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Gesundheit
Oberösterreich
16.09.2021

"Dieses PVZ hat Linz bislang gefehlt"

Der Hausärztemangel in Linz konnte mit der Eröffnung des ersten Primärversorgungszentrums der Stadt entschärft werden. Nina Pröll, die Managerin der „Hausärzte am Domplatz“, zieht nach einem ereignisreichen Jahr Bilanz.

Frau H. kommt in die Praxis, weil sie an akuten Angstzuständen leidet. Wie sich im Gespräch herausstellt, gibt es familiäre Probleme und eine schwierige Wohnsituation. Es wird ein EKG gemacht, und die Patientin bekommt einen Termin beim hausinternen klinischen Psychologen. Bei der Sozialarbeiterin wird sie später auch an passende soziale Anlaufstellen weitervermittelt. Die Rückenschmerzen, die sie aufgrund der Depression hat, werden von den Physiotherapeuten im Haus behandelt.

Ein Erfolgsmodell für Linz

Dieses Beispiel zeigt, wie Menschen mit differenziertem Beschwerdebild vom ersten Primärversorgungszentrum (PVZ) in Linz profitieren. Am 14. Oktober 2020 eröffneten die „Hausärzte am Domplatz“ ihre erweiterte Gemeinschaftspraxis. Damit haben die Allgemeinmediziner Thomas Nenning, Katrin Einwagner, Paul Schimmerl und Herbert Forstner drei Vertragskassenstellen übernommen. 

Ergänzt wird die Versorgung im PVZ durch die Bereiche Diätologie, Sozialarbeit und therapeutische Angebote wie Physio-, Ergo- und Psychotherapie. In diesem interdisziplinären Team können Patienten, so wie Frau H., von ihrem Hausarzt direkt zu Kollegen weitergeleitet werden, die im selben Haus arbeiten. Dadurch ergeben sich kurze Wege für die Behandelten, die außerdem an allen Wochentagen Zugang zu basismedizinischer Versorgung haben. 

Zwischenbild

Ein Modell, das bei der Bevölkerung jedenfalls gut angenommen wird, wie PVZ-Managerin Nina Pröll bestätigt. „Wir haben viel positives Feedback bekommen, was sich auch in den Google-Rezensionen widerspiegelt. Die Menschen sind froh, dass wir so zentral liegen und alles unter einem Dach haben. Dieses PVZ hat Linz bislang gefehlt.“

Anlaufschwierigkeiten in der Pandemie

Dabei war der Start der medizinischen One-Stop-Einrichtung etwas holprig. Kurz nach der Eröffnung trat in Österreich der zweite Lockdown in Kraft. „Viele Leute hatten Angst zum Arzt zu gehen, noch dazu waren wir neu“, beschreibt Pröll die Anlaufschwierigkeiten mitten in der Corona-Pandemie. Mittlerweile jedoch sieht man sich mit dem Angebot gut angekommen. 

„Bereits nach dem ersten Quartal war unser Therapeutenteam gut ausgelastet. Im zweiten Quartal haben wir die Schwelle zum tausendsten Patienten überschritten“, so Pröll. Der Anstieg auf 2000, 3000 und 4000 Patienten ging danach deutlich schneller. 

Entlastung der Ambulanzen

Mittlerweile verfügt die Ordination über ein eigenes Visitenauto, und die erste Kooperation mit einem Linzer Wundmanagement-Unternehmen wurde gestartet. „Unser wichtigster Meilenstein bislang war definitiv die gemeinsame Bekämpfung der Corona-Pandemie, mit dem Impfstart in unserer Ordination am 10. März 2021“, zieht die Gesundheitsmanagerin Bilanz. 

Insgesamt konnte durch das PVZ Linz die regionale medizinische Versorgung deutlich gestärkt werden. Die umliegenden Ambulanzen, die zuvor den Hausärztemangel abfedern mussten, konnten entlastet werden. „Patienten mit nicht lebensbedrohlichen Krankheitsbildern, die bisher keinen Hausarzt hatten, werden in den Ambulanzen jetzt direkt an uns verwiesen“, erklärt Pröll. „Dasselbe gilt auch für die Nachsorge.“

Ärzte profitieren vom PVZ-Modell

Dass das innovative Modell des Primärversorgungszentrums auch für die Ärzte selbst ein Gewinn ist, zeigt sich im Oktober mit der Rückkehr von Katrin Einwagner aus der Karenz. Sie teilt sich künftig mit ihrem Kollegen Herbert Forstner eine Kassenstelle. 

„Diese Möglichkeit des Job Sharings macht den beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause wesentlich einfacher“, so die PVZ-Leiterin. Auch für einen Neueinstieg in die Selbstständigkeit sei das PVZ-Modell von Vorteil. „Es nimmt die Angst vor dem Unbekannten, wenn man Kollegen an seiner Seite hat.“

Text: Gertraud Gerst; Fotos: Hausärzte am Domplatz