
Die interprofessionelle Zusammenarbeit von Diätolog*innen mit Primärversorgungs-Teams bringt Vorteile für alle Beteiligten. Insbesondere im niedergelassenen Bereich gibt es jedoch noch Lücken.
Text: Birgit Weilguni
Unterschiedliche Expert*innen vermitteln Interessierten ihr Know-how zum Thema Diätologie. Unter anderem sind das Allgemeinmediziner*innen, Internist*innen und andere Fachmediziner*innen sowie Pflegepersonen und Vertreter*innen der medizinisch-technischen Berufe aber auch Influencer*innen oder Content Provider*innen, Fitness- und Ernährungsexpert*innen. Viele dieser Informationen sind fundiert und zielführend, aber leider bei Weitem nicht alle, die als solche „verkauft“ werden.
Verglichen mit anderen MTD-Berufen werde die Diätologie oftmals unterschätzt, konstatiert Tamara Knezevic, BSc. Die Diätologin ist Expertin für ausgewogene Ernährung, Sporternährung, Gewichtsmanagement, Stoffwechselerkrankungen und Verdauung und berät ihre Klient*innen in der freiberuflichen Praxis und im Primärversorgungszentrum Medizin Mariahilf. Es gibt jedoch einen entscheidenden Nachteil: „Wir sind unter den MTD-Berufen die einzige Berufsgruppe ohne Kassenleistung“, bedauert Knezevic.
Im Rahmen von Primärversorgungszentren (PVZ) werden diätologische Leistungen im Rahmen einer verfügbaren Pauschale erstattet, nicht jedoch in freiberuflicher Praxis. „Ernährung ist ein Alltagsthema und wird als nicht wichtig angesehen, obwohl bei vielen Erkrankungen die Diätologie eine therapeutische Rolle übernehmen kann“, weiß die Expertin. Gerade bei den Beispielen Abnehmspritze, Mangelernährung oder Prävention wäre es sehr sinnvoll, die Diätologie zu integrieren. „Sie sollte bei auffälligen Blutbildern zugezogen werden und Teil der Gesundenuntersuchung sein, um den präventiven Charakter, etwa im Hinblick auf Verdauungsbeschwerden, voll ausschöpfen zu können“, so der Vorschlag von Knezevic.
Für sehr viele Patient*innen in einem PVZ nehme zum Beispiel die Gewichtsabnahme eine zentrale Rolle ein. „Diabetes und andere Folgeerkrankungen von Übergewicht sind wichtige Themen für die Diätologie, aber auch richtiges Abnehmen. Als Laie ist Abnehmen mit der Abnehmspritze beispielsweise durchführbar, bringt jedoch fast sicher einen Jojo-Effekt mit sich“, so Knezevic. „Das führt zu Risiken in der Gesundheit, so sind etwa ein Verlust an Muskelmasse oder Mangelernährung möglich.“ Aber: „Gewicht ist nicht alles“, betont die Diätologin. Andere Themen wie Lebensmittelauswahl, Essverhalten, Bewegungsmuster oder Selbstfürsorge müssen im Rahmen eines gesunden Lebensstils ebenfalls beachtet werden.
In PVZ funktioniert die Integration von Diätologie sehr gut, bestätigt die Expertin. Der Zugang sei niederschwellig und regelhaft. Aber: „Die Diätologie ist noch kein fixer Bestandteil in der Primärversorgung in ganz Österreich. Günstig wäre eine regionale, zum Beispiel bezirksweise Schwerpunktsetzung, etwa einen Tag pro Woche, an dem Diätolog*innen für Beratungen zur Verfügung stehen“, schlägt Knezevic vor. Diese systematische Versorgung wäre ernährungstherapeutisch günstig, wichtig wären jedoch auch Kassenverträge, um den Zugang zu erleichtern. Ziel wäre eine Basisversorgung, die jederzeit in Anspruch genommen werden kann, nicht nur im Rahmen von Gesundheitschecks. „Auch für ältere Patient*innen könnten so Mangelernährungs-Screenings angeboten werden. Depressive Verstimmungen könnten besser eingeordnet werden, immerhin verursacht beispielsweise ein Vitamin-B12-Mangel Symptome wie bei einer Demenz. Wir Diätolog*innen können helfen, verschiedene Parameter zu überprüfen und entsprechenden Fehlentwicklungen vorzubeugen“, so Knezevic.

