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Gesundheit
Oberösterreich
11.04.2023

Multiple Sklerose: Eine Vielzahl an Herausforderungen

Multiple Sklerose, kurz MS, ist neben Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen des jungen Erwachsenenalters. Obwohl eine Heilung zurzeit nicht möglich ist, gibt es bereits gute Therapiemöglichkeiten,mit der die Erkrankungsaktivität kontrolliert, der Verlauf gebremst und die Symptome gelindert werden können. INGO sprach darüber mit Dr. Mario Jeschow, Oberarzt der Neurologie am Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried. 

Welche Symptome kennzeichnen die Multiple Sklerose?

Mario Jeschow: Die MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, also von Gehirn und Rückenmark. Sie führt zu Entzündungsherden mit Zerstörung der Myelinscheiden der Nervenfasern und somit zur Beeinträchtigung der Nervenleitungen. Die Symptome hängen davon ab, in welchem Bereich des zentralen Nervensystems die Störung vorliegt. Daher hat die MS zahlreiche Erscheinungsformen und löst unterschiedlichste Symptome aus. Häufig sind Sensibilitätsstörungen, also Beeinträchtigungen des Tastsinns, im Sinne eines Taubheitsgefühl oder Kribbeln an unterschiedlichen Körperregionen, zum Beispiel in den Beinen oder Armen. Weitere Symptome können Gang- oder Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen auf einem Auge, Probleme bei der Blasenentleerung oder aber auch bei der Darmentleerung sein. Zudem kann es zu Symptomen kommen, die schwieriger zu erfassen sind, wie Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen, Schwindel und neuropathische Schmerzen wie Brennen, Bohren oder Stechen. Einige Betroffene leiden unter starker Müdigkeit und rascher Erschöpfung, auch bekannt als chronisches Fatigue-Syndrom. Insgesamt verläuft die Erkrankung nicht gut vorhersehbar und sehr individuell. 

"Etwa fünf Prozent der Menschen mit MS sind auch nach Jahrzehnten größtenteils beschwerdefrei beziehungsweise beschwerdearm."

Welche Verlaufsformen gibt es?

Grundsätzlich gibt es schubförmige und progrediente Formen. Beim schubförmig remittierenden Verlaufhandelt es sich um plötzlich auftretende Symptome, die sich vollständig oder unvollständig zurückbilden. Beim primär chronisch-progredienten Verlauf kommen die Beschwerden nicht in Schüben, sondern mit einer schleichenden Verschlechterung der neurologischen Störungen und Ausfälle, die sich nicht wieder zurückbilden. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen geht der schubförmige Verlauf nach Jahrzehnten in einen fortschreitenden Verlauf über, dann spricht man von einem sekundär chronisch-progredienten Verlauf. Durch die MS kann es aber auch nur zu einer relativ geringen Beeinträchtigung des Lebens und der Lebensqualität kommen. Etwa fünf Prozent der Menschen mit MS sind auch nach Jahrzehnten größtenteils beschwerdefrei beziehungsweise beschwerdearm. 

Ab welchem Alter kann es zu dieser Krankheit kommen?

Meistens tritt sie bei jungen Erwachsenen ab dem 20. Lebensjahr auf, wobei die Ersterkrankung auch bei Kindern und Jugendlichen, sowie bei Erwachsenen nach dem 45. Lebensjahr vorkommen kann. Es erkranken häufiger Frauen als Männer an MS. Da es ein chronischer Prozess ist, zieht sich die Krankheit ein Leben lang hindurch. Für Betroffene und ihre Familien ist es eine schwierige Situation, vor allem wenn die Krankheit nicht gut therapiert oder bereits sehr weit fortgeschritten ist. 

"Die MS gilt als eine Autoimmunkrankheit, bei der die körpereigenen Immunzellen das Rückenmark und Gehirn attackieren."

Was sind ist die Ursache für die MS?

