
Elisabeth Loidl, Oberärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Ordensklinikum Linz, erklärt, wie sich Delirrisiken frühzeitig erkennen lassen und welche Chancen intelligente Medizin bietet.
Text: Rosi Dorudi
Ein Delir kann sich unterschiedlich äußern: Während manche Patient*innen nach einer Operation plötzlich desorientiert sind oder Halluzinationen entwickeln, wirken andere ungewöhnlich ruhig und teilnahmslos. Was zunächst wie eine normale Reaktion auf den Spitalsaufenthalt erscheinen mag, kann eine akute Störung von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Wahrnehmung sein. „Besonders gefährdet sind ältere und gebrechliche Menschen sowie Patient*innen mit Demenz oder anderen Vorerkrankungen“, sagt Dr.in Elisabeth Loidl, Oberärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Ordensklinikum Linz. „Auch Operationen und schwere Infektionen können ein Delir begünstigen.“
Wie sich Delirien frühzeitig erkennen und vermeiden lassen und welche Möglichkeiten intelligente Medizin künftig bietet, thematisierte Loidl in einem Vortrag bei den Kongresstagen Anästhesie & Intensivmedizin der Vinzenz Gruppe im Oktober 2026 in Linz. „Die Pathophysiologie des Delirs ist sehr komplex und bislang nur ansatzweise verstanden“, erklärt die Oberärztin. „Entzündungsprozesse und Veränderungen wichtiger Botenstoffe im Gehirn spielen dabei eine Rolle.“ Mit zunehmendem Alter nimmt zudem die physiologische Reserve ab, der Körper kann Belastungen wie eine Operation oder Infektion schlechter ausgleichen.
Besonders deutlich zeigt sich das Problem auf Intensivstationen. Laut Loidl können dort bis zu 80 Prozent der Patient*innen ein Delir entwickeln. Die Häufigkeit hängt allerdings von der jeweiligen Patient*innengruppe und den Diagnosekriterien ab. „Eine Herausforderung ist, dass sich ein Delir nicht immer durch offensichtliche Verwirrtheit bemerkbar macht“, so Loidl. Beim hyperaktiven Delir sind Betroffene unruhig, teilweise aggressiv oder von Halluzinationen geplagt. Schwieriger zu erkennen ist die hypoaktive Form: Die Betroffenen wirken schläfrig, teilnahmslos und ziehen sich zurück. „Das ist sozusagen der versorgungsfreundliche Typ eines Delirs“, sagt Loidl. Nicht selten werden die Symptome als normale Erschöpfung nach einer Operation fehlinterpretiert.
Auslöser gibt es viele: Neben Operationen und Infektionen können Dehydrierung, Elektrolyt- und Stoffwechselstörungen, Schmerzen sowie bestimmte Medikamente ein Delir begünstigen. Auch Schlafmangel, eine ungewohnte Umgebung und fehlende Orientierung belasten gefährdete Patient*innen. Deshalb sei es zentral, Risikopatient*innen möglichst früh zu identifizieren, betont Loidl. Am Ordensklinikum Linz wurde dafür ein strukturiertes Screening eingeführt. Pflegekräfte beurteilen einmal pro Schicht unter anderem Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung, Kommunikation und Verhalten. So soll auch ein hypoaktives Delir rechtzeitig auffallen.
Für die Anästhesie beginnt die Verantwortung bereits bei der präoperativen Einschätzung. Das Team achtet auf Faktoren wie Gebrechlichkeit, Demenz, neurologische Erkrankungen und chronische Leiden. Wo möglich, werden Anämie und Elektrolytstörungen vor dem Eingriff korrigiert. „Wir verabreichen unseren Patient*innen vor bestimmten Operationen zudem ein kohlenhydrathaltiges Getränk, um den Blutzuckerspiegel möglichst stabil zu halten“, erzählt die Anästhesistin.
Das Risiko lässt sich bereits während des Eingriffs beeinflussen. Ein individuell abgestimmtes Narkose- und Schmerzkonzept soll eine unnötig tiefe Sedierung vermeiden und den Bedarf an Opioiden verringern. Im Aufwachraum helfen eine ruhige Umgebung, verständliche Ansprache und wiederholte Orientierung. Die Patient*innen erfahren, dass die Operation vorbei ist und wo sie sich befinden. Brille und Hörgerät sollen möglichst rasch wieder zur Verfügung stehen.
