Walter Berger (c) MedUni Wien
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„Präzisionsmedizin ist voll und ganz angekommen“

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Seit einigen Jahren rücken Präzisions- und personalisierte Medizin zunehmend in das Zentrum des Interesses – nicht nur in der Onkologie. Walter Berger, Krebsforscher und Mitgestalter des Eric Kandel Instituts, im INGO-Gespräch.

Interview: Birgit Weilguni

Univ.-Prof. Mag. Dr. Walter Berger, stellvertretender Leiter des Zentrums für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien und Gruppenleiter für Angewandte und experimentelle Onkologie, blickt voll Vorfreude auf die Errichtung des Eric Kandel Instituts – Zentrum für Präzisionsmedizin, das voraussichtlich 2027 in Vollbetrieb gehen wird. Schon davor, nämlich 2026, wird das Center for Translational Medicine (CTM) an der MedUni Wien eröffnet. Beide Institute verbinden Grundlagenforschung mit klinischen Anwendungen. INGO hat mit dem Experten über aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet der Präzisionsmedizin gesprochen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Präzisionsmedizin und personalisierter Medizin?

Walter Berger: Beide Begriffe werden überlappend verwendet, aber es gibt einen kleinen Bedeutungsunterschied. Die Präzisionsmedizin arbeitet mit Markern, die mir zum Beispiel sagen, dass eine Mutation im EGFR-Gen besteht. Lungenkrebs-Patient*innen mit dieser Mutation werden dann mit einem EGFR-Rezeptor-Inhibitor behandelt. Personalisierte Medizin bezeichnet eher Themen, die Patient*innen direkt betreffen, also etwa die therapeutische Impfstrategie gegen Krebs. Die Erbsubstanz wird sequenziert und krankhaft veränderte Eiweiße werden gesucht, die das Immunsystem erkennen kann. Daraus werden Peptide hergestellt und Vakzine entwickelt. Sie werden individuell für Patient*innen – personalisiert – produziert. Geht es also um den/ die individuellen/ individuelle Patient*in, verwende ich eher den Begriff „personalisierte Medizin“. Mit Präzisionsmedizin bezeichne ich zum Beispiel eine Subgruppe von Patient*innen, die präzise nach einem bestimmten Schema therapiert werden.

Vor einigen Jahren begann Präzisionsmedizin in der modernen Medizin Fuß zu fassen. Wie sehr ist sie im Spitalsalltag angekommen?

Walter Berger: Die Präzisionsmedizin ist voll und ganz in der Onkologie angekommen. Weitere Felder folgen jetzt nach. Wir arbeiten mit Markern, die validiert und von den europäischen und amerikanischen Behörden zugelassen werden. Sie helfen uns, Mutationen zu finden und die First-Line-Therapien darauf abzustimmen. Daher hat die Präzisionsmedizin schon jetzt eine starke Auswirkung auf Überlebensraten.

Hält auch die Erstattung damit Schritt?

Walter Berger: Im Bereich der Onkologie schon. Da fließt viel Geld in die Behandlungen und die Medikamentierung. Auch in anderen Bereichen ist die Präzisionsmedizin schon Alltag, weil klinische Studien die Effizienz belegen. Das ändert sich natürlich in der personalisierten Medizin, wenn zum Beispiel individuelle Vakzine für Patient*innen hergestellt werden. Hier werden etwa auch Immunzellen entnommen, modifiziert und wieder infundiert, um die Immunabwehr zu reaktivieren. Die Erkenntnisse, die dahingehend im Eric Kandel Institut in der Grundlagenforschung gewonnen werden, können im CTM nach Good Manufacturing Practice (GMP) in Zelltherapien umgelegt werden. Das reduziert dann die Kosten dieser per se sehr kostenintensiven Therapien, weil wir in Wien solche Therapien selbst herstellen können.

Für welche Fachgebiete eignet sich die Präzisionsmedizin besonders?

Walter Berger: Neben der Onkologie, über die wir schon gesprochen haben, eignen sich beispielsweise auch alle erblichen Gendefekte sehr gut, etwa Krankheitsbilder mit einer Mutation der Erbsubstanz, die mit einem gentechnologischen Ansatz korrigiert werden kann. Mit der Genschere, die ja mit einem Nobelpreis gekrönt wurde, können Stammzellen sehr präzise repariert werden. Auch in anderen medizinischen Feldern wie der Kardiologie und bei neurodegenerativen Erkrankungen geht viel in Richtung Präzisionsmedizin. Wir sind hier noch nicht so weit wie in der Onkologie, aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich viel bewegen. Voll durchgeschlagen haben zweifelsohne verschiedene gezielte Krebstherapien, etwa Lungenkrebs oder auch Melanome. Es ist interessant, dass die Immuntherapie, der nächste Schritt, eigentlich unpräziser geworden ist, denn man überlässt den körpereigenen Abwehrkräften den Kampf, um das Immunsystem wieder anzufeuern. Mit zellbasierter Therapie wird es dann aber wieder superpräzise. Wir haben mittlerweile sehr hohe Heilungsraten, etwa bei kindlichen Tumoren.

