INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
27.12.2023

Kardio-Nurse bringt forschungsbasierte Pflegepraxis ans Patient*innenbett

Das in Österreich neue Berufsbild der akademisch ausgebildeten Advanced Practice Nurse (APN) bietet ambitionierten Pflegepersonen eine Bandbreite attraktiver Tätigkeitsfelder. APN Petra Popp hat sich für das kardiologische Setting entschieden und ist seit Kurzem die erste Kardio-Nurse im Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum (PEK) Kirchdorf der Oberösterreichischen Gesundheitsholding. Im Gespräch mit INGO erklärt sie, was sie zu dem Studium motivierte und welche Vorteile diese erweiterte und evidenzbasierte Form der Pflege für den Spitalsbetrieb und die Patient*innen hat. 

Sie sind seit Ende September 2023 am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum (PEK) Kirchdorf als Kardio-Nurse im Einsatz. Was macht eine Kardio-Nurse genau?

Petra Popp: Ich bin dafür zuständig, die pflegerische Versorgung kardiologischer Patient*innen in unserem Haus zu optimieren. Dabei sind vor allem die Edukation und die Hilfe zum Selbstmanagement wesentliche Punkte. Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen so lange wie möglich stabil bleiben und ihre Lebensqualität weitgehend erhalten oder zumindest ein Stück weit zurückgewinnen können. Dazu müssen sie ihre Erkrankung, ihre Medikation und den Sinn der empfohlenen Verhaltensmaßnahmen wirklich begreifen. Im hektischen Klinikalltag ist es ja meist so, dass die Patient*innen zwar aufgeklärt werden, aber manches nicht verstehen oder sich nicht alles merken. Mitunter trauen sie sich auch nicht nachzufragen. In mir haben sie jetzt eine niederschwellige Ansprechpartnerin für alle ihre Fragen. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Mein Arbeitsalltag sieht so aus, dass ich vormittags nach der täglichen Teambesprechung die ambulanten Patient*innen betreue, also zum Beispiel spezifische Blutwerte aus der klinischen Untersuchung anschaue, ein EKG schreibe, den pflegerischen Status notiere und Beratungsgespräche durchführe. Nachmittags sind die stationären Patient*innen an der Reihe. Ich arbeite in einem interprofessionellen Team und habe bei jeder Person die Behandlungsziele der Ärzt*innen ebenso wie jene der Diätolog*innen oder der Physiotherapeut*innen im Blick. Durch meine Fachexpertise und dadurch, dass ich ein Verbindungsglied zwischen allen Professionen bin, gewinnen wir insgesamt an Effizienz und Versorgungskontinuität. Da wir uns absprechen, lassen sich auch Doppeldiagnostiken vermeiden. Wenn mir Medikamentennebenwirkungen oder andere Probleme auffallen, teile ich das den Kardiolog*innen mit. Darüber hinaus schule ich regelmäßig meine pflegerischen Kolleg*innen, denn auch sie haben oft fachliche Fragen, die die Kardiologie betreffen.

"Dieses Mehr an individualisierter pflegerischer Betreuung vonseiten des Spitals ist Aufgabe einer Kardio-Nurse und somit neu an unserem Haus."

Haben Sie noch mehr Neuerungen eingeführt, die es zuvor am PEK nicht gab? 