Doch nicht nur medizinische Maßnahmen sind entscheidend. Am Ordensklinikum bekommen Patient*innen im Aufwachraum Wassereis. „Es lenkt vom Schmerz ab, sorgt für einen frischen Geschmack im Mund und kann postoperative Übelkeit lindern“, so Loidl. Sie sieht darin einen Baustein eines umfassenden Betreuungskonzepts. Wesentlich sei vor allem das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen: von der medizinischen Behandlung über Orientierung, Mobilisierung sowie Schlaf- und Schmerzmanagement bis hin zur Einbeziehung von Angehörigen.
Wird ein Delir erkannt, muss vor allem die Ursache gesucht und behandelt werden – etwa eine Infektion, eine Stoffwechselstörung oder eine problematische Medikation. „Beruhigende Medikamente sind nicht die Standardlösung, sondern kommen nur in ausgewählten Situationen, etwa bei schwerer Eigen- oder Fremdgefährdung, infrage“, erklärt die Ärztin. Ein strukturiertes Vorgehen kann helfen, Komplikationen zu reduzieren und die Genesung zu unterstützen.
Während bei anderen Organen zahlreiche Messwerte kontinuierlich überwacht werden, stützt sich die Delirerkennung vielfach auf klinische Beobachtung und standardisierte Einschätzungen. Digitale Systeme könnten künftig Laborwerte, Vitalparameter, Medikation und Vorerkrankungen zusammenführen, um gefährdete Patient*innen früher zu identifizieren.
Am Standort der Barmherzigen Brüder gab es bereits Kontakt mit dem Programm „Predicting Health“, das gesundheitliche Risiken vorhersagen soll. Klinisch eingesetzt wird es dort allerdings noch nicht. Eine Herausforderung besteht darin, dass auf eine Risikowarnung auch konkrete Maßnahmen folgen müssen. Was geschieht, wenn ein Programm ein hohes Delirrisiko meldet? Wer muss reagieren, und welche Schritte sind einzuleiten? Ein Alarm allein verhindert kein Delir. Dafür braucht es klare Abläufe und ein Behandlungsteam, das die Warnung in konkrete Präventionsmaßnahmen übersetzt.
Als mögliche nächste Entwicklungsstufe nennt Loidl digitale Zwillinge – virtuelle Abbilder von Patient*innen, die laufend mit aktuellen Daten gespeist werden. Sie könnten künftig helfen, Krankheitsverläufe und individuelle Risiken vorherzusagen sowie passende Präventionsstrategien abzuleiten. Bis dahin sind allerdings weitere Entwicklungsschritte und eine klinische Überprüfung notwendig.
Entscheidend ist für Loidl, technologische Innovation und menschliche Betreuung sinnvoll miteinander zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen. Algorithmen könnten gefährdete Patient*innen frühzeitig identifizieren und so mehr Zeit für eine gezielte persönliche Betreuung schaffen. Gerade im Delirmanagement bleiben empathische Kommunikation und menschliche Zuwendung unverzichtbar.
Damit Delirprävention nachhaltig wirkt, braucht es letztlich mehr als Screening oder digitale Warnsignale. „Entscheidend ist, dass sich das gesamte Krankenhauspersonal für das Thema sensibilisiert und Prävention in den täglichen Abläufen verankert wird“, fasst die Ärztin zusammen. Dazu gehörten verbindliche Standards, Schulungen und ausreichend Zeit für die Pflege. „Delir darf nicht erst dann zum Thema werden, wenn die Verwirrtheit bereits offensichtlich ist. Die Prävention muss so selbstverständlich werden wie Händehygiene oder Thromboseprophylaxe.“ Dafür müsse das Gehirn als schützenswertes Organ ebenso selbstverständlich mitgedacht werden wie Herz oder Lunge. Der entscheidende Perspektivenwechsel: Nicht nur die Erkrankung behandeln, sondern auch das Gehirn vor vermeidbaren Belastungen schützen.
Titelbild: © Ordensklinikum Linz