
Alexandra Rümmele-Waibel, Vizepräsidentin der Ärztekammer für Vorarlberg, sieht noch Änderungsbedarf bei der Unterstützung von Ärztinnen in der Niederlassung. Ein Pilotprojekt soll den Mutterschutz absichern.
Interview: Birgit Kofler
Sie haben ein Symposium zu den veränderten Rollenbildern von Frauen in der Medizin veranstaltet. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Veränderungen der letzten Jahrzehnte? Und wo besteht noch Änderungsbedarf?
Alexandra Rümmele-Waibel: Frauen werden mit ihren Leistungen immer stärker wahrgenommen und die Qualität ihrer Arbeit wird nicht mehr in Frage gestellt. Es gibt inzwischen die Möglichkeit der Teilzeitausbildung, die Kinderbetreuung in den Krankenhäusern und Ausbildungsstätten wird permanent ausgebaut. Da tut sich bundesweit schon einiges. Im niedergelassenen Bereich allerdings muss in dieser Hinsicht noch etliches passieren.
In Vorarlberg ist der Anteil der Frauen an der Ärzteschaft noch leicht unter dem Bundesschnitt. Woran könnte das liegen?
Alexandra Rümmele-Waibel: Die Kinderbetreuung in Vorarlberg ist im Vergleich zu den anderen Bundesländern noch nicht so gut ausgebaut. Vor allem die Randzeiten sind in den Betreuungseinrichtungen kaum besetzt. Das ist mit dem ärztlichen Beruf schwer vereinbar. Vermutlich spielt in Vorarlberg auch das alte Rollenbild der Frau noch da hinein. In einigen Teilen der hiesigen Bevölkerung – wie auch in anderen meist ländlichen Gebieten Österreichs – wird immer noch angenommen, dass es besser ist, wenn die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt anstatt zur Arbeit zu gehen. Hier ist das Weltbild in urbanen Gegenden und größeren Städten wohl ein anderes. Außerdem sind Karrieremöglichkeiten an den großen Unikliniken besser und für Frauen oftmals interessanter als bei uns am Land.
Zugleich gibt es aber in ihrem Bundesland mit Ihrer Person eine Vizepräsidentin, und die Kammer spiegelt in ihrer Bezeichnung Ärztinnen und Ärzte gleichermaßen wieder. Sind Sie schon zufrieden mit der Repräsentation von Frauen in den Gremien der regionalen und der bundesweiten Ärztekammer oder gibt es noch Aufholbedarf?
Alexandra Rümmele-Waibel: Vorarlberg ist eine der wenigen Landesärztekammern mit Frauen an der Spitze der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – neben Wien und Niederösterreich. In Österreich gibt es nur eine einzige Präsidentin in Oberösterreich, die Bundeskurie ist definitiv männlich dominiert. Es zeigt sich aber eine Zunahme des Frauenanteils auch hier und dies ist in Hinblick darauf, dass die Medizin immer weiblicher wird, dringend notwendig. Daran wird man auch in den nächsten Jahren bei Nachbesetzungen denken müssen. In Vorarlberg bin ich die einzige Frau im vierköpfigen Präsidium. Die Kurie selbst aber wird immer weiblicher und ich strebe definitiv an, in den nächsten Jahren auch dort den Frauenanteil weiter zu erhöhen, um die Verteilung von Ärztinnen und Ärzte auch in der Kurie aufzeigen zu können. In Vorarlberg gibt es zu diesem Vorhaben keinen Widerstand, im Gegenteil, das wird vom Präsidium stark gefördert.
Die Zahlen zeigen, dass der Frauenanteil bei Spitals-Ärzt*innen deutlich größer ist als in der Niederlassung. Warum ist das so und was muss passieren, um das zu ändern?
Alexandra Rümmele-Waibel: Der Frauenanteil generell steigt seit einigen Jahren, das bedeutet, dass viele Ärztinnen teilweise noch in Ausbildung sind, also im Spital. Zudem sehen wir, dass die Selbstständigkeit häufig erst nach Abschluss der Familienplanung angegangen wird. Wir haben in Vorarlberg daher ein Pilotprojekt aufgesetzt, um auch Frauen in der Niederlassung einen Mutterschutz mit finanzieller Absicherung anbieten zu können.