Ja, wir haben vor meiner Implementierung als Kardio-Nurse ein Patient*innentagebuch entwickelt, das ich den Menschen nach der Entlassung mitgebe. Ich bespreche mit ihnen die Therapieziele und halte sie dazu an, darin kontinuierlich die maßgeblichen Vitalparameter wie etwa Blutdruck, Puls oder Sauerstoffsättigung, ihr Gewicht, die Flüssigkeitsaufnahme oder auch Beobachtungen zum Wohlbefinden einzutragen. Ich erkläre ihnen, worauf sie achten und bei welchen Veränderungen sie umgehend Hilfe suchen müssen. Durch das Dokumentieren lernen sie, ihren Zustand besser einzuschätzen. Mit der Zeit machen sie zudem die Erfahrung, dass sie ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können, wenn sie sich an die Empfehlungen halten. Darüber hinaus rufe ich die Patient*innen eine Woche nach dem stationären Aufenthalt an. Ich frage nach, wie sie zu Hause zurechtkommen, ob sie bereits ihre Hausärzt*innen hinzugezogen haben, und ich vereinbare einen Nachsorgetermin bei mir im Spital. Angehörige und das betreuende Umfeld können sich über die App Klickdoc ins Gespräch einschalten. Wenn es geht, beziehe ich sie ein, denn das ist sehr hilfreich für die Patient*innen. Dieses Mehr an individualisierter pflegerischer Betreuung vonseiten des Spitals ist Aufgabe einer Kardio-Nurse und somit neu an unserem Haus.

Um welche Erkrankungen handelt es sich im Wesentlichen bei dieser Patient*innengruppe?

Hauptsächlich geht es um chronische Herzinsuffizienzen, aber auch um Herzrhythmusstörungen, Herzklappenerkrankungen und kononare Herzkrankheiten bis hin zum Herzinfarkt. Und natürlich zählen auch jene dazu, die zu einem geplanten Eingriff kommen, zum Beispiel zu einer Schrittmacher-Operation. Ich betreue aber nicht nur Patient*innen auf der internen Abteilung, wo ich stationiert bin, sondern mir werden auch Patient*innen von anderen Stationen zugewiesen. Das kann zum Beispiel jemand sein, der mit einer Schenkelhalsfraktur in der Unfallchirurgie liegt, aber zusätzlich an einer Herzinsuffizienz leidet, die nach dem Eingriff entgleist ist. 

Wie kam es, dass sich das PEK entschieden hat, eine Kardio-Nurse einzusetzen?

Hier haben einige Faktoren zusammengewirkt. Zum einen wollte ich mich von vornherein als DGKP weiterentwickeln, das habe ich 2019 in Angriff genommen. Zuerst habe ich an der PMU Salzburg den Bachelor nachgemacht und anschließend dort ein zweijähriges Masterstudium in Advanced Nursing Practice absolviert. Dem stand das PEK, an dem ich zu diesem Zeitpunkt schon länger tätig war, äußerst wohlwollend gegenüber. Zugleich haben wir gesehen, dass die Rehospitalisierungsrate bei Patient*innen mit chronischer Herzinsuffizienz sehr hoch ist. Das belegten auch die Zahlen aus dem Controlling. Schon aus diesem Grund stand die Überlegung, mich als Kardio-Nurse einzusetzen, im Raum. 2022 war ich mit dem Studium fertig, wegen der Corona-Pandemie hat es mit dem Startschuss aber noch ein bisschen gedauert. Vorangetrieben hat den Plan schließlich das große Interesse von Frau Dr. Dieplinger, der Leiterin des Kompetenzmanagements für Gesundheit und Sozialberufe in der Oberösterreichischen Gesundheitsholding, am Potenzial der Advanced Practice Nurses. Sie hat zusammen mit der PMU das Projekt KOPFF („kompetente pflegerische Fall- und Fachführung“) initiiert, das die Entwicklung dieser neuen Rolle an den Häusern der Oberösterreichischen Gesundheitsholding stärken sollte. Dadurch konnte ich für das PEK ein Konzept für meine Stelle erarbeiten und präsentieren. Seit Ende September 2023 bin ich nun die erste Advanced Practice Nurse im Haus und als solche als Kardio-Nurse im Einsatz.

Wie haben Sie es geschafft, neben der Berufstätigkeit das Masterstudium zu absolvieren?

