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Gewaltopfer in der Primärversorgung betreuen

Versorgung
Aktuelles

Fachkräfte im Gesundheitswesen sind immer wieder mit Patient*innen mit Gewalterfahrungen konfrontiert. Der Umgang mit einem Verdacht erfordert viel Feingefühl.

Text: Birgit Weilguni

„Besonders vulnerabel hinsichtlich Gewalt sind Kinder, Pflegebedürftige und alte Menschen, Menschen mit Behinderung, LBGTIQ+-Personen, Frauen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, wohnungslose Menschen oder Menschen in Ausbeutungsverhältnissen“, erklärt Mag. a Alexandra Grasl-Akkilic, stellvertretende Leiterin beim Wiener Programm für Frauengesundheit. Unterschieden wird zwischen struktureller und interpersoneller Gewalt,

wobei zu Letzterer körperliche, psychische, sexualisierte, ökonomische, Cyber- und Technikgewalt sowie Vernachlässigung gehören. Die Folgen reichen von Schmerzen und Verletzungen über Depressionen, Essstörungen, Panikattacken, ungewolltes Geburtsgewicht von Babys bis hin zu risikoreichem Verhalten wie Medikamenten- oder Drogenmissbrauch.

Im Rahmen eines Webinars, das von der Plattform Primärversorgung in Kooperation mit der Gesundheit Österreich GmbH durchgeführt wurde, diskutierten Expert*innen über das Thema „Menschen mit Gewalterfahrung: Erkennen, Ansprechen, Handeln in der Primärversorgung“.

In Österreich hat rund jede dritte Frau ab dem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Der gefährlichste Ort für Frauen ist das Zuhause. Doch auch Männer, Kinder, ältere Menschen oder Personen in Abhängigkeitsverhältnissen erleben Gewalt in verschiedensten Settings. Wichtig ist in jedem Fall, „hinschauen, nicht wegschauen“, rät Grasl-Akkilic. Dem pflichtet auch Allgemein- und Familienmediziner Dr. Anton Wankhammer bei: „Wenn Sie Anzeichen von Gewalt bemerken, müssen Sie als Primärversorger*in aktiv werden.“ Es gäbe häufig niemanden sonst, die oder der im Interesse des Opfers tätig werden könne.

Unsicherheitsfaktor im medizinischen Alltag

Der Arzt erinnert daran, dass oftmals der Schein trügt und sich hinter vermeintlich banalen Verletzungen dramatische Gewaltsituationen verbergen können. Daher sei es wichtig, Vertrauen zu bieten, nachzufragen, zuzuhören, sorgfältig zu dokumentieren und weitere Hilfe zu vermitteln. „Der Hausarzt oder die Hausärztin von Täter und Opfer in einer Familie zu sein, mit beiden Seiten in einem Vertrauensverhältnis, kann Vorteile haben, aber auch schwierig sein“, warnt Wankhammer. Der Arzt plädiert dafür, großzügig und sorgfältig mit Fotos und Beschreibungen zu dokumentieren.

Gewaltopfer haben in vielen Fällen mit intensiven Scham- und Angstgefühlen zu kämpfen und erzählen nicht unbedingt freimütig, was ihnen widerfahren ist. Allgemeinmedizinerin Mag. a Dr. in Edith Schratzberger-Vécsei berichtet auch von Stress, Sorge und Überforderung, die Primärversorger*innen selbst betreffen können: „Die Krux ist, dass wir mit einem Hauch von Vorwurf in der Kommunikation den Patienten oder die Patientin verlieren.“ Die Ärztin rät zu sorgfältiger Vor- und Nachbereitung und die Inanspruchnahme von Balintgruppen.

Primärversorger*innen können Gewalt an verschiedenen Anzeichen erkennen – sie sind gefordert, sensibel und gleichzeitig konsequent die richtigen Fragen zu stellen und an passende Hilfsangebote zu verweisen. Hermine Buchegger, DGKP ist Forensic Nurse in der Notaufnahme und Mitglied der Opferschutzgruppe der Klinik Ottakring. Sie nennt typische Verletzungen, die Hinweise auf eine Gewalterfahrung darstellen können: „Red Flags für häusliche Gewalt sind Verletzungen in unterschiedlichen Heilungsstadien, verspätete Vorstellung im Krankenhaus, nicht plausible Erklärungen, übermäßig kontrollierende Angehörige und chronische Beschwerden, die keine offensichtlichen psychischen Ursachen haben.“ Auch extragenitale, Bagatellverletzungen, Hämatome, Widerlagerverletzungen, Doppelstriemen, Griff-, Fesselungs- und Entkleidungsspuren, Gewalt gegen den Hals oder Abwehrverletzungen bei stumpfer Gewalt sollten Primärversorger*innen aktiv werden lassen.

Die Forensic Nurse engagiert sich für Spurensicherungsschulungen. Sie rät, vorsichtig, aber gezielt nachzufragen und auch im Zweifelsfall Betroffene an Gewaltschutzzentren und andere spezialisierte Kontaktstellen zu verweisen. Sie hat abschließend einen wertvollen Rat für Primärversorger*innen. Mit drei entscheidenden Fragen kann schnell klar sein, ob es sich um eine Gewalterfahrung handelt: „Weiß jemand, dass Sie hier sind? Darf jemand nicht wissen, dass Sie hier sind? Gibt es in Ihrer Umgebung jemanden, der Ihnen Unbehagen oder Angst bereitet?“ Die Antworten können untrügliche Hinweise auf Gewalterfahrungen bedeuten.

Kontaktstellen:
Österreichweit:

https://toolbox-opferschutz.at und https://toolbox-opferschutz.at/Kontaktadressen

https://primaerversorgung.gv.at/gewalt

https://gesundausderkrise.at/

Frauenhelpline: 0800 222 555
Männerinfo: 0800 400 777

Opfer-Notruf (Weißer Ring): 0800 112 112 Mo–Fr 8–20 Uhr

Wien:

https://www.meduniwien.ac.at/web/untersuchungsstelle-fuer-gewaltbetroffene/downloads/

Gewaltambulanzen:

https://gerichtsmedizin.medunigraz.at/gewaltambulanz

https://www.meduniwien.ac.at/web/untersuchungsstelle-fuer-gewaltbetroffene

Demnächst: Gewaltambulanz am Kepler Universitätsklinikum in Linz

Gewaltschutzzentrum:

https://www.gewaltschutzzentrum.at

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