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Gesundheit
Oberösterreich
05.02.2024

„Die Behandlungen werden noch passgenauer“

Mit der ambulanten Rehabilitation reagieren Kassen und Betreiber auf veränderte Lebensgewohnheiten und wachsende Bedürfnisse der Patienten. An den vier Standorten von „Reha.ambulant“ in Einrichtungen der Vinzenz Gruppe wurden im Vorjahr von rund 100 Therapeut*innen mehr als 2.000 Patienten behandelt. Seit Jahresbeginn können die Therapieprogramme nun noch individueller gestaltet werden.

Eine ambulante Rehabilitation kann helfen, die Gesundheit und das Wohlbefinden zu verbessern, ohne das gewohnte Lebensumfeld verlassen zu müssen. Sie lässt sich gut in den Alltag und in das gewohnte Lebensumfeld integrieren, da das Reha-Programm blockweise in spezialisierten Einrichtungen stattfindet. Unter dem Namen „Reha.ambulant“ betreibt die Vinzenz Gruppe vier Standorte mit unterschiedlichen therapeutischen Schwerpunkten: in Wien-Speising, in Linz, in Ried im Innkreis und in Wien-Meidling. In den Einrichtungen arbeiten Mediziner*innen, Physio-, Ergo- und Psychotherapeut*innen, Ernährungsexpert*innen und Sozialarbeiter*innen interdisziplinär zusammen. Im Gespräch mit INGO zieht Franz Kastner, der Leiter des Kompetenzfeldes Rehabilitation der Vinzenz Gruppe, eine Zwischenbilanz.

Die Vinzenz Gruppe bietet an vier Standorten ambulante Rehabilitation in sieben Indikationen an. Was läuft gut beziehungsweise wo muss noch nachgeschärft werden?

Franz Kastner: Unser Handlungsspielraum ist relativ begrenzt, weil in der ambulanten Rehabilitation spezifische Leistungsprofile der Pensionsversicherungsträger den Takt vorgeben. Die Corona-Jahre waren jedenfalls extrem herausfordernd, für die ambulante Reha noch viel mehr als für die stationäre. Während in der stationären Reha nach Tagespauschalen abgerechnet wird, ist die ambulante Reha leistungsbezogen finanziert, das heißt, jede einzelne Leistung kann abgerechnet werden. Wenn beispielsweise ein Patient krank ist und die vereinbarte Behandlung nicht durchgeführt werden kann, gibt es keine Geldzuflüsse bei vollen Vorhalteleistungen wie Behandlungsräumen, Geräten oder Personal. Auf gut Englisch: no show, no money. Wir kämpfen aber auch mit der Compliance der Patienten, also ihrer Bereitschaft, aktiv an den therapeutischen Maßnahmen mitzuwirken. Oft kommen Patienten kurzfristig nicht zur Therapie und melden sich auch nicht ab. Dadurch werden wertvolle Ressourcen für andere Patienten blockiert, wir wiederum haben einen wirtschaftlichen Verlust zu verzeichnen. Hier scheint leider das Motto „Was nichts kostet, ist nichts wert“ zu gelten.

Mit Jahresbeginn hat die Pensionsversicherungsanstalt neue medizinische Leistungsprofile eingeführt, die mehr Flexibilität bei der Behandlung ermöglichen. Was bedeutet das in der Praxis?

Die ambulante Rehabilitation ist jetzt noch individueller als zuvor. Defizitorientierung steht nun vor Organorientierung. Wenn beispielsweise ein Patient mit seinem Arm ohnehin nicht weiter hinaufkommen muss als bis zu den Schultern, müssen wir ihn nicht auf 90 Grad trainieren. Die Patienten werden nach ihren Zielen gefragt, was sie brauchen, um ihr Leben zu verbessern. Und diese Ziele werden in der Rehabilitation verfolgt. In der beruflichen Rehabilitation geht es darum, die Arbeitsfähigkeit wiederzuerlangen oder sie zu erhalten. Und bei Nichtberufstätigen geht es darum, die Aktivitäten des täglichen Lebens bestmöglich zu meistern.

