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Gesundheit
Oberösterreich
13.04.2023

Trotz Taubheit die Welt in Ton und Sprache erleben

Cochlea-Implantate eröffnen vielen gehörlosen Menschen eine Dimension, die ihnen sonst verschlossen bliebe. Moderne Implantatsysteme, wie sie am Ordensklinikum Linz eingesetzt werden, bedeuten einen enormen Gewinn an Lebensqualität. Sie erfordern von Patient*innen allerdings realistische Erwartungen und eine hohe Compliance, betont HNO-Facharzt Christoph Balber. 

Demnächst werden es 50 Jahre, dass mit der Erfindung des Cochlea-Implantats die Taubheit besiegt wurde – kann man das so sagen? 

Christoph Balber: Cochlea-Implantate helfen nicht bei jeder Form des Hörverlusts, eine Erfolgsgeschichte sind sie aber auf jeden Fall. Sie stellen nach wie vor die einzige Möglichkeit dar, einen der fünf Sinne des Menschen künstlich zu ersetzen, jedenfalls in seiner Hauptfunktion, dem Verstehen von Sprache. Ein großer Anteil an dieser Entwicklung gebührt übrigens zwei österreichischen Forscher*innen, Ingeborg und Erwin Hochmair: Sie haben wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet und ein Unternehmen mit Weltgeltung in diesem Bereich begründet (MED-EL, Anm.)

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat? 

Es besteht aus einem Audioprozessor mit Mikrofon, der meist hinter dem Ohr getragen wird, ähnlich einem Hörgerät. Er wandelt Schall in elektrische Impulse um und schickt diese über eine Sendespule an das eigentliche Implantat mit der Empfangsspule, das ebenfalls hinter dem Ohr, jedoch unter der Haut platziert wird. Von dort führt eine Elektrode in das Innenohr und überträgt die elektrischen Impulse direkt auf den Hörnerv. Die geschädigten Sinneszellen im Innenohr werden also umgangen.

"Es ist wichtig, dass diese Kinder rund um den ersten Geburtstag Cochlea-Implantate erhalten, weil sich das Gehirn zu dieser Zeit noch in der Entwicklung befindet."

Wem hilft ein Cochlea-Implantat? 

Es hilft Menschen, deren Hörverlust vom Innenohr ausgeht, deren Hörnerv aber intakt ist. Es gibt zwei Hauptindikationen. Zum einen sind es taub oder extrem schwerhörig geborene Kinder, denen es mit einem konventionellen Hörgerät nicht möglich wäre, die Sprache zu erlernen. Wenn das Neugeborenen-Screening Hinweise darauf liefert, sollte der Grad des Hörverlusts rasch durch weitere Untersuchungen abgeklärt werden. Es ist wichtig, dass diese Kinder rund um den ersten Geburtstag Cochlea-Implantate erhalten, weil sich das Gehirn zu dieser Zeit noch in der Entwicklung befindet. Dann haben diese Kinder bei entsprechender Förderung annähernd die gleiche sprachliche Entwicklung wie hörgesunde Kinder und können meistens Regelschulen besuchen. Eine Implantation bei Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, erst später im Leben bringt jedoch fast nichts mehr, weil das Gehirn nie gelernt hat, die vom Implantat auf den Hörnerv übertragenen Reize zu interpretieren.

Und die zweite Indikation?

Sie betrifft Menschen, bei denen die ursprünglich vorhandene Hörfähigkeit durch verschiedene Schädigungen des Innenohrs verloren gegangen ist und selbst die besten konventionellen Hörgeräte ausgereizt sind. Man muss aber auch sagen, dass Implantate nicht in jedem Fall geeignet sind. Das bleibt eine individuelle Entscheidung, die von Arzt bzw. Ärztin und Patient*in gemeinsam zu treffen ist.

Wie sehr schränkt ein Cochlea-Implantat im Alltag ein? Und wie lange hält es, wie oft muss es ausgetauscht werden? 

