
Frauen ticken medizinisch anders als Männer. Studien zeigen, dass auch das Geschlecht behandelnder Ärztinn*en eine Rolle spielen kann. Gendermedizinerin Andrea Dorighi über kleine große Unterschiede.
Text: Karin Lehner
Frauen profitieren, wenn sie im Krankenhaus von einer Ärztin statt von einem Arzt behandelt werden. Das zeigt eine Studie aus Japan. So haben ältere Patientinnen, die von Medizinerinnen behandelt werden, eine geringere Sterblichkeitsrate. Außerdem müssen sie seltener für eine weitere Behandlung ins Spital. Also entscheiden sich Frauen häufiger für die Behandlung von Ärztinnen. Die Unterschiede in punkto Behandlungsqualität und Geschlecht sind zwar klein, aber signifikant. Bei Männern gab es keine. Die Forschergruppe aus Tokio analysierte Informationen zu Patient*innen ab 65, die zwischen 2016 und 2019 in einer Klinik waren. Von den rund 485.000 Patientinnen und 319.000 Patienten wurden etwa 142.000 Frauen (31,1 Prozent) und 97.500 Männer (30, 6 Prozent) von Ärztinnen behandelt.
Doch laut Dr. in Andrea Dorighi, MBA, Leiterin der Geschäftsstelle Geschlechterspezifische Medizin Kärnten, müssen die Daten nicht 1:1 auf Europa übertragbar sein. „Japan hat eine andere Kultur und Bevölkerungsstruktur. Doch geschlechtsspezifische Unterschiede in Medizin und Kommunikation müssen stärker berücksichtigt werden.“
Auch andere Studien zeigen einen Gender Gap in der Medizin. Um zu untersuchen, welche Folge das Geschlecht von Behandelnden auf das Operationsergebnis hat, analysierten Forscher aus dem kanadischen Toronto die Daten von 1,3 Millionen erwachsener Patient*innen. Sie hatten sich zwischen 2007 und 2019 geplanten oder dringlichen chirurgischen Eingriffen unterzogen. Von 1.320.108 Patient*innen und 2.937 Chirurg*innen hatten 602.560 von Ersteren das gleiche Geschlecht wie Zweitere, während in 717.548 Fällen Diskordanz gegeben war.
Bei 189.390 Patient*innen (14,9 Prozent) gab es zumindest eine Komplikation. Besonders auffällig waren mehr Komplikationen bei männlichen Chirurgen und weiblichen Patientinnen. So stieg die Rate schlechterer Behandlungsergebnisse um sieben Prozent.
Ebenso um sieben Prozent erhöht war die Mortalität der Behandelten. Es gab auch neun Prozent mehr direkte Komplikationen. Am auffälligsten war die Situation, wenn Chirurgen Patientinnen operierten. Hier waren die Behandlungsergebnisse im Vergleich zu Chirurginnen deutlich schlechter, mit einer statistisch signifikanten Häufigkeit von plus 15 Prozent. Führten Chirurginnen die Eingriffe an Männern durch, gab es keinen Unterschied.
Das könnte am Dialog zwischen Ärztinnen und Patientinnen liegen. Laut einer 2014 veröffentlichten Studie aus Leipzig sprechen Medizinerinnen im Durchschnitt anders mit Erkrankten als ihre männlichen Kollegen. Bei Krebspatient*innen zeigte sich, dass die Zufriedenheit mit der Behandlung stark von der Qualität der Kommunikation abhängt und sie bei Ärztinnen tendenziell höher bewertet wurde. Die Allgemeinmedizinerin Dorighi überraschen die Ergebnisse nicht. „Ärztinnen sind oft sehr kommunikativ und nehmen sich für Gespräche mehr Zeit.“ Das bestätigt auch eine Untersuchung, die die Länge von Spitalsvisiten verglich. Die von Ärztinnen dauerten im Schnitt länger.

Ärztinnen sind oft sehr kommunikativ und nehmen sich für Gespräche mehr Zeit.
Dr.in Andrea Dorighi, MBA
Doch Frauen ticken auch organisch anders als Männer, beispielsweise in punkto Herz. Vor der Menopause sind sie besser vor einem Infarkt geschützt, nach den Wechseljahren geht der Schutz verloren. Außerdem offenbart eine aktuelle Studie der Universität Innsbruck, dass Frauen in der Öffentlichkeit seltener reanimiert werden. Als mögliche Gründe nennen die Forscher*innen Unsicherheit im Umgang mit dem weibliche Oberkörper und fehlende Schulung. „Um zu sensibilisieren, gibt es bereits Erste-Hilfe-Kurse, bei denen Teilnehmer*innen an Puppen mit weiblichem Torso üben“, weiß Dorighi.
