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Gesundheit
Oberösterreich
20.12.2021

Ambulante Reha in Linz wird ausgebaut

„Die Nachfrage in der ambulanten Reha ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, sagt der Ärztliche Leiter Christoph Habringer. Darauf soll nun mit einem Ausbau des Angebotes reagiert werden

Die ambulante Reha ist ein wichtiges Alternativangebot zur stationären Rehabilitation. Sie lässt sich gut mit Job und Familie vereinbaren und hat dadurch in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dieses niederschwellige Angebot der Vinzenz Gruppe soll nun am Standort Linz Herrenstraße ausgebaut werden. Christoph Habringer, der Ärztliche Leiter der Reha.ambulant Linz spricht im Interview über die Entwicklung der Reha und die Chance, die eine reflektierte Digitalisierung im Gesundheitsbereich bieten kann.

Die Coronakrise hat sich auf viele Bereiche im Gesundheitssystem ausgewirkt. Wie war die Situation in der ambulanten Reha?

Christoph Habringer: Während der Corona-Pandemie war es schwer, die bestehenden Kapazitäten auszulasten. Sowohl in der orthopädischen Rehabilitation, besonders aber für die ambulante onkologische Reha war das Jahr 2020/21 nicht das dankbarste. Orthopädische Operationen mussten verschoben werden, und mit der neuerlichen Pandemiewelle Anfang 2021 hatten viele onkologische Patienten die Angst, sich in Lebensgefahr zu begeben, sobald sie vor die Haustüre gehen. Daher haben viele Patienten die Reha verschoben. Die Einführung von sinnvollen Schutzmaßnahmen, vor allem aber der Impfung, hat eine Trendwende gebracht. Ab Juni 2021 sind deutlich mehr Patienten zur Reha gekommen, die allermeisten sind mittlerweile geimpft. Durch gezieltes Marketing konnten wir unseren Bekanntheitsgrad und somit auch die Rehabilitationszuweisungen steigern, besonders auch aus dem niedergelassenen Bereich.

Wie hat sich die ambulante im Vergleich zur stationären Reha in den letzten Jahren entwickelt?

Die ambulante Reha ist ein ganz wichtiges Zusatzangebot zur stationären Reha. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, vor allem im Bereich des Bewegungsapparates. Die ambulante Reha bietet die Möglichkeit, dass Patientinnen und Patienten im familiären Umfeld verbleiben können. Sie ist außerdem berufsbegleitend durchführbar, was ein großer Vorteil ist. Allerdings ist sie nicht für alle geeignet, denn eine Voraussetzung ist die Mobilität. Transferkosten werden zwar von den Sozialversicherungsträgern nicht übernommen, dafür fällt jedoch kein Selbstbehalt an, wie dies bei der stationären Rehabilitation der Fall ist.

Die ambulante Reha der Vinzenz Gruppe in Oberösterreich soll ausgebaut werden. Wie wird das Angebot künftig aussehen?

Derzeit gibt es zwei Indikationen in der reha.ambulant Linz – die orthopädische und die onkologische Reha. Daneben soll es künftig eine dritte Indikation geben. Für uns passt eine ambulante Neuro-Reha sehr gut ins Konzept, da sie ebenfalls, wie bei den bestehenden Indikationen, einen starken Schwerpunkt in der Aktiv-Therapie hat. 

Gibt es Ansätze der Digitalisierung in der Reha-Begleitung?

Wir sind derzeit noch in einer Evaluierungsphase, es werden verschiedene Produkte am Markt angeschaut, um die Reha durch ein digitales Angebot zu unterstützen. Die Auswertung des Behandlungserfolges wird mittlerweile digital gemacht. Dadurch entsteht ein genaueres Bild.

Wie wichtig ist das Patienten-Selfmanagement in der Reha?

Die Selbstverantwortung in der Therapie ist ein ganz essenzieller Faktor. Die beste Übung hilft nur so viel, wie sich der Patient oder die Patientin selbst bemüht diese auch durchzuführen. Hier gehört viel Bewusstseinsschaffung dazu. Man muss darüber aufklären, was ein Bewegungsmangel für körperliche Folgen hat – auch im Stoffwechsel. Das Ziel der Reha ist es, eine nachhaltige Bewegungstherapie in den Alltag der Betroffenen einzubauen.

