
Emotionale Intelligenz, Big Data, KI: Das 22. Forum Hospital Management diskutierte, welche Formen von Intelligenz das Gesundheitswesen der Zukunft braucht – und wo die Grenzen liegen.
Intelligenz ist heute nicht anders als früher ein wesentlicher Faktor für Erfolg im Berufsleben. Das zeigt eine Metaanalyse von 551 Studien, die zwischen 1973 und 2020 durchgeführt wurden. „Sowohl kognitive als auch emotionale Intelligenz zählen zu den wesentlichen Einflussfaktoren hinsichtlich Einkommen, Aufstiegserfolg und Karrierezufriedenheit”, sagt ao. Univ.-Prof. Dr. Johannes Steyrer, wissenschaftlicher Leiter des MBA-Studiengangs Health Care Management an der WU Executive Academy und Co-Autor der Datenauswertung.
Präsentiert wurde die Analyse aus Anlass des 22. Forum Hospital Management, der jährlichen Konferenz für Fach- und Führungskräfte aus Gesundheitswesen, Medizintechnik und der pharmazeutischen Industrie. Diese gemeinsame Initiative des Universitätsklinikums AKH Wien, der Executive Academy der Wirtschaftsuniversität Wien und der Vinzenz Gruppe widmete sich in diesem Jahr dem Thema „Intelligenz und smarte Lösungen für die Gesundheit.“
Intelligenz hat viele Facetten: Analytische Schärfe, emotionale Kompetenz, organisatorisches Geschick, technologische Innovation und viele mehr. Das Gesundheitswesen ist heute von Fachkräftemangel, Ressourcenknappheit und steigenden Erwartungen mehr herausgefordert denn je. Um diesen zu begegnen, ist Intelligenz in allen Formen ebenso gefragt wie kluge Antworten und die Fähigkeit, sie umzusetzen.
Einst habe man Intelligenz mit Wissen gleichgesetzt, sagte Dr. Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe. „Heute ist so viel Wissen wie nie zuvor auf Knopfdruck verfügbar. Und trotzdem haben wir nicht weniger Baustellen als früher.” Seien es überforderte Strukturen oder Patient*innen auf der Suche nach dem „best point of service”: Um den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft begegnen zu können, brauche es Intelligenz auf allen Ebenen: zwischenmenschlich, organisatorisch und technologisch.
Die herausragende Bedeutung der emotionalen Intelligenz unterstrich die Psychologin, Neurowissenschafterin und Managementberaterin Dr.in Svea von Hehn. Diese zeichne sich aus durch die Fähigkeit zu Selbstwahrnehmung, Selbstregulierung, Empathie und Beziehungsmanagement und ermögliche Achtsamkeit und Offenheit, beides „Booster” für kognitive Leistung und Belastbarkeit, so von Hehn. Emotionale Intelligenz gehöre zu den wichtigsten „Future Skills”, besonders für Führungskräfte: Laut einer Gallup-Studie zählt mangelnde emotionale Intelligenz der Führung zu den Hauptgründen, warum Arbeitnehmer*innen ein Unternehmen verlassen.









Forum Hospital Management

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Michael Heinisch auf der Bühne

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Was wir derzeit über menschliche Intelligenz wissen, fasste beim Forum Hospital Management die Psychologin Prof.in Elsbeth Stern von der ETH Zürich zusammen. Die Genetik erklärt einen Großteil der IQ-Unterschiede, auch wenn die ursächlichen Gene noch kaum identifiziert wurden. Wobei höhere Intelligenz nicht notwendigerweise immer ein Vorteil sein muss. Nicht in allen, aber doch in vielen Aufgabenfeldern ließe sich geringere Intelligenz durch Erfahrung und Wissen kompensieren, so Stern. Das liege unter anderem daran, dass das menschliche Arbeitsgedächtnis leistungsfähiger wird, wenn Vorwissen mobilisiert wird. Das Fazit der Forscherin: Wissen wird eine wichtige individuelle Kompetenz bleiben, die nicht outgesourct werden sollte. Und: Intelligenz ist kein Garant für die Abwesenheit negativer Persönlichkeitsmerkmale, weshalb sich Recruiter*innen nicht allein am IQ orientieren sollten.
Das Potential von Big Data und Künstlicher Intelligenz für die klinische Versorgung diskutierte Prof. Paolo Parini von Karolinska Hospital in Stockholm. Big Data hilft dabei, nicht nur einzelne Variablen, sondern das große Ganze zu sehen.
Krankenhäuser produzieren große, strukturierte Datensätze in guter Qualität. Doch die Herausforderung sei, Big Data mit klaren Governance-Regeln zu versehen, die im Einklang mit Sicherheit und Datenschutz stehen, so der Experte. Role Models seien föderierte Datenbanksysteme, die sich durch Dezentralität auszeichnen.
Big Data erlaubt beispielsweise die Nutzung von „Digitalen Zwillingen“, wie sie am Karolinska Hospital bereits erprobt werden. Bei diesem Konzept handelt es sich um eine virtuelle Repräsentation eines Objekts oder Prozesses, an der Abläufe simuliert werden. So können etwa medizinische Interventionen parallel an tausenden virtuellen Abbildern eines einzelnen Menschen getestet werden, um die beste Maßnahme zu eruieren.
Trotz dieser und anderer spannender Use Cases werden KI und verwandte digitale Technologien Fach- und Führungskräfte im Gesundheitswesen nicht ersetzen – neben Software sei "Brainware" entscheidend, so Parini. Doch wer KI-Anwendungen verstehen und verantwortungsvoll nutzen kann, sei in Zukunft entscheidend im Vorteil (RED).
Fotos: Titelbild und Galerie (c) Kawka