Das klingt organisatorisch recht komplex.

So ist es, der Betrieb wird dadurch nicht einfacher. Es ist eine maximale Herausforderung für die Mitarbeiter, es bedeutet viel Logistik und viel Flexibilität. Aber die Behandlungen werden dadurch natürlich noch passgenauer, weil sie noch genauer auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind.

"Auch der Einsatz von digitalen Angeboten kann Ressourcen sparen helfen."

Ist das mit den vorhandenen personellen Ressourcen überhaupt zu schaffen?

2024 ist für uns ein Übergangsjahr, in dem wir die Umsetzung der neuen Leistungsprofile erarbeiten müssen und viel lernen werden. So kann zum Beispiel die Anpassung von Gruppengrößen auch Ressourcen sparen ohne die Qualität zu mindern. Auch der Einsatz von digitalen Angeboten kann Ressourcen sparen helfen. Beispielsweise können Vorträge digital angeboten werden, die von den Patienten zeitunabhängig auch von zu Hause abgerufen werden können. Die Individualisierung der Leistungsprofile erfordert sicherlich Anpassungen in der Organisation. Wir müssen aber auch versuchen, die Patienten noch viel stärker in die Selbstverantwortung zu bringen.

An den vier Standorten wurden zuletzt rund 2.000 Patienten pro Jahr behandelt. Reicht das Angebot aus?

Wir haben seitens der Pensionsversicherungsanstalt genaue Kontingentvorgaben pro Indikation. Bei manchen Indikationen wie beispielsweise bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates wäre der Bedarf viel höher, bei anderen Indikationen hingegen ist die Nachfrage geringer als das vorzuhaltende Angebot. Generell wird die Nachfrage nach Rehabilitation aber sicher allein schon aus der demographischen Entwicklung stark zunehmen. Denn Rehabilitation ist natürlich auch ein Thema für Pensionisten, die gesund bleiben sollen, um nicht pflegebedürftig zu werden.

Welche mittelfristigen Trends sehen Sie in der ambulanten Rehabilitation?

Defizitorientierte Rehabilitation wird weiter verfeinert werden und die Selbstverantwortung muss und wird auch von Seiten der Patienten gesteigert werden. Und natürlich wird uns das Thema Digitalisierung zunehmend beschäftigen. Es werden sich Hybridangebote aus ambulanten und digitalen Leistungen entwickeln. Entwicklungspartnerschaften mit Firmen und Versicherungsträgern werden mehr werden. Unser oberster Anspruch bleibt jedenfalls, für jeden einzelnen Patienten das bestmögliche Therapieprogramm zu schaffen.

Interview: Karl Abentheuer; Fotos: Vinzenz Gruppe

Franz Kastner,

Leiter des Kompetenzfeldes Rehabilitation der Vinzenz Gruppe

Bereits in jungen Jahren ging Kastner als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger in Führungsverantwortungen. Nach fünf Jahren Erfahrung als Intensivpflegekraft übernahm er die Bereichsleitung einer Orthopädischen Abteilung incl. Physikalischem Institut, war mehrere Jahre als IT-Consultant im Klinikbereich tätig und zehn Jahre Geschäftsführer eines stationären Kardiologischen Rehabilitationszentrums. Seine Berufserfahrung ergänzte er mit einem fundierten berufsbegleitenden wirtschaftswissenschaftlichen Studium im Bereich Sozialmanagement. Aktuell verantwortet Kastner in der Vinzenz Gruppe das Kompetenzfeld Rehabilitation, welches ambulante und stationäre Rehabilitationsangebote umfasst, und ist Geschäftsführer einer Errichtungs- und Vermietungs-GmbH, welche Angebote im Bereich Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz bündelt und weiterentwickelt. Privat ist Kastner mit einer auf Arbeitsrecht spezialisierten Juristin verheiratet. Gemeinsam sind sie stolze Eltern von zwei erwachsenen Kindern und zweifache Großeltern.

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