Die Einschränkung ist minimal, Prozessor und Sendespule sollten allerdings nicht nass werden. Sie sind aber ohnehin bloß durch einen Magneten mit der Empfangsspule verbunden und lassen sich daher leicht abnehmen, dann kann man alles unternehmen. Limitierungen gibt es nur bei Untersuchungen im Magnetresonanz-Tomografen, wobei das auf Cochlea-Implantate der neuesten Generation schon nur noch vereinzelt zutrifft. Ein Austausch des Implantats ist im Normalfall nie nötig, es gibt keine mechanischen Komponenten, die sich abnützen könnten. Anders als etwa ein Herzschrittmacher benötigt ein Cochlea-Implantat auch keine Batterie im Körper. Die Ausfallsrate ist äußerst niedrig. 

Wie aufwändig ist die Implantation? 

Die Operation ist längst Standard, sie dauert in Relation zu ihrem Umfang eher kurz und ist komplikationsarm. Im Ordensklinikum Linz versorgen wir pro Jahr 15 bis 20 Patient*innen auf diese Weise. Bei Kindern sind die Fallzahlen konstant, bei Erwachsenen steigen sie etwas, weil immer mehr Menschen ein höheres Alter erreichen. Es ist schon beeindruckend zu erleben, dass Menschen, mit denen eine Kommunikation vorher nur noch über Bilder und Texte möglich war, bald danach wieder Gespräche führen können. Das bewahrt gerade ältere Menschen vor dem sozialen Rückzug, den Schwerhörigkeit und Hörverlust oft auslösen. 

"Musik zu hören, bleibt jedoch schwierig, weil sie sehr andersartig klingt und zumindest anfangs oft kaum wiederzukennen ist."

Wie gut hört man mit einem Cochlea-Implantat? 

Man darf keine falschen Erwartungen wecken: Das Hören mit Implantat ist nicht dasselbe, wie es ein hörgesunder Mensch gewohnt ist. Die Patient*innen verstehen wieder Gesprochenes und können aktiv kommunizieren. Musik zu hören, bleibt jedoch schwierig, weil sie sehr andersartig klingt und zumindest anfangs oft kaum wiederzuerkennen ist. Es gibt aber auch Patient*innen, die mit dem Implantat wieder in Konzerte gehen und das genießen. Wichtig sind realistische Erwartungen und eine gute Compliance: Es muss klar sein, dass nach der OP ein gewisses Maß an Üben und Training notwendig ist, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Die Patient*innen müssen ein gutes Stück Arbeit investieren.

Sind in naher Zukunft bei Cochlea-Implantaten weitere Innovationen oder neue Technologien zu erwarten? 

Die gängigen Implantatsysteme und OP-Techniken sind nach wie vor state of the art. Geforscht wird an Vollimplantaten, bei denen auch Sprachprozessor und Sendespule unter die Haut beziehungsweise in den Schädelknochen verlagert werden. Dadurch wären diese Systeme unsichtbar, aber da gibt es noch Probleme mit dem Mikrofon, das ja den Schall aufnehmen muss, auch die Stromversorgung verlangt Extra-Aufwand. Diskutiert werden auch OP-Roboter bei der Implantation, sie bringen zumindest derzeit noch keinen wesentlichen Vorteil. Ein völlig neuer Ansatz könnte sich durch die Stammzellentherapie ergeben, indem sich aus Stammzellen neue Sinneszellen für das Innenohr gewinnen lassen. Aber das ist noch Zukunftsmusik. 

Interview: Josef Haslinger; Foto: Ordensklinikum, 

Christoph Balber, OA Dr.

HNO-Facharzt am Ordensklinikum Linz

Balber hat nach dem Medizinstudium in Graz seine Facharztausbildung im Ordensklinikum (damals Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern) seiner Heimatstadt Linz absolviert, wo er seit 2007 tätig ist. Im Team der Abteilung für HNO, Kopf- und Halschirurgie ist der 45-jährige Oberarzt ein Spezialist für Cochlea-Implantate.

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