"Die Selbstverantwortung in der Therapie ist ein ganz essenzieller Faktor. Die beste Übung hilft nur so viel, wie sich der Patient oder die Patientin selbst bemüht diese auch durchzuführen."

 

Können Fitness- und Health-Apps hier helfen?

Es ist durchaus zweckdienlich, wenn man einen Reminder bekommt, sobald man sich nicht genug bewegt. Man bekommt dadurch einen besseren Überblick. Die Menschen neigen dazu, ihre Aktivitätsphasen heillos zu überschätzen und die Inaktivitätsphasen zu unterschätzen. Das resultierende Missverhältnis ist daher zumeist nicht bewusst. Sitzen ist tatsächlich das neue Rauchen. Wie überall macht natürlich auch hier die Dosis das Gift.

Welche Vorteile hat die Reha.ambulant für Patienten und für das Gesundheitssystem?

Die ambulante Reha ist kostengünstiger. Außerdem ist es natürlich auch volkswirtschaftlich relevant, ob Patienten und Patientinnen weiterhin ihrem Job nachgehen können oder nicht. Die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Therapie macht das Angebot niederschwelliger und bietet mehr Menschen die Möglichkeit, eine Reha durchzuführen. Wie in allen medizinischen Bereichen ist der Zeitpunkt der Therapie entscheidend. Je früher man behandelt, desto einfacher sind die Maßnahmen, die helfen. 

Welche Rolle spielt die Prävention in der Reha?

Die Sekundärprophylaxe wird in jeder gut angelegten Rehabilitation als Ziel miteinbezogen. Das heißt, dass man ein Wiederauftreten oder weiteren Schaden verhindert. Bei einem Bandscheibenvorfall etwa werden nicht nur die direkten Auswirkungen davon behandelt, sondern auch Maßnahmen ergriffen, damit nicht weitere Bandscheibenvorfälle auftreten. Dafür müssen die Patienten und Patientinnen auch entsprechend sensibilisiert und motiviert werden.

Die ambulante Reha entspricht einem der großen Trends in der medizinischen Versorgung, nämlich weg von der krankenhaus-, hin zur patientenzentrierten Medizin. Macht dieser Trend Sinn?

In der unmittelbar postakuten Rehabilitation ist eine Betreuung durch das Krankenhaus, beispielsweise in den physikalisch-medizinischen Ambulanzen sinnvoll. Bis zur Antragsbewilligung und zum Reha-Antrittstermin – oder zum Therapiebeginn im niedergelassenen Bereich – kann so die notwendige Behandlung zwischenzeitlich sichergestellt werden. Aber die ambulante physikalische Therapie als umfassendes Angebot muss nicht im Krankenhaus stattfinden. Hier sollte die Auslagerung im Sinne des Entlastungsmanagements ins Laufen gebracht werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Gesundheitssystems?

Ich wünsche mir, dass wieder mehr Zeit für die wichtigen Gespräche zwischen Arzt und Patient vorhanden wäre. Bei den Hausärzten stehen wir vor einer großen Pensionierungswelle, haben aber schon jetzt eine Versorgungslücke. Auch im Krankenhaus ist es so, dass zunehmend Ärztedienstposten nicht besetzt werden können. Zudem nehmen steigende Dokumentationsaufgaben viel Zeit in Anspruch, die dann für den Patientenkontakt fehlt. Hier bietet die Digitalisierung eine große Chance. Reflektiert entwickelte IT-Lösungen können dazu beitragen, dass Arbeitsschritte und Dokumentationsmöglichkeiten digital optimiert und die Behandler nachhaltig entlastet werden.

Interview: Gertraud Gerst; Fotos: Ordensklinikum Linz

Christoph Habringer, Dr. MBA

Ärztlicher Leiter des reha.ambulant Standorts Herrenstraße

Der gebürtige Linzer ist Facharzt für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation. Er absolvierte außerdem ein Studium in Health Care Management an der JKU Linz und unterrichtet an der Medizinischen Fakultät der Johannes Kepler Universität Linz. Mit Anfang 2021 hat er die Ärztliche Direktion des reha.ambulant Standorts Herrenstraße übernommen.