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Diskussion um Abnehm-Spritzen

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GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid helfen Menschen mit Adipositas bei der Gewichtsreduktion. Doch sie werden zum Lifestyle-Medikament, das in seltenen Fällen auch schwere Nebenwirkungen haben kann.

Text: Karin Lehner

Die Entwicklung ist ein Meilenstein moderner Pharmakologie: Unter dem Markennamen Ozempic wurde zur Behandlung von Menschen mit Typ-2-Diabetes 2017 Semaglutid zugelassen, weil es den Blutzucker reguliert. Doch dann erkannten Forscher*innen, dass GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Semaglutid, Liraglutid und Tirzepatid, die ein körpereigenes Darmhormon nachahmen, auch bei Menschen ohne Diabetes das Gewicht reduzieren. Sie vermindern den Hunger und verstärken das Sättigungsgefühl. Die Geburtsstunde sogenannter Abnehm-Spritzen wie Wegovy, Mounjaro & Co. Schließlich reduzieren sie bei Menschen mit Adipositas das Körpergewicht laut Studien um bis zu 26 Prozent.

Für Prim. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung mit Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie der Klinik Landstraße, Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Adipositas und Stoffwechselerkrankungen, Vize-Präsident der Österreichischen Diabetes- und Adipositas-Gesellschaft sowie Chefredakteur von „Obesity Facts – The European Journal of Obesity“ sind Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro für Menschen mit einem Body-Maß-Index ab 30 „ein Segen“. Sie werden auch zur Gewichtsreduktion vor bariatrischen OPs eingesetzt. Laut Statistik Austria und der COSI-Studie (Childhood Obesity Surveillance Initiative) leben in Österreich im Schnitt 15 Prozent der Erwachsenen und elf Prozent der Kinder mit Adipositas. „Eine unheilbare, aber behandelbare chronische Erkrankung, auch wenn das von österreichischen Krankenkassen noch immer nicht offiziell anerkannt wird“, kritisiert der Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie. „Damit sind wir auf der Welt fast einzigartig.“

Als Folge wird lediglich das Präparat Ozempic erstattet, und das auch nur mit paralleler Diabetes-Typ-2-Erkrankung. „Das ist für Menschen mit Adipositas eine schwere Diskriminierung. Schließlich bewirkt die Erkrankung übermäßiges Essen und nicht umgekehrt.“ Patient*innen leiden häufig unter Begleiterkrankungen in punkto Herz, Niere oder Leber. Und Tirzepatid kann Veränderungen in Letzterer rückgängig machen. Wie Studien zeigen, reduzieren Abnehm-Spritzen bei Menschen mit Adipositas laut Ludvik „nachweislich das Risko für Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Tod.“

Mittlerweile mutieren Abnehm-Spritzen jedoch zum Lifestyle-Medikament. Immer mehr Gesunde werden damit erfolgreich überschüssige Kilogramm los. Prominente Anwender*innen wie Elon Musk, Oprah Winfrey und Robbie Williams erschlankten deutlich und mutierten zu inoffiziellen Werbe-Testimonials. Anfangs hatte das dramatische Folgen für Menschen mit Diabetes, weil aufgrund des Runs ihre Medikamente ausverkauft waren oder wegen Produktionsengpässen nicht in ausreichender Menge hergestellt werden konnten. Ein medizinisches wie ethisches Problem, das mit der Steigerung der Produktionskapazität jedoch gelöst wurde.

