
Advanced Nursing Practice (ANP) kann Patient*innen raschen Zugang zur Versorgung ermöglichen und Wartezeiten verringern.
Text: Birgit Weilguni
Der Pflegeberuf entwickelt sich mithilfe von Advanced Nursing Practice (ANP) weiter. Wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich zunehmend mit der Entwicklung, Einführung und nachhaltigen Sicherung neuer und erweiterter Pflegepraxis und nützen auf diese Weise den Patient*innen, dem Pflegepersonal und dem Gesundheitssystem.
Univ.-Prof.in Dr.in Nadja Nestler ist Professorin für Nursing Science and Advanced Nursing Practice am Institut für Pflegewissenschaft und -praxis der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Im INGO-Gespräch erklärt die Expertin, wie ANP das Gesundheitssystem verändern wird.
Die ersten Ansätze für ANP finden sich in den 1960er-Jahren im Bundesstaat Colorado der USA. Die Rolle der Nurse Practitioners (NP) wurde damals basierend auf einem Public-Health-Modell entwickelt, um die Primärversorgung von Kindern sicherzustellen, die keinen ausreichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung hatten. „Damit wurde diese Rolle als Weiterentwicklung der Public-Health-Pflege verstanden“, erklärt Nestler.
Die Zielsetzung war und ist klar. Weltweit hätten wachsende Herausforderungen im Gesundheitswesen, wie der demografische Wandel und die Zunahme chronischer Erkrankungen, aber auch eine zunehmende Technisierung der medizinischen Versorgung dazu geführt, dass veränderte und innovative Versorgungsmodelle erforderlich geworden seien, erklärt die Pflegeexpertin. Auch eine Personalknappheit sowohl im pflegerischen als auch im ärztlichen Bereich führte und führt dazu, dass Aufgaben der unterschiedlichen Berufsgruppen in der Patient*innenversorgung überdacht würden. „Um den aktuellen wie zukünftigen Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung begegnen zu können, bedarf es nicht nur eines medizinisch-technischen Fortschritts, sondern auch der Entwicklung und Übernahme veränderter Aufgabenzuschreibungen zwischen den Berufsgruppen. Dies beinhaltet auch die Entwicklung und Umsetzung erweiterter pflegerischer Aufgaben durch Advanced Practice Nurses (APN)“, so Nestler. APN erbringen direkte Gesundheitsdienstleistungen für Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften und beeinflussen Gesundheits-Outcomes von Patient*innen positiv.
Die Pflegewissenschaftlerin erläutert, wie ANP das Gesundheitssystem verändert: „Durch Pflegefachpersonen der erweiterten Pflegepraxis/APN wird ein veränderter Zugang für Patient*innen zum Gesundheitssystem geschaffen. APN können in der direkten Patient*innenversorgung einen rascheren Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglichen, wodurch Wartezeiten und Überbelegung verringert werden. So können sie zum Beispiel in Primärversorgungszentren Menschen mit chronischen Erkrankungen begleiten.“ International haben APN Aufgaben in der Untersuchung, Diagnosestellung und Behandlung von Patient*innen. Sie verschreiben Medikamente, oft eigenständig oder unter minimaler Aufsicht.
„Grundsätzlich bringen APN die medizinische Versorgung näher an die Patient*innen, insbesondere dort, wo der Zugang eingeschränkt ist“, fasst Nestler zusammen. „Dabei ist aber nicht die rein medizinische Perspektive bedeutsam, da APN insbesondere die Aktivitäten des täglichen Lebens und damit die Alltagsbewältigung im Blick haben. Dies ist insbesondere für die Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen bedeutsam, da hier zur Bewältigung des Alltags hohe Kompetenzen im Selbstmanagement und damit in der Selbstpflege gefordert sind.“ In diesem Bereich könne eine Pflegefachperson mit erweiterten Kompetenzen die Menschen gut darin unterstützen, dieses Selbstmanagement zu entwickeln und sich an mögliche Veränderungen aufgrund chronischer Erkrankungen und des Fortschreitens der jeweiligen Erkrankung anzupassen.