Also ohne die sensationelle Unterstützung meines Hauses – und zwar von der Pflegedirektion über die Kolleg*innen aus dem Pflegeteam bis hin zu den Ärzt*innen – hätte ich das neben meinem 40-Stunden-Job bestimmt nicht geschafft. Nicht nur wegen des Aufwands, ich hatte durch das Studium ja auch viele Dienstplanwünsche, musste öfter für die Präsenzzeiten an der Uni, Prüfungen und das Verfassen der Masterarbeit freinehmen. Der Rückhalt des PEK ist also eine ganz wesentliche Voraussetzung gewesen, und dafür bin ich wirklich dankbar. Abgesehen davon will ich die Anstrengungen eines berufsbegleitenden Studiums nicht kleinreden, es war eine intensive Zeit. Aber für mich hat es sich voll und ganz gelohnt. Die Arbeit als Kardio-Nurse ist erfüllend und spannend.

"Die akademische Ausbildung befähigt uns, Literaturrecherchen durchzuführen und stets guidelinekonform und evidenzbasiert zu arbeiten."

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach dem Bachelor noch ein Advanced-Nursing-Practice-Studium anzuhängen? Und warum haben sie sich gerade auf Kardiologie spezialisiert?

Während des Bachelorstudiums habe ich gesehen, dass Advanced Nursing Practice eine Möglichkeit ist, einen Master zu machen und danach trotzdem am Patient*innenbett zu arbeiten. Das war mir sehr wichtig, denn ich wollte auf keinen Fall weg aus der klinischen Versorgung. Ich arbeite seit 2012 auf der internen Station, die internen Fächer waren mir also vertraut. Ich hatte auch die nötige Pflegepraxis – denn für dieses Studium werden zumindest drei Jahre Pflegepraxis empfohlen. Ich habe mich dann für den Master in Advanced Nursing Practice mit Fokus auf Chronic Care entschieden. Innerhalb dessen kann man den Schwerpunkt auf verschiedenste Gebiete legen, beispielsweise Pulmologie, Onkologie, Diabetologie oder Kardiologie. Mir hatte es eben das Herz angetan. Es ist ein unglaublich faszinierendes Organ mit einer hochkomplexen Struktur. Dazu kam meine Erfahrung aus dem Klinikalltag, dass Herzinsuffizienzpatient*innen eigentlich immer wieder ins Spital zurückkommen, und jedes Mal beiben sie etwas länger und geht es ihnen ein bisschen schlechter. Diese Beobachtung hat mich motiviert, mich in die Thematik einzulesen. Ich wollte einfach wissen, ob man das nicht auch pflegerisch irgendwie abfedern kann. Und wie sich herausstellte: Ja, man kann, wenn man die Forschung in die Pflegepraxis bringt. Das ist das Besondere am Berufsbild der Advanced Practice Nurse. Die akademische Ausbildung befähigt uns, Literaturrecherchen durchzuführen und stets guidelinekonform und evidenzbasiert zu arbeiten. Die Funktion im Spital ist zudem so angelegt, dass man die Zeit und den Rahmen hat, aktuelle Standards und Leitlinien für die Station aufzubereiten und zu vermitteln. Ich finde das wunderbar, denn es kommt der Versorgungsqualität für die Patient*innen sehr zugute. 

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs gibt es Ihre Stelle als Kardio-Nurse am PEK erst seit etwa zweieinhalb Monaten. Lassen sich schon Benefits erkennen?

Natürlich haben wir in der kurzen Zeit noch keine Outcomes erheben können, aber subjektiv zeigt sich der Mehrwert tatsächlich schon auf mehreren Ebenen. Zum Beispiel habe ich bereits rückgemeldet bekommen, dass meine Schulungen für das Pflegepersonal zu kardio-pflegerischen Themen ein großer Nutzen für die Patient*innen sind. Sie erhalten jetzt nämlich von allen Pflegepersonen die gleichen informationen. Das war früher nicht so, was die Patient*innen nicht selten verunsichert hat. Die Kolleg*innen können außerdem die Inhalte auswählen, über die sie mehr wissen wollen, wie etwa Flüssigkeitsbilanz oder Medikamentenmanagement. Die Wissensvermittlung und -auffrischung wird von ihnen somit gerne angenommen. 

