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Gesundheit
Oberösterreich
02.04.2024

„Wenn ein alter Mensch stirbt, brennt eine Bibliothek“

Die Altersmedizin konzentriert sich auf die Gesundheit und das Wohlbefinden älterer Menschen. Angesichts der steigenden Lebenserwartung und des demografischen Wandels gewinnt sie zunehmend an Relevanz. INGO sprach mit Athe Grafinger, Primaria im Göttlicher Heiland Krankenhaus in Wien, über die Herausforderungen und Schlüsselaspekte dieses Spezialgebietsgebiets.

Sie sind Fachärztin für Innere Medizin mit Additivfach Geriatrie und Spezialisierung in Palliativmedizin. Was macht die Altersmedizin und ab wann gilt man denn als alt?

Athe Grafinger: Altersmedizin befasst sich mit allen gesundheitlichen Aspekten älterer Menschen und gliedert sich in die vier Bereiche Prävention, Akutgeriatrie, geriatrische Rehabilitation und Palliativ Care. Ab wann man nun tatsächlich als alt gilt, ist schwierig zu sagen. Biologisch gesehen altern wir alle unterschiedlich, daher lässt sich hier eine allgemeingültige Zahl nicht wirklich festmachen. Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beginnt der Übergang ins Alter zwischen 60 und 65 Jahren. Das verschiebt sich aber in Hinblick auf die längere Lebenserwartung zunehmend in Richtung 70. Von betagten Menschen spricht man ab dem 75. Lebensjahr. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko der Multimorbidität, was im Falle einer Behandlung geriatrische Expertise erfordert, um der komplexen Situation mehrerer zeitgleich bestehender und einander beeinflussender Erkrankungen gerecht zu werden. 

Bedeutet dies, dass eine 80-jährige Person, die sich ein Bein gebrochen hat, bei Ihnen anders versorgt wird als eine 40-jährige?

Ja, so ist es. Ein wesentlicher Unterschied zu jüngeren Patient*innen ist häufig, dass ältere Personen tendenziell mehrere vor allem chronische Krankheiten zeitgleich haben. Daher gilt es bei der 80-jährigen Person parallel zur Behandlung des Bruchs die Ursache dafür zu klären. Passierte es aufgrund eines Sturzes, kann dahinter beispielsweise eine unbehandelte Osteoporose stecken, oder eine neurologische oder Herz-Kreislauferkrankung. Daher ist es die Aufgabe des/r Altersmediziner*in bestehende Erkrankungen, die eventuell nicht immer alle adäquat behandelt wurden, ebenso abzuklären und zu behandeln. Wir führen ein Multidimensionales Geriatrisches Assessment durch, um die vorhandenen Ressourcen und Defizite älterer Menschen zu erheben und daraus einen individuellen Therapieplan zu erstellen mit dem Ziel, einen möglichst hohen Grad an Selbstständigkeit wiederherzustellen oder zu erhalten. Selbständigkeit im Alltag und Einschränkungen durch Funktionseinbußen spielen eine entscheidende Rolle für die Therapieplanung.

Das passiert in der Akutgeriatrie?

Ja, in unserem Department für Akutgeriatrie und Remobilisation im Göttlicher Heiland Krankenhaus bieten wir bereits seit 1999  - übrigens als eine der ersten Einrichtungen damals - eine auf die spezielle Situation älterer Menschen ausgerichtete Behandlung an. Hier nehmen wir ältere Patient*innen nach schweren Erkrankungen oder Operationen auf, die in ihrer Selbsthilfefähigkeit eingeschränkt sind oder auch ältere Menschen, deren Mobilität sich plötzlich verschlechtert hat. Die Aufenthaltsdauer liegt bei etwa drei Wochen. 

Ist es tendenziell ein Problem alter Menschen, dass sie sich nicht mehr klar ausdrücken können, was ihnen zu schaffen macht? 

Alter ist der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Statistisch gesehen ist ab dem Alter von 85 Jahren ungefähr jeder Fünfte und ab 90 Jahren bereits jeder Zweite betroffen. Durch kognitive Einschränkungen, nicht selten begleitet von Schwerhörigkeit, verändert sich die Auffassungsgabe der Betroffenen. Wichtig ist, sich auf die Patient*innen einzulassen und mit ihnen klar und verständlich zu kommunizieren, falls erforderlich unter Einbindung eines Unterstützerkreises aus dem familiären Umfeld. Das ist zwar zeitintensiver, bietet aber eine gute Möglichkeit, auch demenzkranke Menschen in die Entscheidungsfindung einzubinden. 

"Die Geriatrie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, sie hat den gesamten Menschen in allen Dimensionen, also auch der psychischen und sozialen und nicht nur der körperlichen, im Blick."

Welche Disziplinen sind denn für die Altersmedizin besonders wichtig?

Die Geriatrie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, sie hat den gesamten Menschen in allen Dimensionen, also auch der psychischen und sozialen und nicht nur der körperlichen, im Blick. Unsere Arbeit ist eine funktions- und nicht primär organzentrierte Medizin. Wir arbeiten im multiprofessionellen Team gemeinsam mit Mitarbeiter*innen aus der Pflege und unterschiedlichen therapeutischen Disziplinen, wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie sowie aus Psychologie, Diätologie, Sozialarbeit und Seelsorge. Kolleg*innen anderer Fachrichtungen wie zum Beispiel der Orthopädie, Neurologie, Psychiatrie oder Urologie werden je nach Erfordernis beigezogen. Altersmediziner*innen verfügen über ein breit gefächertes Wissen und Grundkenntnisse in allen Bereichen der Medizin. Dadurch behalten sie den Überblick über die unterschiedlichen Krankheitsaspekte.

