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Oberösterreich
16.10.2019

„Wir brauchen Achtsamkeit als Gegengift zur Digitalisierung“

Die zunehmende Digitalisierung unserer Welt braucht Achtsamkeit als Gegengift, sagt Daniela Philipp. Die Unternehmensberaterin ist eine der RednerInnen beim diesjährigen Symposium der Elisabethinen unter dem Motto „Mut zum Sinn“.

In den letzten Jahrzehnten warnten Trendforscher beharrlich vor einem drohenden Fachkräftemangel. Eine Realität, in der wir längst angekommen sind. Die Digitalisierung, die Alterung der Bevölkerung, der globalisierte Wettbewerb und nicht zuletzt ein Wertewandel in der Gesellschaft hin zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance sind die Gründe dafür, warum es Unternehmen immer schwerer fällt, hochqualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Vor allem in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Gesundheitswesen herrscht ein regelrechter „War for Talents“. Sinnstiftende Arbeit wird dabei immer mehr zum Aushängeschild von Unternehmen, nicht zuletzt um Anreize für sogenannte „High Potentials" zu schaffen.

Als Unternehmensberaterin und Referentin am Viktor Frankl Zentrum Wien schult Daniela Philipp Führungskräfte im Umgang mit dieser großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderung. Im Interview erzählt sie von ihren Denkansätzen und sagt, wie sie Unternehmen im „War for Talents“ berät.

Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach sinnstiftender Arbeit. Welche Entwicklung sehen Sie darin?

Daniela Philipp: Es gibt die Tendenz, diese Sinnsuche der Generation Y, also der jungen Generation, zuzuschreiben. Ich glaube allerdings, dass das Sinnstreben in jedem Menschen angelegt ist. Wir leben in einem Zeitalter der Selbstoptimierung. Während die Effizienzsteigerung in der Technologie normal ist, ist sie beim Menschen aber nur schwer erzwingbar. Geraten Sinn und Zweck bei der Arbeit aus der Balance, dann kommt die Frustration. Der Mensch ist ein Sinnsuchender. Wenn er nach diesem Sinn strebt, dann stellen sich Glück, Erfolg und Zufriedenheit ein.

Ein einfaches Patentrezept also?

Nein, die Abkürzung zum Glück funktioniert leider nicht. Wenn ich nur glücklich bin ohne Grund, dann hält es nicht lange an. Wenn ich auf einen Berg gehe und mich angestrengt habe, ist die Zufriedenheit beim Ausblick auf dem Gipfel größer, als wenn ich mit der Gondel hinauffahre. Nachhaltiges Glück erfordert ein gewisses Maß an Anstrengung.

Woran macht man den Sinn einer Arbeit fest?

Ich glaube, dass der Sinn einer Arbeit nicht in dem liegt, was wir machen, sondern wie wir es machen. In der japanischen Arbeitsphilosophie ist es viel mehr verankert, dass auch bei einfachen Tätigkeiten eine sehr hohe Identifikation mit der Arbeit besteht. Meine Sinndefinition wäre, das Bestmögliche für mich und andere anzustreben.

Der zunehmende Stress unserer schnelllebigen Welt bringt viele an die Grenzen der Belastbarkeit. Inwiefern ist die Suche nach Sinn für den einzelnen hilfreich?

Ich sehe da einen engen Zusammenhang. (Der Begründer der Logotherapie) Viktor Frankl sagt, dass Sinn in den seltensten Fällen überfordert. Wenn wir ein starkes Motiv haben, dann werden wir stressresistent. Oder anders gesagt: Wenn wir ein Wozu haben, ertragen wir das Wie. Natürlich braucht es auch Phasen der Regeneration. Wenn wir aber nicht sehen, wozu unser Beitrag dient, dann geraten wir leichter ins Burnout oder Boreout. Ich stimme den Trendforschern zu, die sagen, wir brauchen Achtsamkeit als Gegengift zur Digitalisierung.

„Wenn wir ein Wozu haben, ertragen wir das Wie.“

Erste Modelle einer neuen Arbeitsphilosophie hin zu mehr Entfaltungsspielraum entstanden in den 1970er-Jahren. Wieviel hat sich seither getan?

Ich denke schon, dass sich da viel getan hat. Ich bin Mitglied der Plattform DNA - das Neue Arbeiten, die vor circa zehn Jahren gegründet wurde. Hier gibt es einen Reifegrad-Test für Unternehmen. Anhand von sieben Faktoren wird ermittelt, wie reif das Unternehmen für die Neue Arbeit ist. Zum Beispiel: Wie sieht es mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, insbesondere Frauenarbeitszeiten aus? Ist Diversität ein Thema? Gibt es ein kreatives Arbeitsumfeld? Ich sehe hier eine wirklich positive Entwicklung. Was vor einigen Jahren noch eher Alibiaktionen waren, wird jetzt ernsthaft angegangen.

Woran liegt das?

Das liegt zum einen daran, dass sich Generationen in der Arbeitswelt immer mehr mischen und zum anderen ist das Homeoffice nicht nur als technologische Errungenschaft, sondern auch als Mindset in den Köpfen der Führungskräfte angekommen. Auch die Genderbalance hat sich massiv geändert, mittlerweile gibt es immer mehr Männer, die in Karenz gehen und auf flexiblere Arbeitszeiten angewiesen sind. Da hat sich schon etwas getan.

Mit welchen Hauptanliegen treten Kunden an Sie heran?

Ich habe viel mit Führungskräften und Teams zu tun. Was sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat, ist dieser „War for Talents“. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen mehr und mehr dazu, aktiv etwas zu tun, um gute Arbeitskräfte zu bekommen. Wichtig dabei ist, eine gute Balance zwischen Freiheit und Verantwortung zu finden. Sehr viel Verantwortung, aber wenig Selbstbestimmungsmöglichkeit, das kann sich nicht ausgehen. Umgekehrt aber, wenn nur Fun herrscht, aber keine Verantwortung abverlangt wird, funktioniert das auch nicht. Es geht darum, einen guten Schlüssel zu finden.

Interview: Gertraud Gerst; Foto: Pixabay

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Weitere Fragen und mögliche Antworten zum Thema sinnstiftende Arbeit werden beim diesjährigen Symposium der Elisabethinen beleuchtet. VertreterInnen unterschiedlicher Unternehmen und Branchen teilen dazu ihre Sichtweisen und Erfahrungen.

Symposium der Elisabethinen Österreich: Mut zum Sinn!

Freitag, 22. November 2019

https://www.die-elisabethinen.at/veranstaltungen/symposium/

Daniela Philipp,

Unternehmensberaterin und Referentin am Viktor Frankl Zentrum Wien

Daniela Philipp war Werbefachfrau in internationalen Agenturen, bevor sie 1999 als Unternehmensberaterin, Coach, Lektorin und Moderatorin durchstartete. Seit 2018 ist sie Logopädagogin und sinnzentrierte Beraterin am Viktor Frankl Zentrum Wien. Sie unterstützt Unternehmen bei der Strategie- und Zieldefinition und begleitet Prozesse auf inhaltlicher, kommunikationstechnischer und unternehmenskultureller Ebene.