Findet die Präzisionsmedizin nur in der Therapie Anwendung oder auch schon davor?

Walter Berger: In der Diagnose hat sie einen sehr hohen Stellenwert, sie erleichtert beispielsweise die Klassifikation von Tumoren. Das vereinfacht wiederum die Anwendung der Präzisionsmedizin, weil krankhafte Veränderungen so genau und standardisiert nachweisbar werden. Gleichzeitig wird es auch schwieriger, weil die Fallzahlen pro einzelner Tumorerkrankung durch präzisere Aufgliederung kleiner werden. Manche früher große Tumorentitäten sind nun zerfallen in sechs oder sieben kleine. Damit stellt sich vor allem bei selteneren Erkrankungen die Frage, ob das Patientenkollektiv groß genug ist, um effizient gezielte Therapien entwickeln zu können. Die Zahl der Rare Diseases wird größer, sodass es schwieriger wird die notwendigen Mittel aufzutreiben. Glücklicherweise springen hier auch Regierungen und die EU ein, um seltene Erkrankungen besser zu therapieren.

Gibt es Hindernisse für Präzisionsmedizin und wenn ja, welcher Art?

Walter Berger: Die Kosten sind natürlich ein wichtiger Faktor, aber das ist ein Zug, der sich schon in voller Fahrt befindet. Was uns zurückwirft, ist die momentan wissenschaftsfeindliche Situation in den USA. Sehr viele Programme in diesem Bereich werden im Moment eingestellt oder blockiert. Unsere amerikanischen Kolleg*innen haben zum Teil große Probleme, die Forschung voranzutreiben. Aber auch Österreich kennt eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit, wenn wir nur an die Covid-Zeit denken. Was wir gut brauchen könnten, wäre mehr Vertrauen in die Forschung und Medizin – und auch in die Pharmaindustrie, die wir dafür als Partner dringend brauchen.

Wie steht Österreich in Sachen Präzisionsmedizin im internationalen Vergleich da?

Walter Berger: Österreich ist ein kleines Land. Dadurch sind die Mittel im Vergleich zu beispielsweise China oder den USA beschränkt. Das ist zwar ein Hindernis, aber gleichzeitig eine Chance, weil wir dadurch gezwungen sind, oft mehr in die Tiefe zu gehen, zum Beispiel bei Rare Diseases. Hier sind wir gut aufgestellt und auch gut mit EU-Programmen vernetzt. Mit unseren beiden neuen Zentren würde ich sagen, dass wir auf der Weltkarte der Präzisionsmedizin deutlicher präsent werden. Immerhin steigt die Medizinische Universität Wien in allen Rankings massiv auf und das Wiener AKH gilt als eine der 20 besten Kliniken weltweit (Platz 20 laut Ranking von Newsweek und Statista, Anm. d. Red.). Wenn wir noch dazu über die beiden Zentren zum Beispiel eigene Zelltherapien herstellen können, verbessert das zusätzlich unsere Position. Um die Möglichkeit riesigen Datenmengen – auch mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) –, im Eric Kandel Institut zu analysieren und die Resultate im CTM direkt Richtung klinische Anwendung weiter zu entwickeln, wird man uns beneiden.

Wann werden die beiden Zentren ihre Arbeit aufnehmen?

Walter Berger: Wir sind perfekt in der Zeit. Das Eric Kandel Institut wird wahrscheinlich Anfang 2027 eröffnet, das CTM schon Mitte 2026. Es gibt an der Medizinischen Universität Wien auch bereits ein Masterstudium Präzisionsmedizin auf dessen 25 Studienplätze sich jedes Jahr mehrere Hundert Studierende aus aller Welt bewerben.

Wo sehen Sie die Präzisionsmedizin in fünf bis zehn Jahren? Welches Potenzial hat sie?

Walter Berger: Die Präzisionsmedizin löst auch einen Turbo für Data Science und KI aus. Sie beschleunigt viele Prozesse enorm: von der Diagnose über die Arzneimittelentwicklung bis zur Therapie.

Titelbild: © MedUni Wien/feelimage

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