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Gesundheit
Oberösterreich
09.02.2023

Mit Supermikrochirurgie zu einer neuen Lebensqualität

Lymphödeme sind weit mehr als bloß ein ästhetisches Problem: Wenn sich Lymphflüssigkeit – etwa nach einer Tumoroperation – im Gewebe staut, bedeutet das für die Betroffenen oft enorme körperliche und psychische Belastungen. Hilfe bringt ein plastisch-chirurgischer Eingriff, der nun auch in Oberösterreich möglich ist.

Eine lymphovenöse Anastomose (LVA) verbindet winzige Lymphbahnen und Venen, sodass die Lymphe wieder abfließen kann. Der Eingriff erfolgt unter einem leistungsstarken Mikroskop, das Nahtmaterial ist dünner als ein menschliches Haar. Oberärztin Dr.in Viola Schöppl und Prim. Dr. Georgios Koulaxouzidis wenden dieses Verfahren im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern mit Erfolg an.

Wie kommt es zu einem Lymphödem, wer ist besonders betroffen? 

Georgios Koulaxouzidis: Ein chronisches Lymphödem kann zwar auch durch Infektionen oder angeborene Fehlbildungen entstehen, besonders oft aber nach Tumoroperationen oder Bestrahlungen. So entwickeln rund 20 Prozent aller Patientinnen, bei denen wegen eines Mammakarzinoms im Zuge einer Brustoperation auch befallene Lymphknoten entfernt wurden, ein Lymphödem. Auch bei Vulva-, Prostata- und Hodenkarzinomen kann es dazu kommen. Je massiver der Eingriff, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit. Durch die Schädigung von Lymphknoten und Lymphkapillaren kann die im Gewebe anfallende Lymphe nicht mehr abtransportiert werden, teils massive Stauungen sind die Folge.

"Durch die Schädigung von Lymphknoten und Lymphkapillaren kann die im Gewebe anfallende Lymphe nicht mehr abtransportiert werden, teils massive Stauungen sind die Folge", erklärt Primar Dr. Georgios Koulaxouzidis.

Viola Schöppl: Für die Patient*innen ist das nicht nur ein ästhetisches, sondern ein funktionelles Problem, bis hin zu verminderter Beweglichkeit, starken Schmerzen und einem erhöhten Risiko für Infektionen und Entzündungen, zum Beispiel Erysipel. Bei einer konservativen Therapie muss mehrmals wöchentlich eine Lymphdrainage erfolgen, auch das schränkt die Lebensqualität ein. Außerdem wird das Fortschreiten der Erkrankung dadurch meistens nicht aufgehalten. 

Was wird bei der lymphovenösen Anastomose gemacht? 

Viola Schöppl: Intakte Lymphgefäße werden operativ mit oberflächlichen Venen der jeweiligen Körperregion verbunden. So wird der physiologische Lymphabfluss rekonstruiert. Es handelt sich um einen sogenannten supermikrochirurgischen Eingriff, weil der Durchmesser der betreffenden Gefäßanschlüsse weniger als 1 mm beträgt. Das Nahtmaterial ist dünner als ein Haar.

Georgios Koulaxouzidis: Deshalb verwenden wir dabei ein neues Spezialmikroskop, das das Operationsgebiet in bis zu 40-facher Vergrößerung zeigt und auch bei anderen mikrochirurgischen Rekonstruktionen eingesetzt wird. Weil die Lymphgefäße in situ nur schwer zu erkennen sind, kann man sie intraoperativ mit einem fluoreszierenden Farbstoff (Indocyaningrün / ICG) visualisieren und beurteilen. Neben der optimierten Ausstattung erfordert die LVA natürlich auch spezialisierte Expertise. So absolviert Kollegin Schöppl aktuell einen Aufenthalt an der Universitätsklinik in Helsinki, wo man mit Lymphchirurgie viel Erfahrung hat. 

Lassen sich Lymphödeme mit dieser Methode heilen? 

Viola Schöppl: Ein Lymphödem ist ein dynamischer Prozess. Ziel ist es, das Voranschreiten der Erkrankung zu stoppen oder zu verlangsamen. Die LVA führt in den meisten Fällen zu einer nachhaltigen Verbesserung der Beschwerden, was die Lebensqualität erheblich erhöht und es vielfach ermöglicht, die Anzahl der konservativen Therapieeinheiten zu reduzieren. Wir arbeiten übrigens prä- und postoperativ engmaschig mit der Physikalischen Medizin zusammen, ebenso mit Fachkliniken für lymphologische Rehabilitation.

"Ein Lymphödem ist ein dynamischer Prozess", erläutert Oberärztin Dr. Viola Schöppl.

Eignet sich das Verfahren für alle Patient*innen mit Lymphödemen? 

Viola Schöppl: Vorteilhaft ist, wenn sich das Lymphödem noch in einem frühen Stadium befindet. Auch die Compliance der Patient*innen spielt eine wichtige Rolle. Ob die Methode im Einzelfall geeignet ist, wird bei einer Untersuchung in unserer plastisch-chirurgischen Spezialambulanz festgestellt. Dort wird ein individueller Therapieplan entwickelt.

Georgios Koulaxouzidis: Alternativ zur LVA gibt es – je nach Stadium – auch Gewebereduktionstechniken sowie die Möglichkeit des Lymphknotentransfers, also die Übertragung von körpereigenen Lymphknoten aus einer anderen Körperregion. Dieses Verfahren wollen wir noch heuer oder spätestens 2024 in Linz etablieren, auch in Verbindung mit Brustrekonstruktionen. Denkbar ist auch, bei vorab identifizierten Risikopatient*innen gezielt lymphovenöse Anastomosen im Rahmen der Tumor- bzw. Lymphknotenresektion durchzuführen.

Das LVA-Verfahren ist neu in Oberösterreich und wird bisher nur im Ordensklinikum Linz angewendet. Ist es bei Patient*innen und Hausärzt*innen schon ausreichend bekannt? 

Georgios Koulaxouzidis: Wir nützen verschiedene Kommunikationskanäle, um verstärkt über diese Möglichkeit zu informieren, zum Beispiel bei Info-Abenden für Patient*innen und in der Sprechstunde für Lymphchirurgie in unserer Abteilung. Im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen informieren und schulen wir schon jetzt ärztliche Kolleg*innen im Haus sowie im niedergelassenen Bereich, das werden wir Schritt für Schritt ausweiten. Darüber hinaus stehen wir den Kolleginnen und Kollegen bei Fragen und Unklarheiten jederzeit gerne für Auskünfte zur Verfügung.

(Tel. +43 732/76777-516 bzw. 

Text: Josef Haslinger; Fotos: Ordensklinikum Linz BHS

Viola Schöppl, OÄ Dr.in

Fachärztin für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Schöppl hat nach dem Medizinstudium in Graz ihre Facharztausbildung am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern abgelegt und ist dort seit 2020 als Fachärztin für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie tätig.

Georgios Koulaxouzidis, Prim. Priv-Doz. Dr., MBA

Leiter der Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.

Koulaxouzidis hat das Medizinstudium an der Charité Berlin absolviert. Die Facharztausbildung beendete er an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg, wo er sich 2016 habilitierte. Seit 2021 leitet er die Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.

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