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Gesundheit
Oberösterreich
15.09.2022

Mit dem Buddy besser durch schwierige Zeiten

Zu zweit meistert man kritische Situationen oft besser als allein. Darauf beruht das „Buddy-System“ – Zweier-Teams, deren Angehörige gegenseitig aufeinander achten. Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried können die Mitarbeiter*innen auf ihren persönlichen Gesundheits-Buddy zählen, um Belastungen gut zu bewältigen.

Angst, Unsicherheit und bedrückende Gedanken überschatten derzeit den Alltag. Schon zuvor haben zwei Jahre Corona-Pandemie viele Menschen psychisch schwer belastet und an ihre Grenzen gebracht.  Vor allem die Spitalsmitarbeiter*innen waren mit den Herausforderungen durch COVID-19 und den Folgen besonders heftig konfrontiert.

„Menschen sind üblicherweise in der Lage, die – wenn man so sagen will – normalen Schwierigkeiten zu bewältigen. Aber die Pandemie war ein kritisches Ereignis, das bei manchen diesen Rahmen gesprengt hat“, erklärt Mag. Josef Fellner, Leiter der Arbeits- und Organisationspsychologie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried. Hohe Arbeitsbelastung, die Angst, sich selbst oder die Familie mit dem Virus anzustecken, zusätzliche Anforderungen in der Kinderbetreuung und andere Unwägbarkeiten über einen unbestimmt langen Zeitraum hinweg führten nicht selten zu intensivem, chronischem Stress.

„In dieser Situation hatten wir wenig Erfahrungswerte. Aber wir wollten den Mitarbeiter*innen im Haus psychologisches Empowerment, Hilfe zur Selbsthilfe und Prävention möglichst breit und pragmatisch anbieten. Je früher eine Intervention in solchen Situationen ansetzt, umso besser“, sagt der Rieder Psychologe. So wurde in kurzer Zeit ein „Erste-Hilfe-Koffer für die Seele“ entwickelt und im Intranet online gestellt. Darin finden sich Tipps zu Stressreduktion und Selbstreflexion, Achtsamkeitsübungen und andere Maßnahmen zur Psychohygiene. Auch auf Tischaufstellern im Speisesaal, auf Plakaten in Garderoben und anderen Gemeinschaftsbereichen wird das Thema behandelt. 

Niemand wird alleingelassen

Eine wesentliche Rolle neben dem Selbst-Check spielt seither im Innviertler Schwerpunktkrankenhaus aber auch der „Gesundheits-Buddy“, ein Unterstützungsprogramm, das den Mitarbeitenden vermittelt: Wir lassen niemand allein. Bei diesem System, das ursprünglich aus dem Militärwesen kommt, koppeln sich Spitalsmitarbeiter*innen mit einem Gegenüber aus dem Kreis der Kolleg*innen – idealerweise jemand, mit dem man „gut kann“.

Die Buddys leisten dann soziale Unterstützung, achten aufeinander und fragen regelmäßig nach: Wie geht´s dir? Beunruhigt dich etwas? Wie bewältigst du die Anforderungen abseits vom Arbeitsplatz? Gefragt wird aber auch danach, was gut läuft. Die Führungskräfte sollen motivieren, dieses Angebot zu nützen, und auch darauf achten, dass im Arbeitsalltag Zeit für die Kommunikation mit den Buddys ist. 

Die Erfahrungen sind gut

„Menschen im Gesundheitswesen sind meist robust und gestandene Leute, daher sind sie als Peers aus den eigenen Reihen gut geeignet. Nicht immer braucht es uns Psycholog*innen mit der Botschaft: Wir wissen es besser“, betont Josef Fellner. Wenn diese niederschwelligste Form der Intervention jedoch nicht ausreicht, sind die Buddys angehalten, professionelle Hilfe anzuregen oder zu organisieren. Dafür stehen das Team der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie außerhalb der Kernarbeitszeiten speziell geschulte Laienhelfer des Krisenbegleitdienstes zur Verfügung. Eine Checkliste im Taschenformat informiert klar und anschaulich, was im Sinne der Krisenintervention wann zu tun ist.

Die Erfahrungen mit den Gesundheits-Buddys im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern sind gut. Betroffene Mitarbeiter*innen finden wirksame Unterstützung, aber auch der Teamgeist und die emotionale Beziehung werden gestärkt. Daher eignet sich das Modell auch für die Zeit nach der Pandemie, wenn COVID-19 nicht mehr den Spitalsalltag prägt. Denn kritische Ereignisse und psychosoziale Krisen werden auch dann nicht einfach verschwinden, im Gegenteil: „Sie nehmen eher zu“, weiß Psychologe Fellner. Die jüngsten Ereignisse in Europa geben ihm auf traurige Weise recht.

Text: Josef Haslinger; Fotos: KH BHS Ried / Hirnschrod, depositphotos.com

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