
In der Medizingeschichte wurde mit Aderlass, Kälte, Tabak & Co. therapiert. Die moderne Medizin entdeckt alte Heilmethoden nun wieder und interpretiert sie neu.
Text: Karin Lehner
In der Antike wurden Patient*innen beim Aderlass um 1,5 bis 2 Liter Blut erleichtert. Mit gesundheitlich oft schwerwiegenden Folgen. Aufgrund einer Fehlberechnung der Blutmenge des Menschen war das schlicht zu viel. Doch auch in der modernen Medizin wird das Verfahren eingesetzt, beispielsweise an der renommierten Berliner Charité. Hier werden damit Bluthochdruck-Patient*innen therapiert, die auf keine Medikamente ansprechen. Natürlich werden heute nur mehr 50 bis maximal 200 Milliliter Blut abgenommen. Die Dosis macht das Gift.
Prof. in Dr. in Daniela Angetter-Pfeiffer ist Wissenschaftshistorikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Autorin des Buches „Rausch, Gift und Heilung. Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen“, erschienen im Amalthea Verlag. Sie diagnostiziert „das Comeback alter Heilverfahren“. So schenkt der Aderlass heute auch Menschen Hoffnung, die an der Eisenspeicher-Krankheit leiden. „Er befreit den Körper von überschüssigem Eisen.“
Auch die Kältetherapie ist wieder en vogue. Fans des Eisbadens kurbeln damit ihr Immunsystem an. Die Sanitäterin des Roten Kreuzes rät allerdings zur Vorsicht. „Kälte kann tödlich sein und sollte immer nur nach einem ärztlichen Check angewandt werden.“ In der burgenländischen Klink Oberpullendorf werden Minusgrade heute etwa in der Onkologie eingesetzt, zur Therapie von Nierenkrebs. Vereinfacht ausgedrückt, werden Tumore hier vereist. Für den Körper ist das schonender als eine große OP.
Das Opioid Fentanyl wurde einst als hochwirksames Schmerzmittel entwickelt, wurde jedoch in einer Reihe von Ländern auch zu einer besonders gefährlichen Droge. Bei Überdosierung sorgt es häufig für einen Atemstillstand. Heute wird Fentanyl als Schmerz-Pflaster eingesetzt, aber auch auf Palliativstationen und im Rettungswesen. Auch Morphium wurde zur Schmerzlinderung erforscht. „Doch in Saft-Form wurde es in der Geschichte zum Baby-Killer und machte Soldat*innen im Deutsch-Französischen wie Sezessions-Krieg in großer Zahl abhängig“, weiß Angetter-Pfeiffer. Richtig dosiert, findet es heute in der Schmerztherapie wie Onkologie Anwendung.
LSD diente in der Forschung der 50er Jahre dazu, bei Proband*innen psychische Krankheiten zu simulieren. Heute wird es zur Behandlung von Angstzuständen, Depressionen und Alkoholismus eingesetzt. In Australien werden Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung mittlerweile sogar mit Ecstasy therapiert.

Wir müssen für den Erfindergeist von Forscher*innen und Mut von Patient*innen in früheren Zeiten dankbar sein. Das legte oft die Basis für moderne Medizin.
Prof. in Dr. in Daniela Angetter-Pfeiffer
Napoleon setzte vor wichtigen Schlachten auf die angeblich gesundheitsfördernde Wirkung von hochdosierten alkoholischen Duftwässern wie Kölnisch-Wasser. „Er trank bis zu 60 Flakons“, weiß Angetter. Auch aktuell ist Alkohol, niedrig dosiert zur Konservierung und Stabilisierung, in vielen (Medizin-) Produkten enthalten, zum Beispiel in COPD- oder Asthma-Sprays. Ebenso in Toastbrot, Schokolade und Backwaren. „In richtiger Menge kein Problem“, analysiert die Autorin. „Schließlich hat der Mensch von Natur aus zwischen 0,0002 und 0,0003 Prozent Alkohol im Blut.“
Sogar Coca-Cola galt einst ein Heilmittel. Sein Erfinder war der US-Apotheker John Pemberton, der 1887 nach einem Rezept gegen Kopf- und Zahnschmerzen, Heuschnupfen oder Impotenz suchte. Damals enthielt es die Wirkstoffe der Cola-Pflanze und tatsächlich Kokain, rund 250 Milligramm pro Liter. Heute ist das aber nicht mehr der Fall. Und statt einer Heilwirkung wird für die populäre Brause eine Zuckersteuer diskutiert.
