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Gesundheit
Oberösterreich
17.09.2019

"Altern ist keine Krankheit"

Am 7. Jänner 2020 wird das Zentrum für integrative Alternsmedizin (ZiAM) am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern nach außen sichtbar. Christian Lampl erklärt im Interview, welche zukunftsweisenden Impulse dort für alternde Patientinnen und Patienten gesetzt werden und warum es ein Gebot der Stunde ist, diesen innovativen Ansatz weiter voranzutreiben.

Mit der Anzahl der Lebensjahre erhöht sich das Risiko für gesundheitliche Störungen wie Demenz, Krebs oder kardiovaskuläre Erkrankungen. Doch zuallererst sieht Christian Lampl, ärztlicher Direktor und Primarius am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, das Altern als physiologischen Prozess. Mit dem demografischen Wandel müsse sich das Gesundheitssystem darauf einstellen, all dessen Facetten ganzheitlich zu begleiten, sagt er. Ein Konzept, um genau diesen Weg zu gehen, hat das neue Zentrum für integrative Alternsmedizin (ZiAM), das Lampl ab 7. Jänner 2020 am Ordensklinikum leiten wird, entwickelt.

Wir sind eine alternde Gesellschaft, 2030 wird jeder dritte Österreicher älter als 60 Jahre sein. Welche Herausforderungen sind aus Ihrer Sicht damit verbunden?

Christian Lampl: In einer alternden Gesellschaft nehmen naturgemäß bestimmte Erkrankungen zu, vor allem auch Demenzen. So gibt es zum Beispiel eine Statistik, die für Österreich bis 2050 circa 230.000 Demenzerkrankte prognostiziert. Zum Vergleich: Derzeit haben wir etwa zwischen 100.000 und 120.000 Fälle. Diese Zunahme wird erhebliche volkswirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringen. Schätzungen zufolge fließen hierzulande etwa eine Milliarde Euro jährlich in die Versorgung Demenzkranker. Man kann sich ausmalen, wie sehr solche Ausgaben mit so viel mehr Betroffenen steigen werden.

Wenn wir die Studien der letzten Jahre und Jahrzehnte betrachten, sieht es außerdem nicht so aus, als könnten wir hier im Augenblick medizinisch effektiv eingreifen. Allerdings hat man sich dabei vorwiegend auf die bereits Betroffenen konzentriert. Wie bei anderen Krankheiten denkt man aber heute auch bei Demenzen über molekulargenetische Bevölkerungsscreenings nach, mit der Idee, künftig Menschen mit erhöhtem Risiko schon vor Krankheitsausbruch zu finden und frühzeitig zu behandeln. Aus psychologischer Sicht stellt sich natürlich die Frage: Wollen die Menschen das wirklich wissen? Vielleicht sogar in jungen Jahren? Das sind keine einfachen Entscheidungen. Ein weiteres Problem ist die Fehldiagnosenrate; gerade im Frühstadium von Demenzen beträgt diese über 20 Prozent. Denn hier spielen ja viele Faktoren eine Rolle, die es von anderen kognitiven Störungen abzugrenzen gilt.

Sujetbild

Auf der anderen Seite wird sich das Verständnis für die Alternden deutlich zu ihren Gunsten verschieben. Durch das allgemein höhere Gesundheitsbewusstsein werden sicherlich mehr Menschen länger gesund und fit bleiben sowie besser vernetzt, weniger einsam, mobiler und unternehmungslustiger sein. Möglicherweise wird man 2030 tatsächlich sagen können, 80 ist das neue 60.Das heißt, das biologische Alter kann sich deutlich vom tatsächlichen unterscheiden. Was freilich wieder die Gefahr der Selbstüberschätzung birgt: Womöglich wird es mehr Freizeitunfälle in dieser Gruppe geben, deren Folgen wir noch gar nicht einschätzen können. Schließlich verändern sich selbst bei den rüstigsten Seniorinnen und Senioren Muskelstruktur und Knochen.

"Möglicherweise wird man 2030 tatsächlich sagen können, 80 ist das neue 60."

Warum spricht man am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern von Alternsmedizin und nicht von Altersmedizin?

Das Altern ist keine Krankheit, sondern ein physiologischer Prozess. Wir legen großen Wert darauf, alternde Patientinnen und Patienten in ihrer Gesamtheit zu begleiten. Dazu gehört es zum Beispiel, die Lebensumstände, aber auch individuelle Risiken zu betrachten. Gibt es familiäre Anlagen zu Rheuma, Parkinson, Schlaganfall oder anderen Leiden? Wie kann man beizeiten eingreifen? Oder: Warum hat dieser Mensch gerade diese Symptome? Bei Stürzen etwa kann von Schwindel über Funktions- oder Elektrolytstörungen bis hin zu Parkinson oder Medikamentenwechselwirkungen alles mögliche dahinterstecken.

