
Bei der Digital Health Literacy von Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen besteht in Österreich noch Aufholbedarf. Doch die Weichen für Aus- und Weiterbildung sind gestellt.
Text: Karin Lehner
Elektronische Gesundheitsakte, Telemedizin, neue Diagnose-Unterstützung durch Künstliche Intelligenz & Co. eröffnen den Mitarbeiter*innen im Gesundheitssystem viele neue Möglichkeiten zur verbesserten Behandlung von Patient*innen, stellen sie aber auch vor große Herausforderungen. Der technische Wandel und die Geschwindigkeit der Transformation sind rasant. Wenn digitale Dokumentationstools nicht benutzerfreundlich funktionieren, kann das in der Spitalspraxis oft in Frust und Überforderung münden.
Dr.in Melanie Kuhrn ist Medizinerin und arbeitet als Junior Health Expert in der Abteilung für Digitalisierung und Dateninfrastrukturen bei der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) an der Lösung des Problems. „Die WHO Europa appelliert in mehreren Veröffentlichungen bereits, bei der Digitalisierung von Gesundheitssystemen die Menschen mitzudenken, die mit den Tools arbeiten.“ Schließlich ist die digitale Gesundheitskompetenz international enorm im Aufschwung. Sie ist ein wichtiger Baustein für die Sicherstellung der künftigen Qualität der Gesundheitsversorgung. „Aber dafür müssten die Systeme gut designt sein“, weiß Kuhrn. „Nur so werden sie zur Zeitersparnis statt zu einem Zeitfresser.“
Die Förderung digitaler Kompetenzen in Gesundheitsberufen ist seit letztem Jahr auch in der österreichischen eHealth-Strategie verankert, die kontinuierlich weiterentwickelt wird. 2028 soll monitort werden, welche Schritte in Richtung Steigerung der Digital Health Literacy bereits umgesetzt wurden. Schließlich zeigt die Strategie inklusive Folgeerhebungen mit rund 4.400 Angehörigen der Gesundheitsberufe aus Medizin, Pflege, Physiotherapie, Apotheken, Diätologie und Hebammenwesen, dass sich selbst Fach-Expert*innen nicht optimal gerüstet sehen, Patient*innen bei digitalen Themen wie der Bewertung von Online-Informationen oder Nutzung von E-Health-Angeboten adäquat zu begleiten.
Deshalb finalisiert Kuhrn gemeinsam mit Kolleg*innen bei der GÖG derzeit eine aktuelle Studie in Richtung Steigerung der Digital-Kompetenzen im Gesundheitswesen. „Unser Fokus liegt auf der Aus- statt Weiterbildung, obwohl Zweitere natürlich ebenso essenziell ist. Unser Ziel ist die Erhebung, welche Digitalkompetenzen in welchen Gesundheitsberufen gelehrt werden müssen, weil es in den einzelnen Berufsfeldern individuelle Bedürfnisse gibt.“ Trotz aller Unterschiede existiert aber eine gemeinsame Basis. Ohne die Beherrschung von E-Mail, sozialen Medien, Programme zur Dokumentation oder Coding geht es in Zukunft auch in Gesundheitsberufen nicht mehr. „Hier haben wir derzeit noch Lücken in der Aus- und Weiterbildung“, sagt Kuhrn.
In einem ersten Schritt muss die Digitalisierung stärker in der Ausbildung der einzelnen Berufsgruppen verankert werden. „Hier reicht aber kein weiteres hineingepresstes Modul. Digitale Skills müssen breit gelehrt und eingebettet werden“, so Kuhrn. „Digital Natives haben hier natürlich einen anderen Zugang als Menschen, die im Beruf noch die Einführung von Computern erlebt haben.“
In der Folge sollten Personen aus- und weitergebildet werden, die bereits im Gesundheitssystem tätig sind. Dafür braucht es Vorreiter, die die Steigerung der Digital Health Literacy pushen, und das in jeder Abteilung. „Doch das dauert“, sagt Kuhrn. Zum Booster könnten persönliche Ansprechpartner*innen bei Fragen in punkto Anwendung digitaler Tools werden.

Digitale Skills müssen in der Ausbildung breit gelehrt und eingebettet werden.
Dr.in Melanie Kuhrn
Ein Blick in die weitgehend digitalisierten skandinavischen Länder ist zwar verlockend, aber laut Kuhrn nicht immer sinnvoll. Die dortigen Gesundheitssysteme seien mit dem österreichischen hinsichtlich der Struktur nicht immer vergleichbar. Außerdem legten die Skandinavier*innen einen Frühstart in Richtung Digital Health Literacy von Mitarbeiter*innen in Gesundheitsberufen hin. „In Dänemark gibt es schon lange eine etablierte digitale Kommunikationslösung zwischen Patient*innen und Vertreter*innen der Gesundheitsberufe. Hier haben wir Aufholbedarf, können aber auch viel lernen.“ Zum Bespiel: Wie wurde das implementiert? Wie werden die gewonnenen Daten genutzt? In Österreich müssen bei der Umsetzung gesetzliche Rahmenbedingungen, der Datenschutz und das Kompetenz-Splitting zwischen Bund und Ländern, der Sozialversicherung sowie weiteren Stakeholdern mitgedacht werden. „Das verändert den Prozess zur Steigerung der Digitalkompetenz von Mitarbeiter*innen in Gesundheitsberufen.“
Trotz aller Hürden bleibt Kuhrn Optimistin. „In zehn bis 15 Jahren haben wir eine höhere Digital Health Literacy im Gesundheitssystem. Dann wird die Digitalisierung weniger als Last, sondern als Entlastung wahrgenommen werden.“ Das Ziel der engagierten Medizinerin und Datenexpertin ist es, damit den Happiness-Faktor in Gesundheitsberufen zu steigern. „Wenn alles nach Plan läuft, sind 2030 alle Mitarbeiter*innen hoffentlich ein wenig glücklicher.“
Fotos: Titelbild: Freepik; Porträtbild Expertin © Martin Kiffensteiner