Was sich auch bemerkbar macht, ist die Arbeitsentlastung für sie, weil ich ihnen in Sachen Patient*innenaufklärung ja vieles abnehme. Ich habe das Privileg, dass ich mir die Zeit nehmen kann, um den Betroffenen ihre Erkrankung und die Verhaltensmaßnahmen ausführlich zu erläutern. Normalerweise haben Pflegende im stressigen Klinikalltag kaum diese Möglichkeit. Auch die Ärzt*innen werden weniger mit wiederholten Nachfragen konfrontiert und gewinnen mehr Zeit für ihre Kernaufgaben. Selbstverständlich erkläre ich den Patient*innen nichts, was nicht auch schon der Kardiologe oder die Kardiologin gesagt hat, aber ich kann es so oft wiederholen, wie es die jeweilige Person braucht. Oft ist es auch nötig, Dinge in einer einfacheren Sprache zu formulieren. Eine Funktion wie meine bringt automatisch mehr Kommunikation im interdisziplinären Team mit sich, und die Bereitschaft dazu ist in unserem Haus generell groß. Es profitieren auch alle davon. Wir werden die Outcomes aber sicherlich zu gegebener Zeit systematisch analysieren und evaluieren.

Verbessert sich durch die intensivere Aufklärung auch die Therapietreue der Patient*innen?

Ja, das ist ganz ein wichtiger Punkt. Gerade der großen Gruppe der Patient*innen mit Herzinsuffizienz wird oft nachgesagt, dass sie besonders therapieuntreu ist. Es gibt auch eine Studie im Auftrag der Österreichischen Sozialversicherung, die gezeigt hat, dass sich die Betroffenen nicht so gut an die Empfehlungen zur Therapiezielerreichung halten. Ich bekomme aber immer mehr das Gefühl, dass sie gar nicht absichtlich therapieuntreu sind, sondern nur nicht ausreichend Bescheid wissen, was passiert, wenn man Arzneien absetzt oder die vereinbarten Ziele nicht erfüllt. Je besser die Menschen über ihre Erkrankung informiert sind und je mehr sie verstehen, dass sie deren Fortschreiten günstig oder ungünstig beeinflussen können, umso mehr halten sie sich an die Abmachungen. Meine subjektiven Erfahrungen der letzten Wochen deuten darauf hin, dass man gerade bei dieser Gruppe mit engmaschiger Betreuung und verstärkter Information sehr viel bewirken kann. Das finde ich bemerkenswert. Weiters bekomme ich laufend Rückmeldungen von Patient*innen, wie gut ihnen das Nachsorgetelefonat tut. Ich denke, ich erreiche damit auch viele, die sich sonst nicht mehr bei mir gemeldet hätten. Die hätten ihre Erkrankung vielleicht einfach irgendwie dahinlaufen lassen. Es kommen aber wirklich alle danach zum Ambulanztermin, das funktioniert hervorragend.

Interview: Uschi Sorz; Fotos: privat, OOEG

Petra Popp, MSc

Kardio-Nurse am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Kirchdorf

Popp hat 2011 die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin (DGKP) in Kirchdorf an der Krems absolviert und arbeitet seit 2012 auf der Inneren Medizin im Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum (PEK) Kirchdorf. 2019 schloss sie ihren Bachelor of Science in Nursing an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg ab. Direkt im Anschluss begann sie an der PMU mit dem Masterstudium Advanced Nursing Practice mit Fokus auf Chronic Care, das sie im Juli 2022 abschloss. Die Aufnahme im Oktober 2022 in ein Kooperationsprojekt zwischen der PMU und dem Kompetenzmanagement für Gesundheit und Soziales der Oberösterreichischen Gesundheitsholding (Leitung Priv.-Doz.in Mag.a Dr.in Anna Maria Dieplinger) zur Implementierung von Advanced Nursing Practice in das klinische Setting ermöglichte es ihr, Ende September 2023 am PEK eine Stelle als Kardio-Nurse anzutreten. Sie ist somit die erste Advanced Practice Nurse am PEK Kirchdorf.

Haben Ihnen diese Artikel gefallen?

Erhalten Sie regelmäßig alle relevanten Nachrichten aus dem österreichischen Gesundheitswesen.