Weil Frauen häufig nicht die typische Enge wie Schmerzen im Brustraum verspüren, sondern Übelkeit, Müdigkeit, Atemnot, Schwindel und ein Ziehen zwischen den Schulterblättern, wird die Rettung oft zu spät gerufen. Selbst wenn das rechtzeitig passiert, fährt aufgrund diffuser Symptome häufig kein Notarzt mit. Also kommen Herzinfarkt-Patientinnen (zu) spät ins Spital. „Im Schnitt sind sie sieben Jahre älter als Männer und sterben auch aufgrund eines schlechteren Allgemeinzustands häufiger“, erläutert Dorighi. „Auch interventionelle Eingriffe im Herzkatheter-Labor oder OPs werden an Frauen nicht im selben Ausmaß durchgeführt wie an Männern.“ Weil Eingriffe oft zu spät kommen, sterben Frauen häufiger an einem Infarkt als Männer.
Auch medizinische Instrumente wurden historisch oft an männliche Körper angepasst. „Frauen haben im Schnitt kleinere Herzen und engere Herzkranzgefäße. Das kann Eingriffe technisch anspruchsvoller machen“, so Dorighi. Bei Männern zeigt sich ein Infarkt meist als kompletter Verschluss eines Hauptgefäßes. Bei Frauen sind hingegen oft die feinen Kapillaren betroffen oder die Gefäße verengen sich schleichend, weshalb die Standardtherapie via Stent technisch nicht möglich oder indiziert ist. „Der Zugang über die Arterie am Handgelenk wird heute bei beiden Geschlechtern bevorzugt“, erklärt Dorighi.
„Doch bei Frauen mit kleineren Gefäßen kann das technisch schwieriger sein.“ Auch Diabetes wird bei Frauen häufig später erkannt. Laut der Gendermedizinerin kann er bei ihnen oft erst im oralen Glukosetoleranztest nachgewiesen werden. Auch Risikofaktoren wie Rauchen, hohe Blutfettwerte und Bluthochdruck haben Auswirkung auf die Entwicklung von Diabetes und fallen bei Frauen stärker ins Gewicht. Dazu kommen frauentypische Risiken wie Schwangerschafts-Vergiftung, -Zucker und -Hypertonie sowie Aborte und Frühgeburten. Eine negative Rolle spielen auch die Stoffwechselstörung polyzystisches Ovar und eine frühe Menopause.
Obwohl Frauen und Männer medizinisch unterschiedlich ticken, gelten Letztere als Norm.„Dabei sind wir wie Äpfel und Birnen. Wir unterscheiden uns in vielen physiologischen Parametern“, beschreibt es Dorighi. Das weibliche Geschlecht ist meist kleiner gebaut, hat weniger Muskulatur und Wasser-, aber mehr Fettanteil. Die andere Hormon-Situation wirkt sich auch in punkto Medikation aus, zum Beispiel in der Anästhesie. „Frauen sind häufiger von Post-Narkose-Übelkeit betroffen als Männer“, so Dorighi. „Dem können wir zwar medikamentös vorbeugen. Doch das ist noch immer nicht in allen Behandlungsleitlinien verankert.“ Unterschiede zeigen sich auch in der Schmerztherapie. „Paracetamol führt bei Frauen schneller zur Leber-Toxizität als bei Männern. Ein Teil der Patientinnen kann den Wirkstoff nicht so schnell abbauen.“
In Kärnten wird eine Ärzt*innen-Ausbildung für Gender-Medizin angeboten. (https://www.gendermedizin-kaernten.at/diplomlehrgang/). „Wir brauchen deutlich mehr Forschung und Studien, in denen Frauen und Männer gleichermaßen vertreten sind. Da sie in klinischen Studien lange Zeit unterrepräsentiert war, unter anderem wegen möglicher Schwangerschaften oder höherer Studienkosten, basieren viele Dosierungen historisch auf Daten männlicher Probanden.“ Patientinnen würden wohl oft geringere benötigen. „Nur bei Studien zu Frauenkrankheiten wie Mammakarzinom und Osteoporose sind Männer im Nachteil.“
Fotos: Titelbild (c) Freepik; Expertenportrait Andrea Dorighi (c) privat