
Eine Innsbrucker Studie zeigt die Potenziale und Grenzen digitaler Technologien bei der Diagnose und Verlaufskontrolle von Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum.
Text: Birgit Kofler
Digitale Technologien können Patient*innen mit Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum deutlich von gesunden Kontrollgruppen unterscheiden. Besonders digitale kognitive Tests zeigen dabei eine hohe Aussagekraft, gefolgt von Daten zu Verhalten und körperlicher Aktivität aus Wearables. Bei der Vorhersage psychotischer Rückfälle erreichten einige Modelle sogar eine Genauigkeit von bis zu 80 Prozent. Das zeigt eine systematische Übersichtsarbeit von Forschenden der Medizinischen Universität Innsbruck, die kürzlich im Fachjournal npj Digital Medicine veröffentlicht wurde.
Das Forschungsteam unter der Leitung von Johannes Passecker vom Institut für Systemische Neurowissenschaften analysierte 142 Studien aus zwei Jahrzehnten mit mehr als 6.000 Teilnehmenden. Es ist die erste systematische Analyse dieser Art, die untersucht, ob digitale Spuren tatsächlich dabei helfen können, Diagnosen zu stellen oder Rückfälle vorherzusagen. Im Fokus der Untersuchung stand das sogenannte Digital Phenotyping: die digitale Erfassung von Verhaltensmustern durch Smartphones und Fitness-Tracker. Dabei werden einerseits aktive Eingaben auf dem Smartphone erfasst, etwa durch kognitive Spiele oder Stimmungstagebücher, andererseits passive Daten von Sensoren wie Bewegungsmuster, Schlafqualität oder Sprachanalysen.
Ein bemerkenswertes Ergebnis der von Erstautor Ivan Vecchio durchgeführten Analyse: Die objektiven digitalen Daten stimmten oft nur schwach mit den traditionellen klinischen Fragebögen überein. Dies deutet darauf hin, dass digitale Technologien neue Aspekte der Erkrankung erfassen, die im klinischen Gespräch oder in bestehenden Fragebögen möglicherweise verborgen bleiben.
„Die Diagnose psychischer Erkrankungen gleicht heute oft einer Momentaufnahme: Wir sehen, wie es Patient*innen während des kurzen Gesprächs mit der Ärztin oder dem Arzt geht“, erklärt Johannes Passecker, Letztautor der Studie. „Digitale Technologien ermöglichen uns hingegen, besser einen kontinuierlichen Verlauf des Gesundheitszustandes zu sehen. Unsere Studie zeigt deutlich, dass wir durch Smartphones und Wearables objektive Marker für kognitive Leistung und Verhaltensmuster erhalten können, die im klinischen Alltag bisher weitgehend fehlen.“
Die vielversprechenden Ergebnisse der Übersichtsarbeit zeigen aber auch Schwachstellen der bisherigen Evidenz auf: Die Qualität der untersuchten Arbeiten variiert erheblich.
„Unsere Analyse zeigt eine enorme Bandbreite in der Qualität der Studien“, betont Passecker. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von einzelnen Erfolgsmeldungen blenden lassen, solange die wissenschaftliche Basis so heterogen ist.“
Um das volle Potenzial der digitalen Medizin für Menschen mit Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum zu nutzen, fordert das Innsbrucker Team standardisierte Berichtsrichtlinien und größere Langzeitstudien. Nur so könnten aus vielversprechenden Forschungsdaten verlässliche medizinische Anwendungen werden, die Patient*innen weltweit zugutekommen.
Foto: Johannes Passecker © MUI/F. Lechner
Publikation: Vecchio, I., Mifsud, L., Almeida, S. C., & Passecker, J. (2025). Diagnostic digital phenotyping in schizophrenia-spectrum disorders: a systematic review. npj Digital Medicine https://doi.org/10.1038/s41746-025-02194-w