Ich bin kein Freund der Bezeichnung geriatrischer Patient. Das würde nach der derzeitig gültigen Definition jeden über 65 Jahre betreffen.Sieht man sich Menschen dieses Alters an, wirkt das fast beleidigend. Meiner Ansicht nach wird man hier umdenken und die konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigen müssen. Denn ab wann beginnt denn eigentlich der klassische geriatrische Patient? Und ist nicht überhaupt die Frage interessanter, wie ich als Mediziner mit der alternden Bevölkerung ihrer tatsächlichen Verfassung entsprechend umgehe? Wie unterstütze ich sie dabei, möglichst lange gesund und mobil zu bleiben, ernste Leiden hintanzuhalten? Natürlich müssen wir akut auftretende Erkrankungen bestmöglich behandeln, aber unser Zentrum geht weit darüber hinaus. Bei uns ist der gesamtheitliche und integrative Ansatz das Entscheidende. Und der spiegelt sich eben besser im Wort Alternsmedizin.

Welches Spezialwissen und welche Strategie braucht die Alternsmedizin?

Wir verstehen die Alternsmedizin als interprofessionelles Fach. Es ist strategisch sinnvoll, dass hier viele Wissensfelder unmittelbar zusammenwirken und dasselbe, auf den individuellen Krankheitsfall ausgerichtete Behandlungsziel verfolgen. So haben wir neben neurologischer und internistischer Expertise auch Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie, Kardiologie, allgemeine und physikalische Medizin, Pharmakologie und Genetik in unserem Team. Alle besitzen das Geriatrie-, Palliativ- und Schmerzdiplom. Auch das Pflegepersonal ist speziell geschult. Darüber hinaus arbeiten hier Fachkräfte für Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, klinische Psychologen und Ernährungsmediziner. Und das Wichtigste: Wir alle stehen den Patientinnen und Patienten an ein und demselben Ort, also auf sehr kurzem Wege und in ständiger Kooperation miteinander zur Verfügung. Das bringt ihnen im Endeffekt eine bessere Lebensqualität, effizientere Betreuung, weniger Schmerzen, eine aktive Verhinderung von Medikamentenwechselwirkungen und oft auch eine kürzere Verweildauer im Spital. Um so etwas effizient umzusetzen, braucht es allerdings diese Zentrumsstruktur mit genau abgestimmten interprofessionellen Behandlungsprozessen.

Am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern zählt die Alternsmedizin zu den spitzenmedizinischen Schwerpunkten. Wie ging der damit verbundene Aufbau des Zentrums für integrative Alternsmedizin (ZiAM) vor sich?

Ende 2015 begannen wir damit, dieses neue Konzept auszuarbeiten und nach und nach an der Abteilung für Akutgeriatrie umzusetzen. Ab 7. Jänner nächsten Jahres werden wir das ZiAM für Zuweiser und Patienten auch nach außen sichtbar machen und als weiteren Leuchtturm am Ordensklinikum entwickeln. Krankenanstaltenrechtlich wird es weiterhin als Akutgeriatrie geführt. Nach unserem Verständnis als ein darüber hinausgehendes medizinisch hochqualifiziertes Zentrum, das alle Facetten des Alterungsprozesses berücksichtigt und sich speziell des alternden Patienten annimmt, agieren wir ja bereits. Wir haben hier viele schmerzgeplagte, oft auch kognitiv beeinträchtigte Patientinnen und Patienten, auf die sich die interprofessionelle Betreuung aus einer Hand sehr positiv auswirkt. Diesen integrativen Ansatz werden wir natürlich weiter vorantreiben.

Welche Rolle spielt die Forschung in diesem Bereich? Bedeutet spitzenmedizinischer Schwerpunkt auch, dass man hier immer auf dem neuesten Stand ist?

Natürlich. Wir veranstalten jedes Jahr den Linzer Kongress für Alternsmedizin, heuer bereits zum vierten Mal. Das Motto dabei ist immer: „Die Alternsmedizin trifft sich mit anderen Fachrichtungen.“ Zum Beispiel mit der Schmerzmedizin, der Traumatologie und in diesem September mit der Pharmakologie. Und wir sind sicherlich auch bereit, auf der Forschungsebene mit der Linzer Universität zu kooperieren, die sich die Altersforschung ganz oben auf ihre Fahnen geheftet hat.

"Wenn die Patientinnen und Patienten zu uns kommen, findet sich darunter kaum jemand mit weniger als fünf bis sieben Medikamenten im Gepäck."

