in der Pflege oft für 50 bis 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, das entspricht Mittelbetrieben. Sie müssen Prozesse und Abläufe analysieren und gestalten, sie sind in Budgetplanungen eingebunden, sie kümmern sich um das Patientenmanagement und müssen dabei eine Vielzahl von gesetzlichen und qualitativen Normen miteinbeziehen. Das geht weit über die Pflege hinaus.

Wo sehen Sie die Pflege in zehn Jahren?

Ich glaube und hoffe, dass die Gesellschaft dann erkannt hat, was professionelle Pflege leistet und dafür Wertschätzung zeigt. Ich gehe auch davon aus, dass die Politik das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz mit der jüngsten Novelle nicht als abgeschlossen betrachtet, sondern dass es weiter evaluiert und an die Anforderungen angepasst wird. Die selbständige Ausübung der Pflege wird an Bedeutung gewinnen, mit neuen Perspektiven auch für die Lebensphasenplanung der Pflegekräfte. Es ist aber leider nicht auszuschließen, dass es erst ein Umdenken geben wird, nachdem man in manchen Bereichen bereits ziemlich in die Enge getrieben ist, auf Kosten der Patientinnen und Patienten und auch der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Interview: Josef Haslinger

Georgine Gattermayr,

Pflegedirektorin und Vorstand des Patientenmanagements im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwester

Gattermayr ist seit 1. Oktober 2019 Pflegedirektorin und Vorstand des Patientenmanagements im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Sie arbeitete in diversen pflegerischen Aufgabengebieten im Universitäts-Kinderklinikum Innsbruck und am LKH Leoben sowie als Pflegeleitung der Intensivstation für Früh- und Neugeborene in der damaligen Landesfrauen- und Kinderklinik in Linz. Zuletzt war die 48-Jährige als Assistentin der Pflegedirektion im Pflegemanagement am Kepler Universitätsklinikum Linz tätig. Sie hat neben Aus- und Weiterbildungen in ihrem pflegerischen Fachgebiet Diplomlehrgänge für Führungsaufgaben und Akademisches Sozialmanagement sowie einen Master-Lehrgang für Leadership und Soziales Management absolviert. Gattermayr ist verheiratet und Mutter einer Tochter.