
Rettungskräfte arbeiten oft am Limit ihrer körperlichen Belastbarkeit. Moderne Ergonomie kann dabei helfen, Gesundheit und Karriere zu erhalten.
Text: Rosi Dorudi
Enge Treppenhäuser, verwinkelte Wohnungen, unwegsames Gelände – und mittendrin Rettungskräfte, die schweres Equipment und Patient*innen auf Tragen manövrieren müssen. Der Alltag im Rettungsdienst ist körperliche Schwerstarbeit: Heben, Tragen, Schieben und Ziehen erfolgen häufig unter Zeitdruck und in ergonomisch ungünstigen Positionen. Diese dauerhafte körperliche Belastung bleibt nicht ohne Folgen: Rücken-, Gelenk- und Muskelbeschwerden entwickeln sich bei vielen Rettungskräften zu typischen Beschwerden. „Wer im Rettungsdienst langfristig einsatzfähig bleiben will, muss auf den eigenen Körper achten“, weiß Rettungssanitäterin Julia Baumgartner aus eigener Erfahrung. Nach drei Jahren im Einsatz bei der Rettung in Unterach am Attersee kennt sie die physischen Herausforderungen des Berufs genau. Diese Praxiserfahrung motivierte sie, Ergotherapie an der FH Gesundheitsberufe OÖ zu studieren.
„Ein zentraler Bestandteil des Studiums ist Ergonomie“, erklärt Baumgartner. „Sie vermittelt angehenden Therapeut*innen, wie sie Menschen in ihren Alltagsaktivitäten so unterstützen können, dass Gesundheit und Leistungsfähigkeit erhalten und gestärkt werden.“ Im Studium stehen dabei vor allem praxisnahe Lösungen im Fokus: korrektes Heben und Tragen, Bewegungsabläufe, die Rücken und Schultern entlasten, sowie ein bewusster Umgang mit körperlicher Belastung. „Diese Techniken sind für meine Tätigkeit als Rettungssanitäterin besonders relevant“, sagt sie. Das theoretische Wissen lasse sich direkt in die Praxis übertragen – etwa durch körperschonende Bewegungsabläufe, ohne Sicherheit oder Arbeitsprozesse zu beeinträchtigen.
Teil der Ausbildung zur Ergotherapeutin ist ein selbst gewähltes Praxisprojekt – eine Chance, die Baumgartner konsequent nutzte. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Lea Sophie Fugger, Yasemin Konrad und Sandra Zauner entwickelte sie das Projekt „Ergonomie im Rettungs-Alltag“, das Theorie und ihre tägliche Realität als Sanitäterin miteinander verbindet. Der erste Schritt war eine Bestandsaufnahme der körperlichen Schwachstellen: Wo entstehen die größten Belastungen? Welche Bewegungen sind besonders problematisch? Das Team analysierte systematisch die Schwachstellen im Rettungsalltag – von schweren Tragetaschen über ungünstige Hebepositionen bis hin zum stundenlangen Sitzen im Fahrzeug. „Besonders kritisch wird es beim Transport von Patient*innen“, so Baumgartner. Schon die leere Trage bringt ein erhebliches Eigengewicht mit, mit einer Person darauf wird die Last zur echten Herausforderung – vor allem in engen Stiegenhäusern. „Wir müssen Patient*innen über Leitplanken heben, durch verwinkelte Gänge tragen oder in den Rettungswagen verladen – jede dieser Bewegungen fordert den Körper extrem“, schildert sie. Selbst scheinbar harmlose Routinen wie das ständige Ein- und Aussteigen ins Fahrzeug hinterlassen auf Dauer ihre Spuren.
Besonders fordernd sind Reanimationen: intensive Muskelarbeit in Zwangshaltung, kombiniert mit hoher Ausdauerleistung. „Solche Einsätze kommen zwar nicht täglich vor – aber wenn, dann sind die Anforderungen immens“, sagt Baumgartner. Hinzu kommt ein oft unterschätztes Problem: falsch erlernte Bewegungsmuster, die sich über Jahre verfestigen, zur unbewussten Routine werden und langfristig zu chronischen Beschwerden führen können.






Ergonomische Übungen für Rettungskräfte

Julia Baumgartner und Kolleginnen

Vortrag
Aus der Analyse entwickelte das Team ein konkretes Gesamtkonzept: einen praxisorientierten Workshop, ergänzt durch ein übersichtliches Plakat mit Übungen zur korrekten Körperhaltung, speziell zugeschnitten auf den Rettungsdienst-Alltag. Im Workshop zeigten Baumgartner und ihre Kolleginnen, wie bereits kleine Anpassungen große Wirkung entfalten können. Die Bandbreite reicht von rückenschonenden Hebetechniken über die ergonomische Einstellung der Sitze im Einsatzfahrzeug bis hin zu gezielten Dehnübungen, die nach Schichtende Verspannungen vorbeugen.
„Das Plakat dient dabei als schnelle Gedankenstütze im Alltag – ein visueller Begleiter, der die wichtigsten Techniken auf einen Blick zusammenfasst“, erklärt Baumgartner. „Zwar ist Ergonomie auch Teil der Rettungsausbildung, doch im Trubel der umfangreichen Ausbildungsinhalte gerät die korrekte Körperhaltung oft in den Hintergrund. Unser Plakat soll das Bewusstsein dafür schärfen und die bereits erlernten Grundlagen vertiefen.“
Zentral ist für sie, dass jede Rettungskraft lernt, Ausrüstung individuell anzupassen – ob Rucksack, Geräte oder Fahrzeugsitz. Ebenso wichtig ist es, Bewegungsabläufe regelmäßig bewusst einzuüben. Denn nur wer versteht, warum bestimmte Bewegungen dem Körper schaden und wie sich Belastungen konkret vermeiden lassen, wird sein Verhalten dauerhaft ändern – und damit aktiv in die eigene Gesundheit investieren.
Fotos (c) Julia Bamgartner