Ludvik sieht den Einsatz von Abnehm-Spritzen abseits medizinischer Indikation dennoch kritisch. „Eine falsche Anwendung kann sogar in die Magersucht führen.“ Bei einer Langzeiteinnahme droht sogar psychische Abhängigkeit. Außerdem müssen Ozempic & Co. lebenslang gespritzt werden, weil sonst der berühmte Jo-Jo-Effekt einsetzt. Nach Absetzen nehmen Patient*innen im Schnitt zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zu, weil der Körper in den Überlebensmodus schaltet und versucht, zum Ursprungsgewicht zurückzukehren. Doch die Dauertherapie geht ins Geld, schließlich kosten GLP-1-Agonisten je nach Dosierung zwischen 240 und 600 pro Monat. Ein einträgliches Geschäft für Hersteller wie Novo Nordisk. Verkauften Wiener Apotheken 2021 durchschnittlich rund 7.300 Spritzen monatlich, waren es im ersten Halbjahr 2025 bereits 19.300. Also fast dreimal so viel. Die Deutsche Gesellschaft für Adipositas mahnte in ihrer Leitlinie von 2024 bereits zur Zurück-haltung: Medikamente wie Semaglutid können Menschen mit Adipositas helfen, aber sie ersetzen keine Lebensstiländerung. Ein Teil der Behandelten spricht auch nicht ausreichend darauf an.

Risiko für Galle und Augen

Natürlich haben auch Abnehm-Spritzen Nebenwirkungen. „15 Prozent der Anwender*innen leiden zu Behandlungsbeginn unter Übelkeit oder Erbrechen. Doch das verschwindet wieder“, weiß Ludvik aus der Praxis. Was bleibt, ist das erwünschte Völle-Gefühl. „Darum wird die Dosis bei medinisch induzierter Einnahme erst langsam gesteigert.“ Obwohl GLP-1-Agonisten körpereigene Substanzen enthalten und gut verträglich sind, machen mittlerweile auch seltene schwere Nebenwirkungen Schlagzeilen, beispielsweise Bauchspeicheldrüsenentzündungen. „Das passiert aber nur, wenn es bei der Gewichtsabnahme zu Gallensteinen kommt, die den Gallengang verstopfen, oder bei bestehender Cholelithiasis“, ordnet Ludvik ein. Vor der Einnahme sei ein Ultraschall empfohlen. Und, wenn notwendig, die operative Entfernung der Gallensteine. „Doch grundsätzlich verringern Abnehm-Spritzen das Bauchspeichendrüsenentzündungsrisiko, weil sie schädliche Triglyzeride senken.“

In Diskussion waren Semaglutid & Co. kürzlich auch in Zusammenhang mit der seltenen Augenerkrankung NAION (nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie). „Einer Schädigung des Augennervs, die zu Erblindung führen kann, vor allem bei Menschen mit Diabetes“, erklärt Ludvik. Statistisch gesehen betrifft sie eine beziehungsweise einen von 10.000 Anwender*innen.

Portrait Bernhard Ludvik (c) Feelimage:matern

Semaglutid kann in seltenen Fällen zur Schädigung des Augennervs und Erblindung führen, vor allem bei Menschen mit Diabetes.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik

Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung mit Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie der Klinik Landstraße

Pille statt Spritze

US-Behörden ließen im Dezember 2025 die erste Abnehm-Pille zu. Die Tabletten sind deutlich günstiger in großen Mengen herstellbar als Spritzen und erhöhen die Nachfrage als Konsumprodukt wohl noch einmal deutlich, weil die Abnehm-Medikamente nun auch für Menschen attraktiv sind, die unter einer Nadelphobie leiden. Auch die Zulassung in der EU wird erwartet. Ludvik rechnet mit einer spürbaren Preissenkung und breiteren Kostenübernahme durch Krankenkassen. „Auch Statine waren zu Beginn teuer und wurden aufgrund des Preises anfangs nur eingeschränkt bezahlt.“

Finanz-Analysten prophezeien bis 2030 einen Abnehm-Medikamentenmarkt von 100 bis 180 Milliarden Dollar pro Jahr. Bis 2040 könnten die Medikamente zur Gewichtsreduktion mehr als eine halbe Milliarde Menschen erreichen. Und damit zur weltweit größten Wirkstoffklasse werden, mit allen Vor- wie Nachteilen.

Fotos: Titelbild (c) Freepik; Portrait Bernhard Ludvik (c) Feelimage:matern

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