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Gesundheit
Oberösterreich
25.07.2022

Antibiotikaresistenzen, die große globale Gefahr

Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu und zählen heute laut WHO zur größten Bedrohung der globalen Gesundheit. Mit nationalen Aktionsplänen will man dagegen ankämpfen. Bislang fehlt es allerdings an belastbaren Daten und einem verpflichtenden Regelwerk, warnt Mikrobiologin Petra Apfalter vom Ordensklinikum Linz.

Antibiotika sind einer der Grundpfeiler der modernen Medizin. Ohne diese Therapeutika gegen bakterielle Infektionen wären Chemotherapien oder Organtransplantationen heutzutage nicht denkbar. Mit der Entdeckung des Penicillins konnte seit Mitte der 1940er-Jahre die Lebenserwartung deutlich erhöht werden. Während man in den 1960er-Jahren die Hoffnung hegte, Infektionskrankheiten seien im Jahr 2000 besiegt, weiß man es heute besser. 

Zu großer Einsatz führt zu Resistenzen

Antibiotika haben in den letzten Jahrzehnten an Wirksamkeit eingebüßt. Der Grund dafür ist zum einen eine falsche oder zu häufige Anwendung in der Humanmedizin. In Österreich werden zwei Drittel aller verschriebenen Antibiotika im niedergelassenen Bereich verordnet. Dabei zeigen sich Spitzen in der kalten Jahreszeit, wenn virale Atemwegsinfektionen kursieren, gegen die Antibiotika gar nicht wirken.

Zudem ist der enorme und mitunter prophylaktische Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ein großes Problem. Mit einem Verkauf von rund 44 Tonnen Antibiotika in der Veterinärmedizin ist die Menge in Österreich 2020 um rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. 

Diese Flut an antimikrobiellen Wirkstoffen hat ihre Konsequenzen. Denn bei jedem Einsatz von Antibiotika werden empfindliche Bakterien abgetötet – die widerstandsfähigen allerdings überleben und vermehren sich weiter. Über das Abwasser von Mastbetrieben gelangen resistente Keime schließlich in die Umwelt, wie Greenpeace durch Wasserproben 2021 belegen konnte.

1,2 Millionen Todesfälle im Jahr 2019

2019 sind laut einer aktuellen Schätzung mehr als 1,2 Millionen Menschen weltweit an einer Infektion mit einem antibiotikaresistenten Erreger gestorben. Bei weiteren 3,68 Millionen Todesfällen war eine solche Infektion zumindest mitverantwortlich für den Tod. Diese Zahlen hat eine internationale Expertengruppe kürzlich im medizinischen Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht. 

Damit gehören antimikrobielle Resistenzen (AMR) zu den häufigsten Todesursachen weltweit. „Diese neuen Daten legen das wahre Ausmaß des Problems antimikrobieller Resistenzen weltweit offen und sind ein klares Signal, dass wir jetzt handeln müssen", sagt Studien-Co-Autor Chris Murray von der University of Washington. 

Bisherige Schätzungen der WHO, dass sogenannte „Superbakterien“ bis 2050 rund zehn Millionen Menschen töten könnten, sind mit der neuen Studie überholt. Diese Schwelle könnte wohl schon viel früher erreicht werden. Damit würden weltweit mehr Menschen an resistenten Keimen sterben als an Krebs.

Ein lange ignoriertes Problem

Das Problem der resistenten Keime ist kein neues. In ihrer 30-jährigen Laufbahn als Mikrobiologin habe es die Diskussion um notwendige Maßnahmen seit jeher gegeben, sagt Petra Apfalter vom Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin des Ordensklinikum Linz. „Aber wirksame Instrumente hat man bislang nicht etabliert.“ 

Im Fachmagazin „Nature“ wurde soeben ein Paper zu diesem Thema veröffentlicht. Darin konnte die Mikrobiologin gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern belegen, dass es Antibiotikaresistenzen in menschlichen Pathogenen schon vor der Erfindung von Antibiotika gab. Gewisse Stämme des Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus(MRSA) konnten in europäischen Igel-Populationen aus präantibiotischer Zeit nachgewiesen werden. „Dies zeigt, wie wichtig bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen ein One-Health-Ansatz ist, der das Zusammenspiel aller Ökosysteme berücksichtigt“, so Apfalter.

Nationaler Aktionsplan gegen AMR

In der Generalversammlung der Vereinten Nationen haben sich 2016 alle Staaten weltweit geeinigt, Maßnahmen gegen die Ausbreitung von AMR zu ergreifen. In Reaktion darauf hat das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz einen Nationalen Aktionsplan gegen Antibiotikaresistenzen erstellt, der soeben aktualisiert wurde. 

Zu den angepeilten Maßnahmen zählen neben Datenerhebung, Hygiene und Diagnostik auch das sogenannte Antimicrobial Stewardship, also ein Codex zum verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika. Der Aktionsplan verfolgt eine One-Health-Strategie, bei der das Wohl von Mensch, Tier und Umwelt ganzheitlich betrachtet werden soll.

Goodwill alleine reicht nicht

Bislang beruhten allerdings sämtliche Maßnahmen auf Freiwilligkeit, kritisiert Apfalter. „Solange ein verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika nicht gesetzlich verankert ist, sondern auf Goodwill beruht, wird sich an der Lage nichts ändern.“ 

Außerdem fehle es nach wie vor an belastbaren Daten aus den Krankenanstalten. „Gibt es keine Untersuchungen zu Resistenzen, dann gibt es auch kein Problembewusstsein“, so die Mikrobiologin. Ziel in einer globalisierten Welt müsse es jedenfalls sein, politische Interessen zu überwinden und ein verbindliches, internationales Regelwerk zu schaffen. 

Laut Umwelt- und Tierschutzorganisationen ließe sich die Menge an verabreichten Antibiotika in der Tiermast sehr leicht reduzieren. Durch bessere Haltung, Impfungen und ausgewogenes Futter könnten Betriebe auf einen Großteil der Medikamente verzichten.

Text: Gertraud Gerst; Foto: pixabay

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