INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
06.11.2023

„Masterstudierende aus dem Pflegebereich sind hochmotiviert, das Gesundheitswesen zukunftsfit zu machen“

Vor gut 20 Jahren war die Tiroler Privatuniversität UMIT TIROL eine der ersten Bildungsstätten in Österreich, die sich auf die neuen Berufs- und Forschungsfelder des Gesundheitswesens spezialisiert hat. Unter anderem bietet sie drei Masterstudien für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen an. Studiengangskoordinatorin Karoline Schermann erklärt im Gespräch mit INGO, warum das Gesundheitswesen durch die Akademisierung der Gesundheits- und Krankenpflege und entsprechende Weiterqualifizierungsmöglichkeiten nur gewinnen kann. 

Frau Dr. Schermann, welche Masterstudiengänge bietet die UMIT TIROL für Gesundheits- und Krankenpflegepersonen an? Welche Höherqualifizierungen sind für diese interessant?

Karoline Schermann: An der UMIT TIROL bieten wir am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie die Masterstudien Advanced Nursing Practice, Pflege- und Gesundheitsmanagement sowie Pflege- und Gesundheitspädagogik an. Diese Studienabschlüsse sind international anerkannt und sprechen speziell Gesundheits- und Krankenpflegepersonen an, die ihre Zukunft langfristig im Gesundheitswesen sehen und sich dort weiterentwickeln wollen. Das ist in mehreren Richtungen interessant. Mit dem Master in Pflege- und Gesundheitspädagogik zum Beispiel können sich Absolvent*innen genau in ihrem Bereich auf Pädagogik spezialisieren und selbst lehren, mit dem Master in Pflege- und Gesundheitsmanagement wiederum sind sie für Managementaufgaben im Gesundheitsbereich qualifiziert. Voraussetzung für diese beiden Studien ist an unserer Einrichtung ein Bachelorabschluss in Gesundheits- und Krankenpflege, Pflegewissenschaft oder verwandten gesundheitsnahen Fächern wie Ergo- und Physiotherapie, Psychologie oder Hebammen-Studiengängen. Und Advanced Nursing Practice ist in Österreich überhaupt ein neues Berufsbild, hier richtet sich unser Studiengang an berufserfahrene diplomierte Pflegepersonen mit Bachelorabschluss. Den starken Fokus, den er auf verstärkte pflegerische Autonomie und neue Handlungskompetenzen in verschiedensten klinischen und mobilen Settings legt, hält unser Departmentleiter Professor Gerhard Müller für unverzichtbar für ein modernes Gesundheitswesen, das ja zunehmend große Herausforderungen meistern muss. In diesem Sinne ist es natürlich auch als Spezialisierung spannend.

Welche neuen Handlungskompetenzen sind das genau, die eine Spezialisierung in Advanced Nursing Practice für Pflegepersonen spannend machen?

Die Spezialisierung in Advanced Nursing Practice bietet jede Menge interessante Perspektiven, besonders in der Gesundheitsförderung und Prävention. Darunter fallen die Beratung und Edukation von bestimmten Zielgruppen wie beispielsweise alten Menschen oder Patient*innen mit chronischen Erkrankungen. Hier geht es auch um fachliches Leadership und die Befähigung, pflegewissenschaftliche Erkenntnisse weiterzugeben. Nicht nur an Patient*innen und Angehörige übrigens, sondern auch an andere Dienstleister*innen im Sozial- oder Gesundheitssetting oder der öffentlichen Hand. Es gibt hier Tätigkeitsfelder in der erweiterten Versorgung, zum Beispiel im Wundmanagement, in der Kontinenz- und Stomaberatung, im Case-und-Care-Management und anderem mehr. Aufgrund der Vielfalt an potenziellen Einsatzmöglichkeiten bildet unser Department Advanced Nursing Practitioners bewusst sehr breit, um nicht zu sagen generalistisch aus, aber eben auf sehr hohem Niveau. Was Masterabsolvent*innen generell auszeichnet, sind ihre Berührungspunkte und Erfahrungen mit der Forschung. Dieses Rüstzeug bringen auch Advanced Nursing Practitioners mit. Sie sind in der Lage, Studien zu interpretieren oder auch selbst zu konzipieren, durchzuführen und zu evaluieren. Sie können Edukationsprogramme etablieren, sich interdisziplinär vernetzen und ihre pflegerische Kernkompetenz innerhalb von Kooperationen einbringen. Das ist innovativ und wird in Zukunft immer mehr gebraucht werden, denn eine vernetzte ganzheitliche Versorgung ist auch eine besonders effiziente und ökonomisch sinnvolle. Wir finden es außerdem wichtig, hier den Rahmen dessen, was das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz vorgibt, vollkommen auszuschöpfen. Das heißt in diesem Fall sämtliche Möglichkeiten der Pflegeexpertise.

