Eva Holzmairs Roman „Wolkenschwer“ beschreibt Demenz als Beziehungsgeschehen. Eine präzise Darstellung von Rollen, Angehörigenarbeit und die Erfahrungsdimension von Gesundheitsversorgung.
Text: Birgit Kofler
Eva Holzmair ist vielen als Krimiautorin bekannt, unter anderem durch ihren vielschichtigen Kunstkrimi „Der Verdrüssliche“, der auch psychische Erkrankungen thematisiert. Die gebürtige Niederösterreicherin, die Dolmetsch studiert hat und als Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin arbeitet, ist seit Jahren auch literarisch tätig und hat neben Krimis auch Theaterstücke, Erzählungen und Romane veröffentlicht. In ihrem neuen Roman „Wolkenschwer“ richtet sie den gewohnt präzisen Blick gekonnt und gelungen auf ein anderes Feld: auf Krankheit, konkret auf Demenz und auf das, was diese mit Rollen und Verantwortung macht.
„Wolkenschwer“ ist ein literarischer Text über die Entwicklung einer Erkrankung als Beziehungsgeschehen. Erzählt wird aus der Perspektive einer erwachsenen Tochter, deren Mutter zunehmend an Demenz leidet. Das Gedächtnis, das immer mehr Stützen braucht, die Verwirrtheit, der fortschreitende Verlust von Erinnerung, Orientierung und Selbstständigkeit verändert nicht nur den Zustand der Mutter, sondern vor allem auch die Beziehung zwischen den beiden Frauen. Die Tochter wird schrittweise zur Koordinatorin, Beobachterin, Entscheiderin und Verantwortlichen — ohne dass diese Rollen so klar benannt oder abgegrenzt wären.
Der Roman beschreibt keine dramatische Zuspitzung, sondern eine langsame Verschiebung von Realitäten. Was anfangs als Irritation erscheint, wird allmählich zum Alltag. Sichtbar wird dabei weniger der medizinische Verlauf der Erkrankung als vielmehr das Leben zwischen Terminen, zwischen Kontakten mit Institutionen, zwischen professioneller Hilfe und familiärer Verantwortung. Wartezeiten, Unsicherheiten, das Treffen wichtiger Entscheidungen und die emotionale Arbeit, die damit verbunden ist, stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dazwischen liefern Rückblenden immer wieder Erinnerungen an die Kindheit der Ich-Erzählerin, an markante Erlebnisse, besondere Ausflüge und den Alltag mit den Eltern.
Der Text ist dabei keineswegs durchgehend schwer oder bedrückend. Immer wieder findet sich zurückgenommener, oft trockener Humor — nicht als Verharmlosung, sondern wohl als eine Form der Distanzierung, des Atemholens. Gleichzeitig lässt der Roman Leser*innen unmittelbar heran an intime Momente zwischen Mutter und Tochter, an Situationen, die üblicherweise privat bleiben. Diese Nähe macht erfahrbar, was sich hinter abstrakten Begriffen wie „Angehörigenarbeit“ oder „Belastung“ verbirgt.
„Wolkenschwer“ zeigt Krankheit nicht als medizinischen Prozess, sondern als sozialen. Als eine Veränderung von Rollen, Kommunikationsformen und Verantwortlichkeiten. Diese Perspektive kann auch für Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, eine interessante Ergänzung zum professionellen Wissen bieten.
Deutlich wird, wie zentral Angehörige für das Funktionieren von Versorgung sind. Sie koordinieren, übersetzen, vermitteln, halten Kontinuität aufrecht und tragen Entscheidungen, für die es keine objektiv „richtige“ Lösung gibt. Diese Arbeit ist für das System unverzichtbar, bleibt aber häufig wenig sichtbar.
Präzision der Beobachtung, Aufmerksamkeit für Details und Zwischentöne und eine klare, unaufgeregte Sprache prägen, ebenso wie die Krimis von Eva Holzmair, auch diesen Text. Gekonnt wechselt die Autorin zwischen Hochsprache und Dialekt, zwischen reflektierender Distanz und unmittelbarer Nähe. Sprache wird selbst zum Ausdruck der Verschiebung, die Demenz mit sich bringt: zwischen Verstehen und Nicht-mehr-Verstehen, zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen dem Versuch, festzuhalten, und dem, was sich entzieht.
„Wolkenschwer“ ist kein Ratgeber und keine Fachlektüre. Als literarischer Text bietet der Roman eine dichte Beschreibung davon, wie Versorgung aus der Perspektive der Angehörigen erlebt wird, und bietet als Material zur Reflexion über die Erfahrungsdimension von Versorgung.

Eva Holzmair. Wolkenschwer
Verlag: Literaturverlag Niederösterreich
Erscheinungsjahr: 2025
ISBN: 978-3-902717-83-1
256 Seiten