
Bei der Versorgung von Frühgeborenen zählt jede Sekunde. Die MedUni Graz bietet eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Weiterbildung für Fachärzt*innen an.
Text: Sebastian Deiber
2024 kamen 6,4 Prozent aller Neugeborenen vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh auf die Welt. Da ihre Organe noch nicht vollständig gereift sind, benötigen Frühgeborene spezielle medizinische Aufmerksamkeit und Unterstützung. Besonders vulnerabel sind extreme Frühgeborene, die vor der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Diese entwickeln häufig, bedingt durch Surfactant-Mangel, das Atemnotsyndrom des Frühgeborenen (IRDS). Auch andere Probleme Frühgeborener, wie etwa die Sensitivität der Haut oder die große Kälteempfindlichkeit, sind besonders ausgeprägt.
Extreme Frühgeborene benötigen daher umfassende akut- und intensivmedizinische Betreuung an hochspezialisierten Zentren wie der Klinischen Abteilung für Neonatologie der Medizinischen Universität Graz. Zu den typischen Maßnahmen zählen die Stabilisierung der Atmung durch Maskenbeatmung, künstliche Ventilation oder die Gabe von Surfactant, erklärt Ausbildungsoberarzt Priv.-Doz, DDr. Lukas Mileder. „Auch das Management des neonatalen Wärmehaushalts ist komplex und benötigt spezialisiertes Personal und Equipment, wie etwa Wärmestrahler, befeuchtete und erwärmte Atemgase und die unerlässlichen Inkubatoren.“
Extreme Frühgeborene kommen jedoch mitunter auch in Krankenhäusern ohne Spezialexpertise oder gar präklinisch zur Welt, etwa aufgrund einer besonders plötzlichen Geburt. „Dann ist es wichtig, dass es vor Ort Personal gibt, das weiß, was zu tun ist“, sagt Mileder.

Unseres Wissens gibt es für die Versorgung Frühgeborener kein anderes Format im deutschsprachigen Raum, das Theorie und interaktive Praxis-Sessions in einem Curriculum kombiniert.
Priv.-Doz, DDr. Lukas Mileder
Aus diesem Grund hat Mileder zusammen mit Univ.-Prof. Dr. Gerhard Pichler und weiteren Kolleg*innen der Grazer Neonatologie ein Weiterbildungsangebot für Fachärzt*innen entwickelt, das vergangenes Jahr Premiere feierte. Im Laufe von drei Kurstagen eigneten sich die 16 Teilnehmenden sowohl evidenzbasierte Theorie als auch Praxiswissen an: An zwei Nachmittagen lag der Fokus auf den Abläufen und Handgriffen für die Stabilisierung und Reanimation von Frühgeborenen, etwa dem Legen von Gefäßzugängen, der Intubation und schonenden Beatmung, sowie auf dem Teamaspekt einer Frühgeborenen-Erstversorgung.
Ein Herzstück des Praxisteils waren die Trainings an „Simulationspuppen“ (engl. Manikins). Dazu gehörten auch komplexe Modelle, die zum Beispiel die Atemwege von Frühgeborenen realistisch wiedergeben und Atmung, Zyanose sowie verschiedenste weitere Symptome simulieren. Als natürliches Trainingsmodell für Gefäßzugänge kamen unter anderem echte Nabelschnüre zum Einsatz, die von Geburten am Zentrum stammten. In jenen Praxis-Sessions, in denen das Management eines Frühgeborenen anhand ausgewählter klinischer Szenarien im Team trainiert wurde, arbeiteten die Teilnehmenden in zwei Gruppen. Dabei übernahm eine Gruppe die aktive und die andere die beobachtende Rolle. Im Anschluss wurde das Geschehene in Reflexionsrunden analysiert und Feedback ausgetauscht. So wurde die Praxis in einem realistischen Team-Gefüge geübt und das Verhalten zur weiteren Verbesserung der Teamleistung gemeinsam reflektiert.
Zwar gebe es wissenschaftliche Kongresse zum Thema, doch spezialisierte Weiterbildungsmöglichkeiten seien in dieser Form selten, so Mileder: „Unseres Wissens nach gibt es für die Versorgung Frühgeborener kein anderes Format im deutschsprachigen Raum, das Theorie und interaktive Praxis-Sessions in einem Curriculum kombiniert.“
Zu den Teilnehmenden des Premierenkurses zählten sowohl Assistenzärzt*innen am Beginn der neonatologischen Ausbildung als auch erfahrene Fachärzt*innen aus der Pädiatrie, die sich mehr Routine im Umgang mit Frühgeborenen aneignen wollten. Die Resonanz war durchwegs positiv, so Mileder: „Die Teilnehmenden schätzten besonders, dass sie die theoretischen Erkenntnisse im selben Kurs praktisch üben konnten, anstatt dafür eine separate Weiterbildung besuchen zu müssen.“
Aufgrund des Erfolges ist eine Fortsetzung des Angebots geplant. „Wir werden die Weiterbildung zumindest einmal jährlich anbieten und die Kurse für die fachdidaktische Forschung auch wissenschaftlich begleiten“, so Mileder. „Außerdem arbeiten wir daran, darüber hinaus Fortsetzungs- und Auffrischungseinheiten für jene Teilnehmenden anbieten zu können, die ihre Kenntnisse weiter stärken oder vertiefen wollen. Bis dahin hoffen wir, dass unser Programm ein Vorbild für ähnliche Formate sein wird.“
Fotos: Titelbild & Expertenfoto © Med Uni Graz