"Gerade vor dem Hintergrund des Pflegenotstands leisten Führungskräfte, die diesbezüglich sehr gut ausgebildet sind, einen wertvollen Beitrag."

Füllt auch der Master in Pflege- und Gesundheitsmanagement eine Lücke? Oder anders gesagt: Wird Führung zunehmend attraktiver für Gesundheitsberufe?

Führung war immer schon ein Thema für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen mit Gestaltungswillen, Talent und Affinität zu solchen Aufgaben. Darum sehe ich nicht unbedingt mehr Interessent*innen, aber es kommen angesichts der massiven Herausforderungen der heutigen Zeit für den Pflegesektor neue Anforderungen hinzu. Der Bedarf an Skills, um geeignetes Pflegepersonal zu rekrutieren und im Betrieb zu halten, ist sehr hoch. Gerade vor dem Hintergrund des Pflegenotstands leisten Führungskräfte, die diesbezüglich sehr gut ausgebildet sind, einen wertvollen Beitrag. Außerdem haben sie schon im Studium gelernt, für ihre Berufsgruppe zu argumentieren und einzutreten. Sie wissen, was es braucht, um den Beruf attraktiv zu machen. Und nicht zuletzt gibt es inzwischen auch eine Art Konsens darüber, dass sich in den multidisziplinären Führungsteams, etwa in Spitälern, besser eine Augenhöhe herstellen lässt, wenn die gesamte kollegiale Führung akademisch ausgebildet ist und nicht nur die Ärzt*innen und Betriebswirt*innen. Mit akademischem Unterbau spart man sich zudem viel Learning by Doing und kann gleich mit hoher Qualifikation einsteigen. Sprich Pflege- und Gesundheitsmanager*innen mit Masterausbildung sind von vornherein hervorragend gerüstet. In diesem Sinne füllt dieses Studium sicherlich eine Lücke.

Wie sieht die Ausbildungslandschaft für pflegerelevante Masterstudien in Österreich aus? Ist man hier noch am Beginn? Ist die UMIT TIROL eine Vorreiterin?

Ich betrachte uns auf jeden Fall als Vorreiterin, weil wir zu den ersten Universitäten in Österreich gehören, die ein pflegewissenschaftliches Studium angeboten haben. Das ist mittlerweile gut 20 Jahre her. Wir haben auch immer darauf geachtet, dass unser Studienprogramm vom Bachelor bis zum Doktorat durchgängig ist. Österreichweit gibt es aber mittlerweile durchaus ein großes Angebot an akademischen Ausbildungen im Gesundheitsbereich, die ganz unterschiedlich aufgebaut sind. Vor allem durch die Gesetzesnovelle 2016 und die Etablierung der Fachhochschulen für die Grundausbildung hat sich sehr viel verändert. Die Ausbildungslandschaft mag zwar momentan ein bisschen einem Fleckerlteppich gleichen, dieses breite Angebot ermöglicht aber auch, dass jede*r das Passende für sich finden kann. An der UMIT TIROL zum Beispiel bemühen wir uns, gemeinsam mit Interessent*innen den individuell besten Bildungsweg für sie zu planen. Das schließt auch ältere Bildungsgenerationen nicht aus, denn den Bachelor kann man jederzeit nachmachen. 

