
Innerhalb von 72 Stunden sollen Intensivpatient*innen gezielt aktiviert werden. Frühmobilisation gilt als zentrales Qualitätsmerkmal moderner Intensivmedizin.
Intensivpatient*innen sollen bereits innerhalb der ersten 72 Stunden nach der Aufnahme gezielt aktivieren. Das empfehlen internationale Behandlungskonzepte. Frühmobilisation gilt heute als eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale moderner Intensivmedizin, betonten Expert*innen aus Anlass des Internationalen Tages der Intensivmedizin am 18. Juni. Intensivmedizinisch bedingte Muskelschwäche, Delirien und langfristige Funktionseinschränkungen sollen durch die Frühmobilisierung möglichst verhindert und die Erholung nachhaltig unterstützt werden.
Grundlage dafür ist das international etablierte ABCDEF-Bundle (ICU Liberation Bundle), ein evidenzbasiertes Behandlungskonzept, das Schmerzmanagement, eine zielgerichtete Sedierung, spontane Aufwach- und Atemversuche, Delirprävention, Frühmobilisation sowie die aktive Einbindung von An- und Zugehörigen miteinander verbindet. Ziel des interprofessionellen Betreuungskonzeptes ist es, negative Folgen eines Intensivaufenthalts zu reduzieren und die körperliche sowie kognitive Erholung der Patientinnen und Patienten zu fördern. Studien belegen, dass eine konsequente Umsetzung des ABCDEF-Bundles mit besseren Behandlungsergebnissen und einer höheren Lebensqualität nach dem Intensivaufenthalt verbunden ist.
»Die moderne Intensivmedizin hat in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Wandel vollzogen. Unser Ziel ist heute nicht allein die Stabilisierung lebensbedrohlicher Zustände, sondern die bestmögliche Rückkehr der Patientinnen und Patienten in ein selbstständiges Leben. Die Frühmobilisation ist ein zentraler Baustein«, so Univ.-Prof. Dr. Stefan Schaller, Klinikleiter der Universitätsklinik für Anästhesie, allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie an der MedUni Wien und dem AKH Wien sowie Vorstandsmitglied der ÖGARI.
Bereits wenige Tage Bettruhe können zu einem erheblichen Verlust an Muskelmasse und körperlicher Leistungsfähigkeit führen. Frühmobilisation wirkt diesem Prozess entgegen und trägt gleichzeitig dazu bei, Delirien zu reduzieren, die Herz-Kreislauf-Funktion zu unterstützen und die Erholung der Lungenfunktion zu fördern. Selbst beatmete Patientinnen und Patienten können und sollen, unter strenger Überwachung und abhängig von ihrem Gesundheitszustand, schrittweise mobilisiert werden.
Ein Intensivaufenthalt kann auch nach der Entlassung Spuren hinterlassen. Das sogenannte Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) beschreibt körperliche, kognitive und psychische Einschränkungen, die bei Betroffenen noch Monate oder sogar Jahre nach einer kritischen Erkrankung bestehen können. Dazu zählen beispielsweise Muskelschwäche, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme, Angstzustände oder Depressionen. Auch um mögliche Langzeitfolgen möglichst zu vermeiden oder zu reduzieren, setzt die moderne Intensivmedizin zunehmend auf eine frühzeitige Mobilisation der Patientinnen und Patienten. Deren Umsetzung erfordert jedoch erhebliche personelle und fachliche Ressourcen sowie das ärztlich koordinierte Zusammenwirken der relevanten Gesundheitsberufe.
Foto: DC Studio/Magnific