Auch wenn es paradox klingt, wurden Lungenleiden von 1860 bis 1980 mit Asthma-Zigaretten therapiert. So erhielten ein krampflösende Atropin-Sulfat von giftigen Pflanzen wie Tollkirsche, Stechapfel oder Engelstrompete. „Es half gegen Symptome, bekämpfte aber nicht die Ursache“, so Angetter-Pfeiffer. Heute ist Atropin ein Fixstarter im Notfallmedikamentenkoffer von Soldaten, für den Fall eines Atomangriffs. Und bei der Augen-Untersuchung dient es zur Erweiterung von Pupillen.
Sogar Tabakrauch war in der Medizingeschichte einmal populär. Via Klistierspritze als Einlauf verabreicht, löste er Verstopfungen und diente auch der Wiederbelebung Ertrinkender. „Die Aktivierung des Darms sollte gegen Unterkühlung helfen“, erläutert die Autorin. „Auch auf Schiffen war das Verfahren früher wesentlich.“ Wie aktuelle Studien zeigen, hat sogar Nikotin seine guten Seiten. Bei Affen mit Parkinson verringert es ihre unnatürlichen Bewegungen. Und bei menschlichen Proband*innen schützt ein Nikotin-Pflaster das Gehirn vor Nervengift. Die Wiener Universität für Bodenkultur ist bei der Erforschung federführend.
1949 ging der Medizin-Nobelpreis an den Portugiesen Antonio Egas Moniz. Er bohrte psychisch Kranken mit einem eispickelartigen Werkzeug oberhalb des Auges ins Gehirn und durchtrennte Nervenbahnen, was oft zu schweren Persönlichkeitsveränderungen führte. Inzwischen wurde die Methode weiterentwickelt und wird heute in Form einer Entlastungs-Drainage bei der Behandlung eines Blutergusses im Gehirn nach einem Schlaganfall eingesetzt. Oder minimalinvasiv bei Menschen mit Epilepsie, die nicht auf Medikamente reagieren.
Beethoven komponierte seine Musik trotz Taubheit. Das gelang via Knochenleitung. Er klemmte sich einen Stab zwischen die Zähne und drückte das andere Ende ans Klavier. Die Schwingungen des Instruments wurden als Vibration über den Stab und den Kieferknochen direkt an sein Innenohr geleitet. So konnte er Musik wahrnehmen. Heute wenden Taucher*innen das Verfahren an, für die Kommunikation abseits von Handzeichen. Ebenso Soldat*innen. „Via Schall-Sensoren wird in ihren Helmen Information übertragen, wenn es im Hintergrund laut ist“, so die Autorin.
Natürlich wird altes Wissen in der modernen Medizin neu interpretiert. Und nur, nachdem die Wirkung in evidenzbasierten Studien eindeutig nachgewiesen wurde. „Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz hat der Mensch mit all seiner Erfahrung immer noch seinen Platz“, resümiert Angetter-Pfeiffer. „Wir müssen dankbar sein, welchen Erfindergeist Forscher*innen und Mediziner*innen in früheren Zeiten hatten. Und welche Strapazen Patient*innen auf sich nahmen, um Heilverfahren am eigenen Leibe zu erproben. Sie riskierten ihren Tod, legten damit aber die Basis für moderne Medizin.“
Fotos: Titelbild Montage aus Cover von „Rausch, Gift und Heilung. Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen“ Amalthea Verlag und Portrait von Daniela Angetter-Pfeiffer
Testimonial: Portrait Daniela Angetter-Pfeiffer (c) Maren Jeleff Photography