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Hitze am Arbeitsplatz

Gesundheitsberufe
Versorgung

Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Kreislaufbeschwerden: Hitze wird für immer mehr Beschäftigte zum Gesundheitsrisiko – und betrifft längst nicht nur jene, die im Freien arbeiten. Hitzeschutz wird zur zentralen Zukunftsfrage der Arbeitswelt.

Text: Rosi Dorudi

Wenn die Temperaturen steigen, sinkt nicht nur das Wohlbefinden. Auch Konzentration, Leistungsfähigkeit und Sicherheit am Arbeitsplatz leiden. Mit dem Klimawandel werden Hitzewellen häufiger und intensiver – und damit wächst die Belastung für Beschäftigte in nahezu allen Branchen.

Ab wann hohe Temperaturen tatsächlich zum Gesundheitsrisiko werden, lässt sich allerdings nicht pauschal beantworten. „Einen Temperaturwert, ab dem es generell gefährlich wird, gibt es nicht – zu unterschiedlich reagiert jeder Mensch auf Hitze“, erklärt Felix Durstmüller vom Kompetenzzentrum Klima und Gesundheit der Gesundheit Österreich (GÖG). Entscheidend seien die Arbeitsbedingungen, die Dauer der Belastung und individuelle Faktoren wie Alter oder Vorerkrankungen. Während für manche bereits 25 Grad Außentemperatur problematisch sein können, können andere besser mithöheren Temperaturen umgehen. „Ab einer gefühlten Temperatur von mindestens 30 Grad Celsius, also jener Schwelle, die auch der Hitzewarnstufe 2 entspricht, besteht jedenfalls ein potenzielles Gesundheitsrisiko“, sagt Durstmüller.

Die gesundheitlichen Folgen reichen von vergleichsweise milden Beschwerden bis hin zu akuten Notfällen. „Zu den häufigsten Symptomen zählen Müdigkeit, Erschöpfung, Dehydrierung, Schwindel und Kopfschmerzen“, fährt Durstmüller fort. „Starkes Schwitzen entzieht dem Körper Flüssigkeit und Elektrolyte – mit spürbaren Folgen: Leistungsabfall und Kreislaufprobleme setzen rasch ein.“ Auch Muskelkrämpfe oder Hautausschläge können auftreten. Im schlimmsten Fall wird Hitze lebensbedrohlich. „Steigt die Körpertemperatur auf über 40 Grad Celsius, spricht man von einem Hitzschlag – einem akuten medizinischen Notfall.“ Doch auch die langfristigen Folgen sind nicht zu unterschätzen: Wer regelmäßig starker Hitze ausgesetzt ist, trägt ein erhöhtes Risiko für beispielsweise Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen.

Hitze trifft auch die Psyche: Reizbarkeit, Müdigkeit und sozialer Rückzug sind typische Folgen, die Einsamkeit und Ängste verstärken können – besonders bei Menschen mit bestehenden psychischen Beschwerden. Am Arbeitsplatz verschärft mangelnde Kommunikation das Problem: „Wenn Arbeitgeber das Thema nicht ernst nehmen, fühlen sich Beschäftigte oft mit ihrem Zustand allein gelassen“, sagt Durstmüller.

Mehr Betroffene als vermutet

Wer an Hitzebelastung denkt, hat meist Bauarbeiter oder Beschäftigte in der Landwirtschaft vor Augen. Tatsächlich sind diese Berufsgruppen besonders exponiert. Durstmüller warnt jedoch davor, den Blick auf wenige Tätigkeiten zu beschränken. Eine oft unterschätzte Gruppe seien etwa Liefer- und Zustelldienste. Fahrradboten arbeiten bei hohen Temperaturen im Freien, sind körperlich stark gefordert und häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig. „Diese Gruppe wird in der Diskussion oft vergessen“, sagt der Experte.

Besonders betroffen seien außerdem Beschäftigte im Gesundheitswesen und bei Einsatzorganisationen. Dort komme es zu einer mehrfachen Belastung. Einerseits steige bei Hitze das Patient*innenaufkommen beziehungsweise der Betreuungsbedarf, andererseits seien die Beschäftigten selbst den hohen Temperaturen ausgesetzt. Hinzu komme in vielen Bereichen das Tragen von Schutzkleidung. „Während das Pflegepersonal den erhöhten Bedarf bewältigen muss, sind sie gleichzeitig selbst von der Hitze betroffen“, beschreibt Durstmüller die Situation.

Wie stark diese Belastung wahrgenommen wird, zeigt eine Befragung der GÖG unter knapp 500 Angehörigen von Gesundheitsberufen. Mehr als 70 Prozent gaben an, sich durch hitzebedingte Gesundheitsprobleme am Arbeitsplatz belastet zu fühlen. Genannt wurden insbesondere Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit, psychischer Stress sowie ein erhöhtes Unfallrisiko.