Bei den jüngeren Ärzt*innen überwiegen bereits die Frauen, die zu einem Teil in Teilzeit arbeiten wollen, und insgesamt geht bei der jüngeren Ärzt*innen-Generation, auch bei den Männern, der Trend weg von Vollzeitarbeit. Was bedeutet das für die Versorgung?
Alexandra Rümmele-Waibel: Teilzeit wird nicht nur wegen der Kinderbetreuung angestrebt, sondern auch für eine ausgewogene Work Life Balance. Dieser Trend ist deutlich sichtbar und ist auch zu akzeptieren. Für die Versorgung bedeutet das allerdings, dass wir mehr Personen als bisher brauchen und das wird auf lange Sicht sicherlich eine Herausforderung.
Die Reformpartnerschaft sieht unter anderem einen massiven Ausbau von PVE vor. Ist das eine Chance, weil familienfreundlichere Arbeitsmodelle möglich sind, oder ein Risiko, dass letztlich das Ende der Freiberuflichkeit von Ärztinnen eingeläutet wird?
Alexandra Rümmele-Waibel: Ich denke, wir brauchen beide Modelle. Es gibt viele Ärztinnen und Ärzte, die die Selbstständigkeit bevorzugen und darum die Arbeit in der Einzelpraxis wählen. Das muss dringend erhalten bleiben und immer möglich sein. Ein massiver Ausbau mit PVE und gleichzeitig ein Rückgang der Zahl an Einzelordinationen wird das Problem der Versorgung nicht lösen.
Was ist aus ihrer Sicht beziehungsweise aus Sicht ihrer Kammer, wenn sie es priorisieren müssten, das dringlichste Anliegen an die Gesundheitsreform?
Alexandra Rümmele-Waibel: Wir brauchen eine stabile finanzielle Sicherung der ÖGK. Ohne die wird der Ausbau der Niederlassung nicht möglich sein und damit auch die Entlastung der Spitalsambulanzen sehr schwierig werden. Und es benötigt wieder eine gemeinsame Entwicklung des Gesundheitssystems mit Einbezug der Ärzteschaft. Und ganz wichtig: Der Arztberuf muss definitiv ein freier Beruf bleiben.
Kleinere Spitalsstandorte sollen nach den Reformplänen zu ambulanten Gesundheitszentren werden. Was bedeutet das konkret für ihr Bundesland? Und was würde die Spitäler wirklich entlasten?
Alexandra Rümmele-Waibel: Ich befürchte, dass dies keine Entlastung der Spitäler bringt, da die Gesundheitszentren ja auch mit Fachärztinnen und Fachärzten besetzt werden müssen. Wo kommen die her? Aus den Spitälern? Wer betreibt diese Zentren? Es darf nicht dazu kommen, dass die geplanten Zentren die niedergelassenen Strukturen ersetzen!
Was braucht es, damit Kassenverträge für junge Ärzt*innen tatsächlich attraktiv werden?
Alexandra Rümmele-Waibel: Zukunftssicherheit, vor allem was die Gesetzesänderungen und die finanzielle Situation der ÖGK betrifft. Die Arbeitsbelastung muss zumutbar sein, bei zunehmender Bevölkerung benötigen wir einfach auch mehr Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung. Es braucht dringend einen Abbau der Bürokratie und das Honorarsystem muss es zulassen, mehr Zeit für Patientinnen und Patienten zu haben. Also mehr Medizin und weniger Verwaltung.
Zur Person
Dr.in Alexandra Rümmele-Waibel, MSc, ist Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und Kassenärztin in der Kinderpraxis am Schlossberg. Sie hat einen Master of Science in Neuroorthopädie Disability Management, ist Ärztliche Leiterin des Schulheims Mäder und in der Konsiliartätigkeit für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus Dornbirn tätig. In der Ärztinnen- und Ärztekammer für Vorarlberg ist sie 2. Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzt*innen.
Titelbild: © Ärztinnen- und Ärztekammer Vorarlberg/Walser