Ob ein nachgeholter Bachelor oder ein Masterstudium: Ist das nicht alles sehr herausfordernd für das Gesundheitspersonal? Diese Ausbildungen erfolgen ja meist neben der Berufstätigkeit. 

Stimmt, das ist herausfordernd. Da wir es hier aber in der Regel mit hochmotivierten Menschen zu tun haben, klappt es meiner Erfahrung nach ganz gut. An unserem Department haben wir die Masterstudien von vornherein berufsbegleitend konzipiert, denn wir gehen davon aus, dass die Studierenden berufstätig sind. Zugunsten der Vereinbarkeit mit der Erwerbsarbeit finden die Lehrveranstaltungen in Blockwochen oder online statt, außerdem gibt es auch begleitete Selbststudienphasen. Trotzdem empfehlen wir, das Arbeitsverhältnis auf etwa 75 bis 80 Prozent zu reduzieren, denn auch die Arbeitsaufträge während des Studiums und Prüfungsvorbereitungen kosten Zeit und Energie. 

Welche Rolle spielen Praktika?

Bei uns ist in allen Masterstudiengängen ein sechswöchiges Praktikum verpflichtend, dieses kann man aber eigenverantwortlich über zwei Semester aufsplitten. Praktika sind wichtig, um sich mit dem zukünftigen Berufsbild vertraut zu machen, also zum Beispiel im Pädagogikbereich auch selbst zehn Unterrichtseinheiten zu lehren. Oder im Pflege- und Gesundheitsmanagementbereich bei einer Pflegedienstleitung oder Stabsstelle für Qualitätssicherung hineinzuschnuppern. Für Advanced Nursing Practitioners gibt es auch schon die ersten Pionierprojekte in Österreich, wo sie ihr Praktikum absolvieren können. Wir haben aber auch entsprechende Kontakte in die Schweiz, einige unserer Referent*innen kommen von dort. Solche Aufenthalte müssen sich die Praktikant*innen zwar selbst finanzieren, aber die Möglichkeit besteht jedenfalls.

"Die Rückmeldungen gehen aber durchwegs in die Richtung, dass sie den Arbeitsplatz bekommen, den sie sich gewünscht haben."

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Ihren Masterabsolvent*innen bezüglich der Berufsaussichten? In welchen Bereichen arbeiten sie jetzt?

Je nach Spezialisierung arbeiten unsere Absolvent*innen natürlich in ganz unterschiedlichen Bereichen. Die Rückmeldungen gehen aber durchwegs in die Richtung, dass sie den Arbeitsplatz bekommen, den sie sich gewünscht haben. Bei den Pädagogikabsolvent*innen reicht das vom Unterrichten an Facheinrichtungen bis hin zu Positionen als Schuldirektor*innen. Es gibt unter unseren Absolvent*innen Pflegedirektor*innen, Pflegedienstleiter*innen, Stationsleiter*innen und Advanced Nursing Practitioners mit Stellen in der direkten Versorgung verschiedener Patient*innengruppen und teilweise auch in beratenden Funktionen. Ein sehr kleiner Teil hat sich für eine universitäre Karriere entschieden, macht ein Doktorat und will in der Forschung bleiben. Die Mehrheit geht aber in die Praxis zurück. Unsere Erfahrung stimmt auch überein mit den Zahlen, die im europäischen Vergleich erhoben wurden: Demgemäß werden 28 Prozent der Masterabsolvent*innen Lehrpersonen, etwa ein Viertel bleibt in der direkten Pflege und rund 40 Prozent arbeiten im Managementbereich.   

Das Gesundheitswesen verliert also niemanden, nur weil er oder sie ein aufbauendes Studium gemacht hat?