Das Beispiel Rettungsdienst macht die Lage greifbar: Einsatzkräfte sind oftmals aus Sicherheitsgründen verpflichtet, volle Schutzausrüstung zu tragen – unabhängig von der Temperatur. „Eine lange Einsatzjacke bei 35 Grad Celsius ist eine enorme Belastung", sagt Durstmüller.

Hitzeschutz beginnt nicht bei der Klimaanlage

Wirksamer Hitzeschutz am Arbeitsplatz ist oft eine Frage der Organisation, nicht des Budgets, betont Durstmüller. „Eine der wichtigsten Maßnahmen ist es, Mitarbeitende zu sensibilisieren und Informationen bereitzustellen“, sagt er. Gerade kleinere Betriebe hätten oft den Vorteil kurzer Entscheidungswege und könnten rasch reagieren.

Das STOP-Prinzip des Arbeitsschutzes gibt hier einen klaren Rahmen vor. An erster Stelle steht die Substitution: Gefahrenquellen werden nach Möglichkeit eliminiert, etwa indem schwere Arbeiten in die kühleren Morgenstunden verlegt oder auf weniger belastende Verfahren umgestellt werden. Technische Maßnahmen folgen als zweite Stufe – Klimageräte, Ventilatoren, Sonnenschutz-Rollos, abgeschirmte Maschinen oder Sonnensegel im Freien schützen alle Beschäftigten kollektiv. Dritte Priorität haben organisatorische Anpassungen: zusätzliche Hitzepausen, kostenlose Getränke oder die Verlagerung von Tätigkeiten in den Schatten. Den Abschluss bilden persönliche Schutzmaßnahmen – funktionale Sommerkleidung, Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Sonnenschutz für den Außenbereich.

Für Gesundheitseinrichtungen, in denen Klimaanlagen aus hygienischen, technischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht flächendeckend eingesetzt werden können, verweist Durstmüller auf ein breites Spektrum an Alternativen – und betont deren Vorzüge auch aus Klimaschutzperspektive: „Dazu zählen bauliche Maßnahmen wie Verschattung und Begrünung, eine gezielte Nacht- und Querlüftung, die Einrichtung kühler Rückzugsräume, die Anpassung von Pflege- und Arbeitsabläufen sowie strukturierte Hitzeschutzpläne.“ Zentrale Ansatzpunkte zur Umsetzung lieferten der nationale Hitzeschutzplan sowie der Zielkatalog Klimaresilientes Gesundheitswesen der GÖG.

Felix Durstmüller (c) privat

Wenn Arbeitgeber das Thema nicht ernst nehmen, fühlen sich Beschäftigte oft mit ihrem Zustand allein gelassen.

Felix Durstmüller

Kompetenzzentrum Klima und Gesundheit der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG)

Mit Jahresbeginn sei zudem die neue Hitzeschutzverordnung in Kraft getreten. „Sie verpflichtet Arbeitgeber dazu, Hitze und UV-Strahlung in die Arbeitsplatzevaluierung einzubeziehen und entsprechende Hitzeschutzpläne zu erstellen“, erläutert Durstmüller. Wird die offizielle Hitzewarnstufe 2 ausgerufen, müssen die vorgesehenen Maßnahmen umgesetzt werden. Zudem gelten neue Vorgaben für persönliche Schutzausrüstung und die Klimatisierung bestimmter Baustellenfahrzeuge.

Für Durstmüller ist die Verordnung ein wichtiger Meilenstein. Der nächste Schritt sei nun, ihre Umsetzung sicherzustellen und ihre Wirksamkeit zu evaluieren. Forderungen nach generellen Arbeitsverboten während der Mittagshitze sieht er differenziert. Modelle wie die oft zitierte Siesta würden zwar auf den ersten Blick attraktiv wirken, seien in der Praxis jedoch nicht ohne Weiteres umsetzbar. Betreuungspflichten und betriebliche Abläufe müssten dabei ebenso berücksichtigt werden.

Handlungsbedarf sieht Durstmüller vor allem bei Arbeitsplätzen in Innenräumen: Die bestehenden Regelungen seien vielfach älter und würden die Herausforderungen des Klimawandels noch nicht ausreichend berücksichtigen.

Zudem brauche es einen größeren Rahmen – Hitzeschutz, der wirkt, müsse Stadtentwicklung, Raumplanung und Sozialpolitik einschließen. „Begrünung, Abkühlungsmöglichkeiten und Frischluftschneisen wirken sich auch positiv auf Arbeitsplätze aus“, sagt er – gerade in Städten, wo der Hitzedruck weiter steigen wird. Bis die Regelungen mit der Realität Schritt halten, bleibt eines klar: Wer Beschäftigte schützen will, muss Hitze als das behandeln, was sie ist – ein Arbeitsrisiko, das künftig keinen Sommer mehr auslässt.

Fotos: Titelbild © Diana Grytsku/Magnific; Expertenbild © Felix Durstmüller

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