
Das digitale Sturzpräventionssystem cogvis erleichtert Pflegekräften den Arbeitsalltag bei sturzgefährdeten Patient*innen und bewahrt sie vor wiederholten Sturzunfällen.
Text: Birgit Weilguni
Im Spital gehören Stürze aus dem Bett zu den häufigsten und folgenreichsten Zwischenfällen. Im Herz-Jesu Krankenhaus Wien wird mit dem digitalen Sturzpräventionssystem cogvis, das auf 3D-Sensorik und künstlicher Intelligenz (KI) basiert, effizient gegengesteuert.
Das System setzt auf einen 3D-Infrarotsensor, Datenverarbeitung via KI, Echtzeitinformationen, aber Monitoring ohne klassische Kamerabilder und daher vollen Datenschutz, um Patient*innenverhalten präzise zu erkennen und Alarm zu schlagen, wenn die Unterstützung der Pflege erforderlich ist. Das System erkennt präzise, wenn Patient*innen das Bett oder den Raum verlassen, stürzen oder sich ungewöhnlich bewegen, und schlägt Alarm, bevor die Situation eskaliert. Aus den erfassten Daten lassen sich Sturzursachen analysieren und künftige Gefahren gezielt ausschalten.
Der Datenschutz bleibt dabei stets gewahrt. In den 3D-Visualisierungen bzw. 3D-Punktwolken sind zwar die Personen selbst nicht zu erkennen, aber es wird deutlich, ob sie aufstehen, stürzen oder den Raum verlassen. Im Herz-Jesu Krankenhaus Wien wurde 2022 der cogvis companion in einem Pilotprojekt eingeführt, was laut dem Unternehmen bis 2023 zu einer Sturzreduktion um 33 % führte. Die Stationen Akutgeriatrie I und II machten den Anfang, dann kam 2024 die Station der Inneren Medizin an die Reihe und demnächst folgen die Orthopädischen Stationen, erklären Carina Auchmann, DGKP, Pflegequalitätsbeauftragte, und Marta Kosaova, DGKP, Bereichsleiterin des konservativen Bereichs im Herz-Jesu-Krankenhaus.
Die Wiener Erfindung cogvis ist seit 2018 auf dem Markt, zunächst auf Österreich fokussiert, mittlerweile auch international. „Heute arbeiten wir mit 260 Kund*innen in sieben europäischen Ländern“, sagt Dr. Rainer Planinc, CEO und Co-Founder des Scale-ups cogvis – das Unternehmen befindet sich bereits in einer beschleunigten Wachstumsphase. Die Weiterentwicklung digitaler Tools im Gesundheitsbereich erfolgt sehr langsam, häufig bedingt durch Kosteneinsparungen oder Personalmangel. Derzeit zeichnet sich eine deutliche Veränderung im Markt ab, das Interesse an digitalen Lösungen steigt.
Carina Auchmann und Marta Kosaova berichten vom laufenden Aus- und Neubau, in dessen Zuge cogvis installiert wird. „Vor einigen Jahren waren die Fehlalarme häufiger, aber die Technik entwickelt sich immer weiter, die Filter wurden verbessert und mittlerweile möchten wir nicht mehr darauf verzichten“, berichtet Kosaova. „Manche Patient*innen benötigen cogvis nicht primär zur Sturzprävention, sondern weil sie aufgrund von Demenz oder ähnlichen kognitiven Veränderungen dazu neigen, den Raum zu verlassen, ohne sich dabei der Gefahr bewusst zu sein. Zusätzlich verwenden wir oft den Abwesenheitsassistenten, der nach einer voreingestellten Zeit alarmiert“, ergänzt Kosaova.
Besonders hervorheben möchten die beiden Pflegekräfte die individuelle Skalierbarkeit. „Wir können die Software bedarfsorientiert und individuell einstellen. Bei hoch sturzgefährdeten Patient*innen können wir cogvis sensibler einstellen als bei Patient*innen, die Bewegungsfreiraum brauchen. Je nach Einstellung und Bewegungsmuster alarmiert das System unterschiedlich häufig“, erklärt Auchmann. „Manche Patient*innen benötigen cogvis nicht aus rein sturzpräventiven Gründen, sondern zum Beispiel aufgrund kognitiver Einschränkungen. Daher verwenden wir oft zusätzlich den Abwesenheitsassistenten, der nach einer voreingestellten Zeit alarmiert“, ergänzt Kosaova. Als leitende Pflegekraft überprüft Kosaova, wie viele Alarme ausgelöst werden und welche Ursachen es dafür gibt. Aus den Fallanalysen werden gemeinschaftlich Verbesserungsmaßnahmen abgeleitet und im Stationsalltag implementiert, etwa Stolperfallen eliminiert oder Nachtkästen auf die andere Bettseite gestellt. „Demnächst sind alle Stationszimmer mit dem System ausgestattet, was uns sehr freut und die Qualität der Versorgung zum Schutz der Patient*innen steigert“, so die versierte Pflegekraft.