In den letzten Jahren konnten Konzepte zur Prävention und ganzheitlichen Begleitung entwickelt und evaluiert werden. „Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer kompetenten pflegerischen Begleitung, die gekennzeichnet ist durch ein gutes theoretisches Wissen, das in die Praxis überführt werden kann. Dabei ist es bedeutsam, die unterschiedlichen Faktoren einzubeziehen, die Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Es handelt sich dabei um körperliche, psychische, soziale, kognitive, spirituelle, verhaltensbezogene und weitere Faktoren, die beachtet werden müssen, um gute Versorgungskonzepte zu entwickeln“, führt die Pflegeexpertin aus.
ANP verändert aber auch die Versorgung an sich, etwa in Form von neuen Versorgungsmodellen im intra- und extramuralen Bereich. „Patient*innen mit komplexen Versorgungsbedarfen werden identifiziert und betreut. Hier ist ein spezifisch für den jeweiligen Versorgungsbereich entwickeltes Expert*innenwissen notwendig, um die Bedarfe der jeweiligen Patient*innen zu erkennen und notwendige Maßnahmen abzuleiten. Hierbei handelt es sich um erweiterte pflegerische Aufgaben, die von der allgemeinen Pflege nicht übernommen werden können, oder auch um eine Weitervermittlung der Patient*innen an andere Expert*innen im Gesundheitssystem. So kann eine spezielle Beratung der Patient*innen notwendig sein oder auch eine Schulung zu spezifischen Maßnahmen“, so Nestler.
Es sei zu erwarten, dass die Rollenentwicklung der APN in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung weiter voranschreite und weiter ausdifferenziert werde, ist Nestler überzeugt: „Dabei ist es notwendig, den sogenannten Scope of Practice für Österreich zu entwickeln, der umreißt, welche Aufgaben von APN übernommen werden, auch in Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen. Damit geht dann auch die gesetzliche Regelung der Rolle einher.“
Wichtige Faktoren der künftigen Entwicklung sind beispielsweise Prävention und Digitalisierung. „Die Prävention ist fester Bestandteil der pflegerischen Versorgung und auch in der Versorgung durch APN ein wichtiges Element pflegerischen Handelns“, erklärt die Pflegeexpertin. „Alle pflegerischen Prophylaxen stellen eine Prävention dar. Im Sinne der erweiterten Pflegepraxis geht es aber darüber hinaus und umfasst Aufgaben in der Gesundheitsförderung, sodass chronische Erkrankungen in der Zukunft besser vermieden werden können oder ein Voranschreiten dieser Erkrankungen minimiert werden kann. Dabei haben APNs wichtige Aufgaben, da sie lebensweltbezogen mit den Patient*innen arbeiten und damit direkt Einfluss auf das Gesundheitsverhalten der Menschen nehmen können.“
Die Digitalisierung wird dabei ebenfalls einen wichtigen Aspekt darstellen. Auch für die Gesundheitsversorgung würden immer mehr digitale Angebote entwickelt, die Betroffene in einer gesünderen Lebensführung unterstützen sollen. Dabei könne dies insbesondere gut gelingen, wenn diese Angebote spezifisch unterstützt werden und APN hier ein gutes Bindeglied darstellen können. Außerdem werde man „immer mehr Telecare-Möglichkeiten nutzen, um Patient*innen unnötige und weite Wege zu ersparen“, ergänzt Nestler.
Entsprechende Rahmenbedingungen sind dafür erforderlich. Es brauche zukünftig klare gesetzliche Regelungen, die eindeutig beschreiben, welche Aufgaben APN im interprofessionellen Team übernehmen können, um rechtliche Sicherheit zu geben. Dazu gehöre auch ein festgelegter Scope of Practice.
Nestler erklärt abschließend, welche Entwicklungen nötig sind, um eine effiziente Versorgung der Patient*innen zu garantieren: „Spezifische auf die Aufgaben von APNs ausgerichtete sogenannte patient*innenbezogene Outcomes, aber auch spezifische Pflege-Outcomes werden benötigt, die wir in der Pflegeforschung identifizieren und darstellen müssen, um die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von APN im österreichischen Gesundheitssystem aufzuzeigen. Wir erleben den Zugewinn in der Praxis, aber es wird nur zu einer flächendeckenden und nachhaltigen Implementierung kommen, wenn wir den Nutzen aufzeigen können. Dabei wäre ein Einsatz von APN im intra- wie extramuralen Raum wichtig. Insbesondere sind die Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung in der Primärversorgung hoch und international konnten die Vorteile einer Entwicklung zu einer interprofessionellen Primärversorgung und damit Abkehr von der Primärarztversorgung als zielführend gezeigt werden.“
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