INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
22.09.2020

Überlebensfakor Luft

Das Linzer Forscherteam von Atmos Aerosol Research betreibt Luftmonitoring aus dem All. Gesundheitliche Pionierprojekte sollen nicht nur Mukoviszidose-Kranken helfen, sondern zu einer nachhaltigen Verbesserung der weltweiten Luftqualität beitragen.

Es begann mit einer niederschmetternden Diagnose. Als Chris Müller von der Mukoviszidose-Erkrankung seiner Tochter erfuhr, fasste er einen Plan. Der Direktor der Tabakfabrik Linz wollte dieser Krankheit durch die fachübergreifende Bündelung neuester Technologien etwas entgegensetzen. Er hatte die Vision eines Projektes, das vom Gedanken des gesellschaftlichen Gemeinwohls getragen ist.

Vor diesem Hintergrund präsentierte Müller gemeinsam mit dem Architekten Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au im Jahr 2017 die Vision des Atmos Selfness Resort. Der avantgardistische Tempel wurde als besonderer Erholungsort für Lungenkranke und als medizinisches Forschungszentrum konzipiert. Zugleich sollte der Ort Innovationslabor und Wirk- und Werkstätte für Kreative sein.

Luftverschmutzung ist dritthäufigste Todesursache

Während der Standortsuche und Gründungsphase begab sich Müller auf die Suche nach passenden Partnern und Experten. Im Gespräch mit dem Pulmologen Rolf Ziesche von der Medizinischen Universität Wien kam man überein, dass ein derartiges Konzept nicht nur Mukoviszidose-Kranken helfen würde. Auch Betroffene von COPD, der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, würden davon profitieren. Während weltweit etwa 100.000 Menschen an der genetisch bedingten Mukoviszidose leiden, sind von der Lungenerkrankung COPD rund 600 Millionen Menschen betroffen. Die Hauptursache dieser Krankheit ist schlechte Luft, ein Problem, das die gesamte Menschheit betrifft.

Luftverschmutzung zählt zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Studien zufolge sind 90 Prozent aller Menschen verschmutzter Luft ausgesetzt. Feinstaub ist bereits für 9 Millionen Todesfälle weltweit verantwortlich. Laut WHO zählt Luftverschmutzung mittlerweile zur dritthäufigsten Todesursache, Tendenz steigend. Ein fataler Trend, den das Forschungsunternehmen Atmos Aerosol Research durch gesundheitliche Pionierprojekte aufhalten will.

Satelliten und Künstliche Intelligenz

„Uns ist klar, dass wir unser hochtechnologisches Zeitalter in den Dienst der Gesundheit von Generationen stellen müssen“, erklärt Chris Müller die Mission von Atmos Aerosol Research. Mithilfe zahlreicher Satelliten und Bodenmessstationen von NASA und ESA können Aerosole (Luftpartikel) an jedem beliebigen Ort weltweit bestimmt werden.

Durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz werden schädliche Partikel, wie zum Beispiel Feinstaub, von gesundheitsförderlichen, wie Salzwasser-Aerosolen, unterschieden. Diese Auswertung erfolgt durch den Linzer Datenspezialisten Catalyst mithilfe von GRASP, dem führenden Algorithmus zur Aerosolerkennung. So kann nicht nur besonders schlechte, sondern auch besonders gute Luftqualität weltweit geortet werden.

Kostenloser Aufenthalt für Lungenkranke

Auf diese Weise soll der passende Standort für das erste Luft-Resort gefunden werden. Entscheidend für den passenden Küstenstandort ist die Geländeneigung und der Salzgehalt der Luft. Salzhaltige Aerosole lockern Sekrete in der Lunge und fördern so das Abhusten. Die Kombination der Meeresluft aus Salz, Jod, Magnesium und Spurenelementen regt außerdem die Immunreaktion von Haut und Atemorganen an. „Ich bin mir sicher, dass wir durch die Entwicklung von besonderen Orten unsere Gesellschaft ein Stück weit verbessern können – ich kenne die Kraft von positiven Visionen. Es liegt an uns Plätze zu schaffen, die neue Perspektiven eröffnen“, so Müller über das geplante Resort.

Für Mukoviszidose-Patienten und ihre Angehörigen soll der Aufenthalt und die medizinischen Angebote im Atmos Selfness Resort unentgeltlich sein. Finanziert wird dies über luxuriöse Gästesuiten und den kommerziellen Teil des Betriebes.

Architektur im Dienst der Gesundheit

Das architektonische Konzept von Coop Himmbelb(l)au soll die günstigen klimatischen Bedingungen des Ortes durch räumliche Anordnung und Lüftungswege zusätzlich verstärken. Durch seine einzigartige Bauweise und die Bio-Dächer der einzelnen Chalets, wird das gesamte Resort mit dem heilbringenden Salz versorgt.

„Begeistert an diesem Projekt hat mich nicht nur die Power, die Chris Müller entwickelt hat, um das Projekt zu entwickeln und zu realisieren, sondern die Idee dahinter, dass man Gesundheit in den Vordergrund stellt und trotzdem daraus ein Stadtzentrum machen kann in einer idealen Gegend“, erklärt Architekt Wolf D. Prix.

Im letzten Jahr gewannt das Architekturstudio Coop Himmelb(l)au gemeinsam mit Atmos den Wettbewerb um das Science and Technology Museum im chinesischen Xingtai. Neben einem avantgardistischen, intelligenten Gebäude soll hier eine Luft-Oase inmitten einer Stadt entstehen, die mit den höchsten Smog-Werten in ganz China zu kämpfen hat.

Text: Gertraud Gerst; Bild: Atmos Selfness Resort