Sie betreuen vorwiegend ältere multimorbide Patientinnen und Patienten, die viele Medikamente verschrieben bekommen. Wie geht Ihr Zentrum mit dem Problem der Polypharmazie, also Medikamentenwechselwirkungen um?

Wenn die Patientinnen und Patienten zu uns kommen, findet sich darunter kaum jemand mit weniger als fünf bis sieben Medikamenten im Gepäck.Und alles über fünf Präparaten gleichzeitig hat unweigerlich Wechselwirkungen. Doch mit der Zeit sammelt sich eben vieles in einer Patientenbiografie an, vom Blutdruck- und Lipidsenker über das Antirheumatikum bis zum Entwässerungs- und Schmerzmittel und vielleicht zu guter Letzt einem Antidepressivum. Im Alter verlieren Männer und Frauen allerdings an Körpergewicht und Muskelmasse, die Knochen werden dünner, Leber und Nieren funktionieren nicht mehr so gut. Das bedeutet, die Medikamente kumulieren im Körper und irgendwann spielt dieser nicht mehr mit. Gerade erst hatte ich hier einen 85-Jährigen, der immer wieder gestürzt ist, weil ihm schwindlig wurde. Das Einzige, was wir gemacht haben, war, alle nicht zwingend notwendigen Medikamente abzusetzen, und das Problem war weg. Polypharmazie ist gefährlich, darum schauen wir uns die Medikation unserer Patienten grundsätzlich sehr genau an. Außerdem haben wir eine klinische Pharmakologin im Team.

Wie wichtig ist das Patientenservice am Zentrum für integrative Alternsmedizin?

Es kümmert uns durchaus, wie die Leute nach dem Spitalsaufenthalt zu Hause zurechtkommen, wie die Rahmenbedingungen sind. Die Überleitungspflege klärt, ob und wo es noch Unterstützung braucht. Das ist natürlich immer auch eine Personal- und Ressourcenfrage, aber wir bemühen uns, dass sich auch die Pflege so gestaltet, dass es nicht zu einem Drehtüreffekt zwischen Zuhause und Krankenhaus kommt. Darüber hinaus haben wir Informationsangebote wie Vorträge für ältere Patientinnen und Patienten, spezielle Schulungen für pflegende Angehörige, aber auch Selbsthilfegruppen und physiotherapeutische Unterstützung nach Operationen.

Welche Lebensstilmaßnahmen empfehlen Sie älteren Menschen?

Eine der Hauptempfehlungen ist es natürlich, das Seine zu tun, um das Krankenhaus möglichst lange nicht zu brauchen (lacht). Entscheidend ist es, die Selbstmobilität aufrechtzuerhalten, also ausreichend Bewegung zu machen und sich ausgewogen und vitaminreich zu ernähren. Solche Maßnahmen vermindern im Übrigen auch das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Ich glaube außerdem, dass man immer wieder darauf aufmerksam machen muss, dass Lebensqualität etwas Individuelles ist. Warum soll man jemandem sein Glas Bier verbieten, nur weil er alt ist? Natürlich braucht es Maß und Ziel, aber ein bisschen Genuss ist genauso wichtig. Oder die Schlafqualität. Und nicht zuletzt erhöht Gelassenheit das Wohlbefinden. Es hilft, wenn man den Alterungsprozess akzeptieren kann. Empfehlen würde ich außerdem, Risikofaktoren innerhalb der Familie zu beachten, etwa für Demenz, Schlaganfall oder Krebs, und dann die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen zu machen.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Thema Altern um?

(lacht schallend) Mit 57 zwickt und zwackt mich schon gelegentlich etwas. Dann merke ich schnell, dass mir Bewegung richtig gut tut. Es ist mir also schon wichtig, dass meine Sehnen und Gelenke nicht einrosten und sich immer wieder lockern können. Und mit der Ernährung halte ich es genauso, wie ich es empfehle. Im Großen und Ganzen soll Vernunft walten, aber ich kann auch ohne schlechtes Gewissen einmal ein Glas Wein oder einen Schweinsbraten genießen. Es kommt ja dabei auf die Mengen und die Häufigkeit an. Zu viel Verbissenheit scheint mir auch nicht das Wahre. Man sollte also auf alle Fälle gut auf sich achten, aber dabei die Kirche im Dorf lassen.

Interview: Uschi Sorz; Bilder: Werner Harrer

Christian Lampl, Prof. Dr.

Ärztlicher Direktor am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Christian Lampl ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, ärztlicher Direktor am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern sowie Primarius der dortigen Abteilung für Akutgeriatrie und Remobilisation. Diese hat er in den letzten Jahren nach einem innovativen Konzept als Zentrum für integrative Alternsmedizin (ZiAM) aufgebaut.