Die 3D-Tiefendaten erleichtern die Entscheidung, welche Untersuchungen nach einem Sturz erfolgen müssen, geben aber den Patient*innen genug Privatsphäre, damit diese sich nicht beobachtet fühlen.
cogvis ist nicht die einzige Sturzpräventionstechnologie. Das System setzt jedoch aus Datenschutzgründen nicht auf Kamerasysteme, sondern auf 3D-Sensorik, wie CEO Planinc erklärt. „Wir haben uns bewusst für die 3D-Sensorik entschieden und kombinieren damit das Beste aus drei Welten – Kamera, Radar und 3D-Sensorik –, um die Privatsphäre zu schützen“, so Planinc. Das System erlaubt eine Analyse der Sturzursachen, sodass die Pflegekräfte rasch erkennen können, welche Folgemaßnahmen erforderlich sind. „Es ist ein Unterschied, ob eine Patientin oder ein Patient aus dem Bett rutscht oder auf den Kopf fällt. Erste-Hilfe-Einsätze werden reduziert, ebenso Krankenhauseinweisungen aus dem Pflegeheim, sowie kostspielige bildgebende Untersuchungen wie CT oder MRT“, erklärt der cogvis-Geschäftsführer.
Planinc legt viel Wert darauf zu betonen, dass cogvis nicht nur Patient*innen zugutekommt, sondern auch den Beschäftigten, denn es erleichtert den Arbeitsalltag und unterstützt bei Monitoring und Sturzprophylaxe: „Mit cogvis merkt die Pflege schnell, dass die Nachtdienste stressfreier sind. Dadurch sinkt die Arbeitsbelastung. KI kann somit für ein höheres Sicherheitsgefühl sorgen. Die Botschaft, dass Betreiber*innen von Gesundheitseinrichtungen in die Unterstützung des Personals investieren, ist zudem sehr wichtig für den Pflegeberuf.“ Der CEO betont, dass Pflege künftig nur mit erhöhtem Technologieeinsatz nachhaltig funktionieren könne, denn es gelte, den Arbeitsalltag zu erleichtern.
„Wir brauchen keine Internet-Anbindung“, liefert Planinc ein weiteres Argument für cogvis. Die Daten werden in Echtzeit am Sensor selbst verarbeitet, die Anbindung erfolgt mittels Rufanlage. Ein Sturz löst einen Alarm aus und veranlasst die Pflegekraft, sich rasch um den Fall zu kümmern – ohne die Notwendigkeit eines zusätzlichen Geräts. Sobald eine Pflegekraft im Zimmer ist, kann das Gerät ausgeschaltet werden.
Die Einschulung der Bedienenden erfordert etwas mehr Aufmerksamkeit – auch, um Skepsis auszuschalten und Raum für Fragen zu geben. „Jede Pflegekraft muss das Gerät verstehen, damit es so bedient wird, dass alle davon profitieren: Patient*innen und Pflegende“, so Planinc. „Je positiver und offener Mitarbeiter*innen und Führungskräfte gegenüber KI und Robotik eingestellt sind, desto eher fungieren sie als Multiplikatoren und können weitere Mitarbeitende überzeugen“, ergänzt Kosaova. „Wir setzen auf professionelle Edukation und enge Zusammenarbeit zwischen Führungskräften, der Stabsstelle Pflegequalität und der Herstellerfirma und sind offen für Innovationen. Mittlerweile ist die Akzeptanz sehr gut und die Einschulung erfolgt zügig“, so Auchmann. Auch die Patient*innen werden selbstverständlich vorab per Folder und Gespräch informiert und können rasch überzeugt werden, dass cogvis für sie deutlich mehr Sicherheit bedeutet.
Titelbild: © Herz-Jesu Krankenhaus