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Gesundheit
Oberösterreich
05.07.2022

Doppelt so viele Krebskranke bis 2040

Die Krebserkrankungen werden in den nächsten Jahren massiv ansteigen. Onkologe Ulrich Schmidbauer, ärztlicher Direktor und Leiter des Brustgesundheitszentrums im St. Josef Krankenhaus Wien, erklärt im Interview die Gründe für diesen Anstieg und sagt, was jede und jeder Einzelne gegen das individuelle Krebsrisiko tun kann.

In Österreich wird die Zahl der an Krebs erkrankten Personen bis 2030 um 39 Prozent ansteigen, verglichen mit dem Referenzwert von 2014. Damit setzt sich der Trend der steigenden Krebsprävalenz seit der Jahrtausendwende fort, wie Statistik Austria in ihrer letzten Prognose bestätigt. Ende 2030 werden demnach bereits 4,9 Prozent aller Menschen in Österreich an Krebs erkrankt sein. 

Diese nationalen Prognosen decken sich auch mit internationalen Studien. Laut einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dürfte sich die Zahl der Krebsfälle weltweit bis 2040 fast verdoppeln. Ein Anstieg, der nicht nur an der zunehmenden Alterung der Gesellschaft liegt, wie Ulrich Schmidbauer im Interview erläutert.

Was ist der Hintergrund zu diesen massiv ansteigenden Krebserkrankungen?

Ulrich Schmidbauer: Der Anstieg der Krebserkrankungen liegt zum einen an der demographischen Entwicklung der Bevölkerung. Ein wesentlicher Punkt ist der Anstieg der Altersgruppe über 75, es hat aber auch mit dem Erwachsenwerden der geburtenstarken Jahrgänge und der Migration zu tun. Gleichzeitig ist ein gegenläufiger Trend wahrzunehmen. Durch das gestiegene Bewusstsein in der Bevölkerung hinsichtlich des Lebensstils kann das individuelle Risiko gesenkt werden. 

Hinzu kommt der Fortschritt, den die Medizin insgesamt macht. Es gibt eine höhere Anzahl an Menschen, die mit der Diagnose konfrontiert sind. Beim Brustkrebs liegt die 5-Jahres-Überlebensrate derzeit bei 90 Prozent, bei über 80 Prozent der Erkrankten sind es 10 Jahre. Das heißt, es gibt viel mehr Frauen, die mit dieser Diagnose gut leben, und die in diese Prognose der steigenden Krebsprävalenz hineinfallen.

Wie kann und muss das Gesundheitssystem darauf reagieren? 

Ich kann von der Vinzenz Gruppe sprechen, wo wir vor gut zehn Jahren damit begonnen haben, ein „Exzellenzfeld Onkologie“ zu etablieren, das die unterschiedlichen Organzentren vernetzt und unterstützt. Dabei geht es beispielsweise um Gemeinsamkeiten in der onkologischen Dokumentation, im Berichtswesen, in Wissenschaft und Versorgungsforschung. Hier wurden die Probleme schon vor vielen Jahren erkannt. In der Onkologie arbeiten Spezialisten aus allen Fachbereichen und aus unterschiedlichen Berufsgruppen sehr eng zusammen.

Was ist das Ziel dieser Zusammenarbeit?

Ziel ist es, ein allumfassendes Behandlungskonzept anzubieten: von der Prävention, über die Diagnostik bis hin zu den unterschiedlichen Therapieformen; sinnvoll begleitet durch die klinische Psychologie und die Seelsorge, die physikalische Medizin, die Diätologie, die Rehabiltation und vieles mehr. Gemeinsam versuchen wir, diagnostische und therapeutische Pfade aufeinander abzustimmen und neue Konzepte zu entwickeln. Das Herzstück dieses Konzeptes bilden die Tumorboards. Durch dieses Exzellenzfeld Onkologie entsteht eine zentrumsbasierte Spitzenmedizin. Das heißt, es gibt zertifizierte Zentren mit hoher Expertise, etwa in den Bereichen Brust, Darm und Urologie, Speiseröhre, Leber, Bauchspeicheldrüse, Gynäkoonkologie und einige weitere.

"Durch dieses Exzellenzfeld Onkologie entsteht eine zentrumsbasierte Spitzenmedizin."

Sollte von öffentlicher Seite in irgendeiner Weise darauf reagiert werden?

