
Der Schweizer Kanton St. Gallen schließt kleine Spitäler, eröffnet Gesundheitszentren und setzt auf Ambulantisierung. Die Bevölkerung stimmte in einer Volksabstimmung klar zu.
Interview: Karin Lehner
Wie sehen die Spitäler der Zukunft aus? In welche Richtung müssen sie sich verändern?
Bruno Damann: Bei uns in der Schweiz muss das klar in Richtung Ambulantisierung gehen. Die Spitäler müssen größer und spezialisierter werden. Mir ging es nicht in erster Linie um das Einsparen von Geld, sondern um die damit verbundene Steigerung der Qualität der Standorte. Damit sinkt auch die Liegedauer von Patient*innen, die aktuell ohnehin schon gute 5,2 bis 5,4 Tage im Schnitt beträgt. Aber zum Wohle der Patient*innen kann sie in spezialisierten Zentren noch kürzer werden.
Was braucht es als Ausgleich zur Schließung kleiner Spitäler zugunsten von großen Einheiten?
Bruno Damann: Unsere Regierung gab von Anfang an die Devise aus: Pro geschlossenem Spital muss es ein neues Gesundheitszentrum geben. Nun haben wir welche, die Kardiologie-Sprechstunden und Dialyse anbieten, und solche, die von Hausärzt*innen betrieben werden. Die Versorgung der Bevölkerung muss weiterhin ganzjährig 24/7 sichergestellt sein.
Welche Standorte werden bzw. wurden bei Ihnen geschlossen?
Bruno Damann: Jene, die nicht auf die festgelegten Mindestfallzahlen pro Jahr kommen. Denn Letztere sind das einzige objektive Kriterium zur Qualitätsmessung im medizinischen Bereich. Für Patient*innen ist es besser, wenn Operateur*innen den Eingriff oft machen und er dadurch kürzer dauert, als wenn Chirurg*innen ihn weniger häufig durchführen und damit länger brauchen. Auch die Nachsorge ist in einem spezialisierten Zentrum auf einem ganz anderen Niveau. Aktuell schließen wir wieder ein kleines Spital, das die Mindestfallzahlen-Anforderung nicht erfüllen konnte. Wir entziehen ihm die Leistungsvereinbarung. Damit bezahlt die Krankenkasse Therapien und Operationen nicht mehr. Ein Transformationsprozess ist also nie zu Ende.
Ist der Veränderungsprozess auch eine Folge des Ärzt*innenmangels?
Bruno Damann: Ja, aber auch des Mangels an qualifizierten Pflegekräften. Junge Menschen in beiden Berufen wollen viel lieber in großen Einheiten im Team arbeiten statt als Einzelkämpfer*innen.
Gab es auch Hürden im Prozess?
Bruno Damann: Durchaus. So gab es bei uns anfangs Probleme mit niedergelassenen Ärzt*innen, die wir für die neue Versorgung aber dringend benötigen. Vor allem Ältere hatten andere Vorstellungen. Sie wollten zunächst nicht zentral im Team arbeiten, sondern lieber in ihrer eigenen Praxis. Sie mit ins Boot zu holen, hätte durch bessere Kommunikation einfacher verlaufen können.
In Österreich verursachen Transformationspläne von Spitälern regelmäßig öffentlichen Aufschrei, zuletzt im steirischen Ennstal. Wie haben Sie die Veränderungen kommuniziert?
Bruno Damann: Gute, ehrliche und glaubwürdige Kommunikation ist in einem Transformationsprozess entscheidend. Zwei Beispiele aus der Praxis: In meiner Zeit als Assistenzarzt gab es im Kantonsspital drei Chefärzt*innen, heute sind es zwölf. Eine entscheidende Qualitätsverbesserung für Patient*innen. Dasselbe im Rettungswesen. Heute sind das fahrende Intensivstationen, die Menschen auch auf einer leicht verlängerten Strecke zu einem großen Zentrum sicher und stabil transportieren. Außerdem sind Rettungshubschrauber nun viel häufiger als früher im Einsatz, die auch weiter entfernte Standorte in kürzester Zeit erreichen.
Hat die Bevölkerung die Pläne von Anfang an mitgetragen?
Bruno Damann: Nein. 2004 wurde ein Regierungsrat abgewählt, weil er kleine Spitäler schließen wollte. Damals war die Zeit noch nicht reif für diese Pläne. Heute verstehen die Menschen, dass finanzielle und personelle Ressourcen gebündelt werden müssen und dass es dadurch nicht zu einer Verschlechterung, sondern zu einer Verbesserung der Versorgung kommt. Also gab es bei einer Volksabstimmung ein klares „Ja“ für den Transformationsprozess unserer Spitäler.
Davon ist Österreich weit entfernt. Ihr Rat an heimische Entscheider*innen?
Bruno Damann: Transformationspläne dürfen nicht nur von Politiker*innen kommuniziert werden. Dafür braucht es Mediziner*innen, die ihr Fachgebiet verstehen, glaubwürdiger sind und dadurch gehört werden.
Zur Person:
Regierungsrat Dr. med. Bruno Damann steht dem Gesundheitsdepartement St. Gallen vor und ist Mitglied der St. Galler Regierung. Als Mediziner war er zunächst als Assistenzarzt im Kantonsspital tätig und leitete später 25 Jahre lang eine Hausärzt*innen-Praxis mit Schwerpunkt Sportmedizin. Heute ist er für die Transformation der Spitäler in der St. Galler Region Richtung Zukunft verantwortlich.
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