Essstörungen sind ein wachsendes Problem. Im Austausch mit allen Beteiligten könnten wir Diätolog*innen viel bewegen.
Tamara Knezevic, BSc.
Soziale Medien sieht Knezevic sowohl positiv als auch negativ. „Sie sind eine coole Möglichkeit, Wissen zu verbreiten, aber sie bieten auch vielen Menschen eine Plattform, die gefährliches Halbwissen verbreiten und dabei emotionale Bindungen aufbauen, sodass Konsument*innen bereitwillig Fehlinformationen übernehmen“, sagt die Diätologin. Mit fundiertem Know-how durchzudringen sei äußerst schwierig, dies wäre jedoch wichtig, um Körperbilder und Essverhalten zu beeinflussen und negativen Effekten und Erkrankungen wie Essstörungen vorzubeugen. „Gerade bei der Gewichtsabnahme gibt es keine echten Abkürzungen“, warnt die Diätologin. „Es geht dabei immer um langfristige Lebensumstellungen. In den sozialen Medien, und generell in unserer Gesellschaft, muss alles schnell gehen, das birgt Gefahren.“ Sinnvolle Tools wie die Abnehmspritze gehören effizient und vor allem nachhaltig eingesetzt, mit verändertem Essverhalten, weniger Cravings und weniger „Food Noise“, dem ständigen Kreisen der Gedanken um Essen.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen gelten Essstörungen nach wie vor als wachsendes Problem. Eine große Verantwortung lastet auf den Schultern von Eltern, deren Kommentare zur Ernährung oft völlig ungefiltert übernommen werden. Aufklärung in Kindergärten und Schulen wäre im Sinne der Prävention dringend nötig. „Vorsorgende Beratung in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten inklusive Ärzt*innen, Pädagog*innen, Eltern und Kindern würde bedeuten, dass alle an einem Strang ziehen. Das kann tatsächlich etwas verändern“, ist Knezevic überzeugt. Im Zuge dieser Beratung kann auch die Rolle der sozialen Medien ins richtige Licht gerückt werden.
Für die Zukunft würde sich Knezevic wünschen, dass die Diätologie in der Primärversorgung besser etabliert würde und eine Rolle wie in PVZ spielen könnte. „Eine strukturelle Verankerung in allen Primärversorgungseinheiten wäre schön, denn die Verknüpfungen mit Gesundenuntersuchungen könnten vieles zum Guten verändern. Das wäre allerdings nur in Kombination mit einer ausreichenden Kassenfinanzierung zielführend“, so Knezevic.
Beim gesellschaftlichen Bewusstsein für Ernährung als Präventivmaßnahme gibt es hierzulande noch Luft nach oben, sowie vorbeugende Maßnahmen generell. Dafür braucht es die Möglichkeit, dass alle Personen Zugang zu diätologischer Beratung erhalten.
„Nicht nur Ernährungstherapie hat ihren berechtigten Platz, sondern viele Präventionsthemen, die wir Diätolog*innen abdecken: die Bildung nachhaltiger Routinen, aber auch Bewegung und Krafttraining, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ernährung stehen. Das funktioniert aber nur dann, wenn diätologische Leistungen nicht nur in Ausnahmefällen, sondern als Fixpunkt der Prävention erstattet werden“, so Knezevic.
Fotos: Titelbild (c) Freepik; Porträtfoto Tamara Knezevic © privat