Ganz im Gegenteil. Es gibt kaum jemanden, der so ein Studium macht und dann sagt, jetzt mach ich etwas ganz anderes. Diese Studierenden sind bereits fest in ihrer Berufswelt verankert und hochmotiviert, den Pflegesektor zukunftsfit zu machen. Das sind bewusste Entscheidungen, die eine starke intrinsische Motivation und Verbundenheit mit dem Gesundheitswesen erfordern. Umgekehrt braucht das Gesundheitswesen dringend Menschen mit diesem Mindset in Kombination mit den erworbenen Qualifikationen. Was sie mitbringen, wirkt sich anspornend auf andere Mitarbeiter*innen, das Arbeitsklima und letztlich positiv auf die Patient*innen aus. Die Führung, die pflegerische Praxis, die Wissensvermittlung – alles gewinnt an Qualität.

Kommen auch die Advanced Nursing Practitioners alle unter? Das ist doch für Österreich ein sehr neues Berufsbild.

Bei den Advanced Nursing Practitioners ist es häufig so, dass die Institution, in der unsere Absolvent*innen arbeiten, daran interessiert ist, dass sie dieses Masterstudium machen, um hier im Anschluss in diesem Bereich etwas voranzutreiben oder zu etablieren. Das Gelernte setzen sie oft gleich im eigenen Arbeitsfeld um und leisten Pionierarbeit, zum Beispiel in der Versorgung und Betreuung von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen oder in Palliative-Care-Settings. Darüber hinaus gibt es in Österreich bereits etliche Pilotprojekte und vor allem auch Interesse der Regierung, das Angebot für und die Berufsfelder von Advanced Nursing Practitioners auszuweiten. 

Welche Rolle spielt die Forschung bei den Masterausbildungen?

Dadurch, dass Universitäten und einige Fachhochschulen selbst Forschung betreiben, eine sehr große. Aktuelle Forschungsergebnisse sind in den Lehrveranstaltungen abgebildet. Aber nicht nur Forschung und Lehre sind verknüpft, die Studierenden haben auch die Möglichkeit, in Forschungsprojekten mitzuarbeiten, etwa im Rahmen ihrer Masterarbeit. Es ist essenziell, dass Studierende lernen, Forschung selbst anzuwenden. Also den ganzen Prozess vom Herausarbeiten einer Problemstellung, einer Forschungsfrage und Zielsetzung bis hin zur Rekrutierung der Studienteilnehmer*innen und der Berücksichtigung von forschungsethischen Aspekten. Unser Department unterstützt auch die Teilnahme an Kongressen, das Verfassen von Publikationen und überhaupt alles, was den Blick über den Tellerrand ermöglicht. 

Interview: Uschi Sorz; Fotos: UMIT TIROL, www.de.depositphotos.com

Karoline Schermann, Dr., BScN MScN

Studiengangskoordinatorin für Masterstudien am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie der UMIT TIROL

Schermann schloss 2004 ihre Ausbildung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin an der Pflegeakademie der Barmherzigen Brüder Wien ab und war anschließend einige Jahre im angrenzenden Krankenhaus auf einer interdisziplinären Sonderklassestation tätig. Das Bachelor- und Masterstudium Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Pflegepädagogik absolvierte sie an der UMIT TIROL (Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften und -technologie). Aufgrund des Studiums verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Tirol. Seit Oktober 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie der UMIT TIROL. Im Jahr 2022 schloss sie dort das Promotionsstudium im Fachbereich Pflegewissenschaft erfolgreich ab. Zu ihren bisherigen Tätigkeiten übernahm Schermann im Oktober 2023 die Leitung des Zentrums für Innovative Lehre und Didaktik der UMIT TIROL. Sie ist außerdem Studiengangskoordinatorin für Masterstudien am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie.

Haben Ihnen diese Artikel gefallen?

Erhalten Sie regelmäßig alle relevanten Nachrichten aus dem österreichischen Gesundheitswesen.