Inwiefern?

Ziele der Akutgeriatrie sind die Behandlung der akuten Erkrankung, die Wiederherstellung und Erhaltung der Fähigkeit zur weitgehend selbständigen Lebensführung sowie die Vermeidung weiterer Funktionsverluste und damit die Erhöhung der subjektiven Lebensqualität und die Reintegration der Patient*innen in das gewohnte Umfeld. 

Sie haben anfangs bereits den Unterschied zwischen dem biologischen und dem tatsächlichen Alter angesprochen. Welchen Einfluss können wir selbst darauf nehmen?

Für mich beginnt gutes Altern bereits im Kindergarten, denn schon in jungen Jahren kann man mit der Prävention in Form von Bewegung und gesunder Ernährung beginnen. Je früher dies im Alltag integriert wird, desto leichter fällt auch die Umsetzung bis ins hohe Alter. Sport ist gerade im Hinblick darauf eine der sichersten und wirksamsten Methoden zur Verbesserung der Gesundheit und hilft auch dabei, sich nach operativen Eingriffen schneller zu erholen. Auch die Prävention von Osteoporose beginnt bereits in der Kindheit, da in jungen Jahren die Grundlagen für starke und stabile Knochen gelegt werden.

Welche Rolle spielen Technologien und digitale Gesundheitslösungen in der Altersmedizin?

Während es für die geriatrische Behandlung und Versorgung die fachliche Expertise eines erfahrenen Teams braucht, kann der Einsatz moderner Technologien in den eigenen vier Wänden ältere Menschen in vielen Belangen unterstützen. Dazu zählen beispielsweise digital vernetzte Systeme, die Notfallsituationen wie Herz-Rhythmus-Störungen oder einen Sturz von Patient*innen erkennen und eigenständig Hilfe herbeirufen können. Interessant ist auch die Entwicklung von Robotern, die Hilfestellung im täglichen Leben geben und Navigationssysteme, die Pflegebedürftigen helfen, sich im Alltag zu orientieren. Diese Innovationen sind ein interessanter Aspekt, um die rarer werdenden Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen zu unterstützen. 

"Österreich ist eines der wenigen Länder, in dem es noch immer keinen eigenen Facharzt für Geriatrie gibt, sondern derzeit lediglich die Spezialisierung."

Ein nach wie vor akutes Problem im Gesundheitswesen. Wie sieht es mit dem Nachwuchs bei der Alters­medizin aus?

In Österreich hinken wir mit dem Nachwuchs in der Geriatrie im Vergleich zu anderen Ländern noch nach. Die Schweiz hat mit ihrem nationalen „Netzwerk Junge Geriater“ ganz klar die Nachwuchsförderung im Fokus. In Großbritannien gibt es G4J (Geriatrics for Juniors). Mit Unterstützung der ÖGGG (Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie) wird diese Initiative grenzüberschreitend auch in Österreich auf Regionen-Ebene angeboten.  Klagenfurt und Graz sind hier Vorreiter. Österreich ist eines der wenigen Länder, in dem es noch immer keinen eigenen Facharzt für Geriatrie gibt, sondern derzeit lediglich die Spezialisierung. Hier ist vor allem auch die Politik gefordert.

Was reizt Sie persönlich an der Altersmedizin?

Ich bin seit über 25 Jahren begeisterte Geriaterin. Mir gefällt daran, dass bei uns der Mensch als Ganzes betrachtet wird, und das in einer Zeit, in der die organzentrierte Medizin stetig zunimmt. Darüber hinaus arbeite ich gerne in einem multidisziplinären Team. Wir erstellen eben nicht nur Diagnosen, sondern erörtern auch die gesamte Funktionalität der Betroffenen, um ihnen ein gutes weiteres Leben zu ermöglichen. Und zu guter Letzt kommuniziere ich einfach sehr gerne mit älteren Menschen. Es gibt ein altes afrikanisches Sprichwort, das besagt: Wenn ein alter Mensch stirbt, brennt eine Bibliothek. Mir bedeutet der Austausch mit älteren Menschen viel, da ihre Erfahrungen und Geschichten viele Aspekte des menschlichen Daseins beleuchten. Ich finde das sehr spannend. 

Interview: Rosi Dorudi; Foto: www.de.depositphotos.com

Athe Grafinger, Prim.a Dr.in, MSc

Ärztliche Direktorin im Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien

Die Wienerin spezialisierte sich nach ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin auf das Zukunftsthema Geriatrie. Sie baute im Göttlichen Heiland die erste Akutgeriatrie Wiens auf, war im Geriatrischen Krankenhaus „Haus der Barmherzigkeit“ Ärztliche Direktorin sowie Leiterin der Abteilung für Innere Medizin mit allgemeiner Geriatrie und Palliativmedizin und kehrte als erste Primaria ins Göttlicher Heiland Krankenhaus der Vinzenz Gruppe zurück.

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