Man sollte der Onkologie einen größeren Stellenwert geben. Vor allem bei Jugendlichen braucht es mehr Aufklärungsarbeit. Wir wissen, dass der Zufall eine wesentliche Rolle bei Krebserkrankungen spielt. Es geht aber nicht nur um Glück oder Pech. Man kann selber mit seinem Lebensstil ganz viel beitragen.

In Österreich erkranken jeder zweite Mann und mehr als jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens an Krebs. Was kann man konkret tun, um sein individuelles Risiko senken?

Unabhängig von der Krebsart spielt eine ausgewogene Ernährung eine positive Rolle, ebenso wie regelmäßige Bewegung und ein normales Körpergewicht. Auch wenn wir viele Auslöser noch nicht kennen, so wissen wir, dass diese genannten Aspekte einen Einfluss auf die Entstehung von  Krebserkrankungen haben können. Dazu kommt natürlich die Einschränkung von krebserregenden Substanzen wie Alkohol und Tabak. Man könnte sein individuelles Krebsrisiko um 30 Prozent senken, würde man alle diese risikominimierenden Maßnahmen ergreifen.

Neben der primären Prävention kann auch die regelmäßige Vorsorge das Risiko erheblich senken. Im Fall von Darmkrebs etwa kann man das Risiko durch gesundheitsfördernden Lebensstil und regelmäßige Koloskopievorsorge sogar um 70 Prozent senken.

Was gilt für Menschen, die von Geburt an ein höheres Krebsrisiko haben?

Es gibt eine Reihe von Krebsentitäten, die auch eine genetische Ursache haben können. Im Fall von Brustkrebs gibt es genetische Beratungen, die dann indiziert sind, wenn in Familien bestimmte Konstellationen auftreten, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Im Fall von Mutationen an den Brustkrebsgenen BRCA1 und BRCA2 steigt das kumulierte Risiko bis zum 70. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken von 12,5 auf 85 Prozent.

Es gibt zum einen prophylaktische Operationen, mit denen man dem Risiko entgegenwirken kann. Schauspielerin Angelina Jolie hat mit ihrer öffentlich gemachten OP einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis in der Bevölkerung geleistet.

Eine zweite Möglichkeit besteht in einem intensivierten Früherkennungsprogramm. In Österreich geht der Trend hier eindeutig in Richtung OP. Zusätzlich steigt bei Mutationen in diesen Genabschnitten das Risiko für Eierstockkrebs massiv. Da es für diese Erkrankung keine sinnvolle Früherkennung gibt, ist daher die Entfernung der Eileiter und Eierstöcke ab dem 45. Lebensjahr empfohlen.

Bedarf es struktureller Anpassungen im Gesundheitssystem? 

Ein gutes Datenmanagement ist ganz wichtig, um hier valide Prognosen zu erhalten. Allerdings haben die Krankenhäuser zu wenig Ressourcen dafür, weshalb es bei der Datenqualität Luft nach oben gibt. Wichtig ist es auch, die Zentrumsmedizin zu unterstützen und voranzutreiben. Es braucht wie in den letzten 10 bis 15 Jahren auch weiterhin eine Zusammenarbeit auf breiter Basis und kollektive Entscheidungen.

Welchen Erfolg kann eine personalisierte Krebstherapie bringen?

Die personalisierte und maßgeschneiderte Krebstherapie basiert darauf, dass es in den letzten 20 Jahren immer bessere diagnostische Methoden gibt, jene Biomarker zu identifizieren, an die Medikamente andocken können. Monoklonale Antikörper wurden 2000 zugelassen, die bei der Behandlung von Brustkrebs eine wesentliche Rolle spielen. Patienten, die an der Zelloberfläche diesen Marker ausprägen, können dadurch zielgerichtet behandelt werden. Die Behandlung eines Mammakarzinoms mit diesem Wirkstoff ist erfolgversprechend. 

Interview: Gertraud Gerst; Fotos: Dieter Steinbach, St. Josef Krankenhaus Wien, Alek Kawka

Ulrich Schmidbauer, Dir. Dr.

Ärztlicher Direktor und Leiter des Brustgesundheitszentrums im St. Josef Krankenhaus Wien

Schmidbauer ist seit 2008 Ärztlicher Direktor und Leiter des Brustgesundheitszentrums im St. Josef Krankenhaus Wien. In den kommenden drei Jahren hat er den Vorsitz im Exzellenzfeld Onkologie der Vinzenz Gruppe.

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