Die Ursache ist nach wie vor unbekannt. Die MS gilt als eine Autoimmunkrankheit, bei der die körpereignen Immunzellen das Rückenmark und Gehirn attackieren. 

Wie bedeutsam ist das Epstein Barr Virus (EBV) für die Entstehung von MS?

Mittlerweile weiß man, dass das EBV an der Entstehung von immunologischen Krankheiten und bestimmten Tumorerkrankungen beteiligt ist. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann sich eine EBV-Infektion als infektiöse Mononukleose äußern, auch bekannt als Kissing Disease oder Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Eine US-Studie hat nun einen bereits lange vermuteten, engen Zusammenhang zwischen dem EBV und der Multiplen Sklerose bestätigt. Dennoch muss man dazu sagen, dass gut 95 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert werden, aber die wenigsten von ihnen an MS erkranken.

Das bedeutet, dass eine Infektion mit dem Epstein Barr Virus nicht immer die Entwicklung einer Multipler Sklerose nach sich zieht.

Ja. Es müssen noch weitere Faktoren, wie zum Beispiel eine genetische Veranlagung, hinzukommen, damit die Krankheit entsteht. Rauchen und Vitamin D-Mangel können ebenfalls eine Rolle spielen. Auch Übergewicht in der Adoleszenz erhöht das Risiko an MS zu erkranken. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei MS?

Mittlerweile sind wir in der Lage, Behandlungen durchzuführen, die das Leben mit MS erträglicher machen. Je früher wir mit einer Immunmodulation beginnen, desto positiver wirkt sich dies auf den Verlauf der Krankheit aus. In der Behandlung werden zwei Therapiesäulen unterschieden. Bei der akuten Schubtherapie wird hochdosiertes Kortison eingesetzt. Sollte dies zu keinem Erfolg führen, wird eine Blutwäsche, die so genannte Plasmaseparation in Abhängigkeit der klinischen Symptomatik, durchgeführt. Bei der krankheitsmodifizierenden Therapie kommen so genannte Beta-Interferone oder Glatirameracetat in Form von Injektionen, aber auch Dimethylfumarat-Kapseln oder Teriflunomid-Tabletten für milde/moderateVerlaufsformen zur Anwendung. Bei Patient*innen mit aktiver bzw. hochaktiver Verlaufsform setzen wir monoklonale Antikörper, S1P-Modulatoren oder einen Arzneistoff aus der Klasse der Nukleosidanaloga ein. 

Was waren in Ihren Augen die größten Fortschritte in den letzten Jahren im Bereich der MS-Forschung?

Eine raschere Diagnostik sowie die gute medikamentöse Behandlung sind die großen Fortschritte bei der Behandlung der Krankheit. Ein Meilenstein ist vor allem der Einsatz von monoklonalen Antikörpern. 

Glauben Sie, dass Menschen mit Multipler Sklerose eines Tages geheilt werden können?

Ich bin hier zwar sehr zuversichtlich, dennoch denke ich, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis es so weit ist. Wichtig ist die Früherkennung, um durch den rechtzeitigen Einsatz von immunmodulatorischen Medikamenten das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.

Interview: Rosi Dorudi; Fotos: Krankenhaus Barmherzige Schwestern Ried/Hirnschrodt, www.depositphotos.com

Mario Jeschow, Dr.

Erster Oberarzt an der Abteilung für Neurologie am Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried

Nach seinem Abschluss des Medizinstudiums an der der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck absolvierte Jeschow an der Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck, am Österreichischen Landeskrankenhaus Hochzirl und an der Universitätsklinik für Psychiatrie Innsbruck die Facharztausbildung für Neurologie. Seit 1999 ist er Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Am A.Ö. Bezirkskrankenhaus Kufstein war er an der Abteilung für Neurologie erster Oberarzt. Seit 2003 ist Jeschow erster Oberarzt an der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus BHS Ried. Seit Jahren ist Jeschow Vorstandsmitglied der Österreichischen sowie der Oberösterreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft. 

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