
Evelyn Holley-Spiess und Ruth Reitmeier verbinden in „Diagnose Arbeit: Wie ein gesundes Arbeitsleben möglich ist“ gekonnt umfassend recherchierte Daten und Fakten zu Arbeit und Gesundheit mit zehn Lebensgeschichten aus unterschiedlichen Branchen.
Text: Birgit Kofler
„Arbeit an sich macht weder krank noch unglücklich. Arbeit an sich macht weder krank noch unglücklich. Der Mensch braucht Arbeit – und das nicht nur, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Arbeit kann eine wichtige Ressource sein: Sie gibt unserem Leben Struktur, im Berufsleben werden Erfahrung und Kompetenz erlangt. Arbeit eröffnet Chancen auf persönliche Entfaltung, Entwicklung, Anerkennung und soziale Teilhabe. Arbeit kann sinn- und identitätsstiftend sein“, schreiben Mag.a Evelyn Holley-Spiess und Dr.in Ruth Reitmeier in ihrem neuen Buch „Diagnose Arbeit“. „Zugleich birgt Arbeit ein signifikantes Zerstörungspotenzial. Sie kann gesund erhalten, aber auch krank machen.“
Wie sehr, zeigen die Daten, mit denen die beiden Journalistinnen ihr Thema ausleuchten: Frauen in Österreich werden im Schnitt 84,2 Jahre alt, Männer 79,4. In guter Gesundheit verbringen sie davon aber nur 61,3 beziehungsweise 60,6 Jahre, wie Daten von Statistik Austria beziehungsweise Eurostat aus dem Jahr 2023 zeigen. Gleichzeitig soll länger gearbeitet werden, um den Fachkräftemangel abzufedern und das Pensionssystem zu entlasten.
„Gesundheit und Arbeit – sie bilden eine Symbiose. Das eine funktioniert besser mit dem anderen und umgekehrt“, schreiben Holley-Spiess und Reitmeier. Entsprechend breit ist der analytische Teil angelegt: Er behandelt den demografischen Wandel, Krankenstände und die Kosten berufsbedingter Erkrankungen, Arbeitsbedingungen und Organisationskultur, betriebliche Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz. Laut der Arbeitskräfteerhebung 2020, einer Befragung von Statistik Austria, fühlen sich 86,4 Prozent der Beschäftigten mindestens einem gesundheitlichen Risiko am Arbeitsplatz ausgesetzt. Eine Wifo-Studie, auf die sich das Buch stützt, nennt Prävention den wirksamsten Hebel gegen berufsbedingte Erkrankungen und ihre Kosten. Beim Wiedereinstieg nach langer Krankheit zählt Österreich laut einem Bericht der EU-Agentur EU-OSHA zwar zu den Best-Performern in der EU, bei Verbindlichkeit und Koordination der Beteiligten zeigen sich aber deutliche Schwächen gegenüber anderen Ländern. Es sei wichtig, „zu wissen, welche Ansätze anderswo funktionieren und was sich Österreich davon abschauen kann,“ schreiben die Autorinnen.
Große Raum im Buch nehmen zehn ausführliche Interviews ein. Die Gesprächspartner*innen kommen aus Politik und Arbeitsmarkt, Gastronomie, Sport und Kultur, Medizin und Pflege, auch ein Maschinenführer und ein Baggerfahrer sind vertreten. Sie sprechen offen über Burnout und Schlafstörungen, Panikattacken, einen Schlaganfall, chronische Schmerzen und schwere Unfälle, aber auch darüber, was ihnen auf dem Weg zurück in die Arbeitswelt geholfen hat: Auszeiten, Therapie, ein verändertes Mindset, ein neues Organisationskonzept oder ein Arbeitsplatz, der besser passt. AMS-Vorstand Johannes Kopf etwa nahm sich nach Burnout und Ängsten rund vier Monate Auszeit. Heute, sagt er im Interview, erreichten ihn „die Dinge emotional nicht mehr so wie früher“. „Mit ihrem Vertrauen, ihrem Mut und vor allem ihrer Offenheit haben sie ein Tabu gebrochen und gezeigt: Über Krankheit kann und muss gesprochen werden – gerade auch im beruflichen Kontext“, danken die Autorinnen ihren Gesprächspartner*innen.
Zu den Autorinnen
Mag.a Evelyn Holley-Spiess ist Sachbuchautorin und Sozial- und Gesundheitsjournalistin. Sie war Gründungsmitglied der Tageszeitung „WirtschaftsBlatt“, wo sie sich viele Jahre mit Arbeitsmarktpolitik beschäftigte. Danach war sie Kommunikationschefin der Wiener Gebietskrankenkasse und als PR- und Kommunikationsexpertin bei weiteren Stakeholdern im Gesundheitswesen tätig, bevor sie in den Journalismus zurückkehrte. Die Wienerin studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien und ist laut Impressum auch Geschäftsführerin und Herausgeberin des Verlags.
Dr.in Ruth Reitmeier ist Autorin und Wirtschaftsjournalistin. Beim „WirtschaftsBlatt“ war sie Ressortleiterin International und Blattmacherin. Sie promovierte 1994 an der Universität Wien, ihre Dissertation widmete sich dem Thema „Frauenkarrieren im österreichischen Journalismus: Sozialisationsprozesse, Barrieren, Veränderungsstrategien“.
Buchtipp
Evelyn Holley-Spiess & Ruth Reitmeier: Diagnose Arbeit. Wie ein gesundes Arbeitsleben möglich ist. Ampuls Verlag, Hardcover, ca. 180 Seiten, 29,90 €, ISBN: 978-3-9505385-2-6, www.ampuls-verlag.at
Fotos: © AmPuls Verlag